Ihre letzte Stelle mit Arbeitsvertrag hatte Angelika Pühl im Jahr 2000. Seitdem gab es für sie nur noch Arbeitsgelegenheiten - keine befriedigende Situation für die heute 53-Jährige. Seit einem Jahr unterstützt sie das Team des Awo-Mehrgenerationenhauses am Bürglaßschlösschen 15 Stunden in der Woche. "Ich mag an dieser Arbeit einfach alles", sagt sie und lächelt.

Ganz leicht war die Umstellung nach den vielen Jahren ohne Job nicht. Aber: "Hier werde ich nicht alleingelassen." Wichtig seien ihr vor allem die sozialen Kontakte. "Und ich habe kreative Talente bei mir entdeckt", ergänzt Pühl. Die nutzt sie gern zum Beispiel beim Dekorieren des Cafés im Mehrgenerationenhaus oder beim Gestalten von Karten. "Auch die Arbeit am Computer wird unterstützt."


Bis zu 30 Stunden in der Woche

Möglich macht das Ganze ein Bundesprogramm mit dem bezeichnenden Titel "Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt". Dabei geht es nicht vordergründig um die Integration Langzeitarbeitsloser in den ersten Arbeitsmarkt, sondern darum, die teilnehmenden Personen zu stabilisieren und ihre Chancen auf eine ungeförderte Beschäftigung zu verbessern. Bis zu 30 Wochenstunden dürfen sie arbeiten.

Die Zielgruppe sind dabei Menschen mit langem Arbeitslosengeld-II-Bezug, die entweder mit Kindern in einer Bedarfsgemeinschaft leben oder unter gesundheitlichen Einschränkungen leiden. Das Programm läuft über drei Jahre - seit 2015 bis 2018. Die regionalen Jobcenter konnten sich um eine Teilnahme an dem Projekt bewerben und 105 wurden deutschlandweit ausgewählt, darunter das Jobcenter Coburg Stadt.

"Wir haben den Zuschlag für 30 Arbeitsplätze bekommen. Dafür wurden uns 1,28 Millionen Euro zur Verfügung gestellt", erläutert Geschäftsführer Frank Bittel. Ginge es nach ihm, würde dieses Projekt Normalität in der Tätigkeit der Jobcenter. "Das Besondere daran ist, dass die Maßnahmen, anders als bei den Arbeitsgelegenheiten, begleitet werden. Und dass Mindestlohn gezahlt wird, was gut für das Selbstwertgefühl der Betroffenen ist."


Teilnehmer erhalten Einzelcoaching

Was Begleitung bedeutet, erklärt Stefanie Knörnschild, Teamleiterin und Koordinatorin für das Programm. "Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden geschult und sie bekommen ein Einzelcoaching." Darüber hinaus gebe es eine Beauftragte für Chancengleichheit, die Kurse anbiete. Die Zusammenarbeit mit Erziehungs-, Sucht- und Familienberatung funktioniere auch. "Wir gehen unter Umständen auch mit zu diesen Beratungsstellen." Unter anderem das sei ein Auswahlkriterium gewesen, weshalb das Jobcenter Coburg Stadt den Zuschlag für die Teilnahme an dem Projekt bekommen habe, ergänzt Frank Bittel. Ein anderes war die Koordination mit potenziellen Arbeitgebern. Denn die Arbeitsverhältnisse müssen wettbewerbsneutral und im öffentlichen Interesse sein.

Das trifft zum Beispiel auf das Awo-Mehrgenerationenhaus zu. Kennengelernt haben sich die Leitung des Hauses und Angelika Pühl bei einem sogenannten Speeddating im April 2016. "Die Entscheidung kam von beiden Seiten", sagt Stefanie Knörnschild. Das bestätigt auch die Leiterin des Mehrgenerationenhauses, Liane Blietzsch. "Wir können unseren Gästen jetzt neue Angebote machen und Dinge, die bisher wegen Personalmangels in der Schublade bleiben mussten, umsetzen."


Extra-Schulung hilft

Dazu gehören zum Beispiel Gespräche mit den Gästen, eine Begleitung beim Mittagstisch im Haus oder auch die Betreuung von Demenzerkrankten. Dafür hat Angelika Pühl eine Extra-Schulung absolviert. Mit zusätzlichen kulinarischen Angeboten möchte sie zudem neue Zielgruppen erreichen - zum Beispiel Männer mit einem Männerfrühstück. "Am Anfang war das körperlich und psychisch anstrengend für mich, ich war das ja nicht mehr gewohnt. Aber die Unterstützung hier hat mir geholfen", erinnert sie sich. Durch die Arbeit mit den Senioren habe sie jetzt auch mehr Verständnis für ihre Eltern und könne besser mit ihnen umgehen. "Ich finde, dieses Projekt sollte weiter gefördert werden, damit es noch mehr Menschen in Anpsruch nehmen können."
Und was für Pläne hat Angelika Pühl nach dem Auslaufen des Programms 2018? "Am liebsten würde ich am Mehrgenerationenhaus bleiben, könnte mir aber auch vorstellen, in einem Bistro oder im sozialen Bereich zu arbeiten."

Auf ein weiteres durch den Europäischen Sozialfonds gefördertes Programm weist indessen Jobcenter-Geschäftsführer Bittel hin. "Es geht darum, Langzeitarbeitslose in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen." Potenziellen Arbeitgebern wird dafür ein Lohnkostenzuschlag von 75 Prozent für einen Zeitraum von zwei Jahren gezahlt. Auch diese Maßnahme wird begleitet, um Abbrüche zu vermeiden. Darüber hinaus werden notwendige Qualifizierungen unterstützt. Bis zum Jahresende können sich interessierte Unternehmen noch im Jobcenter Coburg Stadt unter Telefon 09561/2365188 melden.