Ein Böller und seine Folgen: Wo ist Merle?
Autor: Sandra Hackenberg
Coburg, Freitag, 21. Januar 2022
Ein Knall am Silvesterabend erschreckt Merle (2) so sehr, dass sie in den Neuensorger Wald läuft und seitdem nicht nach Hause findet. Eine dramatische Suche mit ungewissem Ausgang.
Das Futterschälchen vor der Haustür blieb auch in dieser Nacht unberührt. Die Enttäuschung steht Ella (3) und Finn (6) ins Gesicht geschrieben. Tag 21 ohne ihren Kuschelfreund und Spielkameraden.
Silvesterabend, kurz vor 21 Uhr. Familie Denker will in ihrer Einfahrt in Neuensorg zwei Raketen zünden, damit die Kinder ein kleines Feuerwerk haben. Merle (2), ein Australien Shepherd, bleibt im Haus, wo sie vorher schon ein Tischfeuerwerk gezündet haben. "Alles war gut, Merle hat friedlich in ihrem Körbchen geschlafen", erinnert sich Marlen Denker (30) an den Moment, der das Familienleben seitdem komplett auf den Kopf gestellt hat. Nur noch einmal kurz mit dem Hund vor die Tür, damit er sein Geschäft erledigen kann...
Plötzlich ein Knall irgendwo in der Umgebung - Merle erschreckt sich, rennt durch das Gebüsch in den Garten der Nachbarn, von dort aufs Feld und verschwindet in der Dunkelheit. "Meine Frau hat noch versucht, sie festzuhalten. Aber es ging alles so schnell", sagt Kevin Denker (32). Sie rufen und suchen die Umgebung ab, das Familienoberhaupt fährt mit dem Fahrrad bis nach Weidhausen. Nachbarn helfen mit. Doch von Merle fehlt jede Spur. Ins neue Jahr zu feiern, daran denkt niemand mehr.
Dann, kurz vor Mitternacht, ein Anruf: Merle soll gesehen worden sein, wie sie von Weidhausen in Richtung Neuensorg läuft. Kevin Denker fährt ihr mit dem Rad entgegen, da schlägt die Uhr Mitternacht, überall knallt und kracht es. "Obwohl ja wieder kein Feuerwerk verkauft wurde, war es sehr laut." Die Familie fürchtet: Sollte Merle in diesem Moment auf dem Weg nach Hause gewesen sein, haben sie die Böller um Mitternacht möglicherweise zusätzlich traumatisiert. Die Denkers, Freunde und Nachbarn suchen bis in den frühen Morgen, bis ihnen klar wird: Unser Hund ist fort.
Noch in der Silvesternacht haben sie Sandra Lieke vom Hundesuchhilfeteam Franken informiert, die gemeinsam mit ihren Kollegen in den vergangenen Jahren dutzende entlaufene Hunde wieder nach Hause bringen konnte, und das in manchen Fällen nach Monaten. "Was man bedenken muss: Haushunde verwildern in der freien Wildbahn innerhalb von Stunden. Das ist für sie, wie wenn ein Mensch nackt in einem Kriegsgebiet ausgesetzt wird. Dann schaltet sich der Überlebensinstinkt ein."
In den darauffolgenden Tagen folgt eine in Weidhausen beispiellose Suchaktion. Ein Drohnenpilot fliegt das Gelände ab, die Jäger und Förster aus der Umgebung überwachen ihre Wildkameras, wo Familie Denker Futterstellen errichtet hat. Als Merle auch am fünften Tag des neuen Jahres verschwunden bleibt, durchkämmen 170 Menschen Wald und Wiesen, stapfen bei Minusgraden durch Schnee, Regen und Matsch. "Wir haben vielleicht mit 70, 80 Leuten gerechnet. Aber das war der Wahnsinn", erzählt Marlen Denker sichtlich gerührt.
Der Plan von Sandra Lieke geht auf: Durch die Menschenkette wird Merle aufgescheucht und auf einem Feld entdeckt - keine 500 Meter von Zuhause entfernt. "Wir dachten: Okay, sie ist hier und kommt jetzt nach Hause." Die Denkers legen Schleppen - Geruchsfährten, die Merle zurück zu ihrer Familie führen sollen.