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Die Kunst, die niemand mehr braucht


Autor: Johanna Heller

Coburg, Mittwoch, 05. Januar 2022

In vielen Berufsgruppen waren Stenografiekenntnisse nicht nur gewünscht, sondern erwartet. Der Coburger Verein war einer der ältesten Deutschlands. Nun ist er Geschichte.
Eine Unterrichtsstunde des Stenografenvereins im Jahr 1988


Den Coburger Stenografenverein hatte es bereits zu Zeiten gegeben, als die Herzöge noch den Takt in der Stadt angaben. Er hatte beide Weltkriege überstanden, eine Währungsreform und eine Hochwasserkatastrophe. Doch nun scheint der Verein letztendlich an der fortschreitenden Digitalisierung und Corona gescheitert zu sein.

Obwohl es bereits im römischen Reich Kurzschrift gegeben haben soll, war das Stenografieren doch über viele Jahrhunderte weder be- noch anerkannt. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Stenografie dann zunehmend populärer. Auch in Coburg erkannte man damals den Reiz des Schnell-Schreiben-Könnens sofort und unter dem damaligen Herzog, Ernst II, bildeten 14 Gründungsmitglieder im Jahr 1859 einen Stenografenverein. Ihre Berufe reichten vom Postpraktikanten über den Archivar bis hin zum Hoftheaterbibliothekar, doch das Interesse an der Kunst des Stenografierens verband sie.

Der Verein setzte sich im Laufe der Zeit für die Verbreitung der Stenografie ein, lehrte diese zunächst in abendlichen Kursen, später auch an einigen Schulen in Coburg und die Mitglieder nahmen an Wettbewerben teil. In seinen Hochzeiten zählte der Verein mehrere Hundert Mitglieder, denn: In vielen Berufsgruppen waren Stenografiekenntnisse nicht nur gewünscht, sondern erwartet: Im Sekretariat, bei der Post oder um Kongresse, Predigten oder Gerichtsverhandlungen Wort für Wort festhalten zu können.

Mittlerweile ist der Coburger Stenografenverein 162 Jahre alt und war damit einer der ältesten in ganz Deutschland. Jedoch hat die Stenografie mittlerweile immer mehr an Bedeutung verloren. Wirft man einen Blick in die Klassenzimmer der heutigen Zeit, erübrigt sich die Frage nach dem Warum: Anstatt des Schnell-Schreibens lernen die heutigen Generationen in der Schule den Umgang mit Tablets und Computern. Jeder, der ein Smartphone besitzt, kann jederzeit und überall das gesprochene Wort nur durch eine Daumenbewegung aufzeichnen. "Es gibt leider fast niemanden mehr, der die Kunst der Stenografie lernen möchte." Der Vorsitzende des Vereins, Peter Wachtel, bedauert diese Tatsache. Im Zeitalter der Digitalisierung scheint die Stenografie ihren Platz nicht gefunden zu haben.

Obwohl schon seit längerer Zeit keine Kurse mehr stattfanden, hatten sich die Coburger Stenografen dennoch bemüht, ein Stück weit alte Traditionen zu wahren und sich nicht aus den Augen zu verlieren. Von Zeit zu Zeit trafen sich die verbliebenen Mitglieder zu Ausflügen. Jungen Zuwachs bekommen hat der Stenografenverein schon länger nicht mehr. Deshalb hat mit den Jahren auch das Alter der Stenografen zu- und die Anzahl der Vereinsmitglieder abgenommen. Und Corona hat dem Verein dann endgültig einen Strich durch die Rechnung gemacht, erklärt Peter Wachtel: "Wir hatten jetzt zwei Jahre kein Programm mehr." Also fassten zwei Drittel der Verbliebenen Mitglieder einen Beschluss: Der Stenografenverein hatte beschlossen, sich zum Jahresende aufzulösen.

Das verbliebene Vermögen wollte man jedoch einem guten Zweck zukommen lassen. Rund 5000 Euro beträgt das Vermögen des Vereines noch. Und die volle Summe haben die beiden ersten Vorsitzenden an den Thüringerwald-Verein übergeben.

Die beiden Vorsitzenden Dieter Schubert und Helmut Völk freuen sich: "Mit der Spende wollen wir die Wanderwege im Coburger Raum erhalten, Bäume pflanzen oder mit dem Geld unsere Jugendgruppe fördern."

Das schöne, aber auch letzte Kapitel des Stenografenvereins Coburg, dessen Geschichte nun zu Ende ist.

Was ist Stenografie?

Stenografie ist - in einfachen Worten - die Kunst, so schnell zu schreiben, wie man denkt oder spricht. Jeder Buchstabe oder jeder Laut hat ein eigenes Kürzel, einen Strich oder einen Schnörkel.

Das ermöglicht dem gelernten Stenografen, das gesprochene Wort fast eins zu eins mitschreiben zu können. In vielen Alltagssituationen ergeben sich dadurch Vorteile: In der Schule oder Universität, beim Telefonieren oder beim Protokollieren.