In der Welt der Kunst sind acht Jahre eine lange Zeit. In jedem Fall Zeit genug, um Veränderungen signifikant hervortreten zu lassen. Acht Jahre Abstand liegen zwischen den jeweils aktuellen Auflagen des Coburger Glaspreises: 2006 - 2014 - 2014. Acht Jahre Abstand, die den Coburger Glaspreis zum Zeitraffer werden lassen für die Entwicklungen der Glaskunst in Europa.

Das belegt auch jene Auswahl an Exponaten, die bei der Glaspreis-Ausstellung ab Mitte April auf der Veste Coburg und im Glasmuseum Rosenau zu sehen sein werden. Eine international besetzte siebenköpfige Jury hatte rund 100 Werke von 89 Künstlerinnen und Künstlern in einem Online-Voting in die engere Wahl genommen.

Kunst oder Kunsthandwerk? Diese Frage stellt sich bei moderner Glaskunst schon längst nicht mehr. Die Emanzipation des Materials, die Fähigkeit des magischen Materials Glas, Grenzen zu anderen Ausdrucksformen zu überschreiten, hatte schon den Glaspreis des Jahrgangs 2014 in vielen Beispielen geprägt. Bei der fünften Auflage der international renommierten Auszeichnung ist das Ausdrucksspektrum mindestens ebenso weit gesteckt.

Dass Glaskünstler mit ihrer Kunst auch unmissverständlich politisch Stellung beziehen zu wichtigen Themen unserer Zeit, ist in dieser Auswahl unübersehbar. Klar, dass auch die Pandemie und ihre Folgen ihre Spuren hinterlassen hat. Klar, dass auch dominante Themen wie der Klimawandel einen künstlerischen Widerhall finden.

"Gesellschaftliche Themen sind auf breiter Ebene fest etabliert im Glas", sagt Sven Hauschke, als Direktor der Coburger Kunstsammlungen zugleich Initiator für die fünfte Auflage des Glaspreises. Hauschke nennt auch gleich weitere Themen: "Nachhaltigkeit, Feminismus, Corona-Krise."

Große Resonanz gefunden

Inmitten der Corona-Krise hatte die Ausschreibung zum fünften Glaspreis breite Resonanz gefunden - bei Künstlern wie bei Geldgebern. Rund 80 Prozent des mehr als 400000 Euro umfassenden Etats werde durch eingeworbene Drittmittel finanziert, erzählt Hauschke stolz.

Dass dies in schwierigen Corona-Zeiten gelungen sei, habe auch mit dem großen internationalen Stellenwert des Coburger Glaspreises zu tun, der aktuell mit der Zahl der beteiligten Künstler und der Zahl der letztlich ausgewählten Exponate zu den weltweit größten zähle.

Zur gesellschaftlichen Wirklichkeit des Coburger Glaspreises gehört auch der Brexit und seine Folgen. Rund ein Drittel der Exponate stammt von britischen Künstlern oder von Künstlerinnen und Künstlern, die in Großbritannien leben. Die Folge: deren Exponate müssen beim Zoll abgeholt werden - im günstigsten Fall beim Coburger Zoll, gelegentlich aber auch in Schweinfurt oder Hamburg.

Die Corona-Krise hat in vielerlei Hinsicht Spuren in den Arbeiten hinterlassen - hintergründig oder auch ganz explizit wie bei Torsten Rötzsch und seinen drei Varianten B 1.1.7, B 1.167.2 und B 1.351. Ein Objekt hat unübersehbare Bezüge zu Coburg. Jeff Zimmer, Gewinner des 2. Preises im Jahr 2014, hat das auf vielen Kanaldeckeln zu sehende Coburger Stadtwappen des Mohren in ein gläsernes Wandobjekt verwandelt. Der Titel: "Distortions in The Name of Heritage".

Derzeit sind die Exponate noch provisorisch in der Ausstellungshalle der Steinernen Kemenate und der angrenzenden einstigen Küche ausgebreitet. Dort wurden sie von der international besetzten siebenköpfigen Jury begutachtet, von denen - Corona-bedingt - drei nur auf digitalem Weg anwesend waren. Gemeinsam habe man versucht, sich in mehreren Durchgängen einer gemeinsamen Entscheidung anzunähern, erzählt Hauschke. Die Jury hat die Entscheidung über die Preisträger inzwischen gefällt - bekannt gegeben werden deren Namen erst bei der Eröffnung der Ausstellung, die für den 9. April 2022 geplant ist.

2022 Jahr des Glases

Am endgültigen Konzept für die Präsentation der Ausstellung wird gefeilt. Schließlich wollen rund 1000 Quadratmeter bespielt werden - rund 800 auf der Veste, weitere 200 im Glasmuseum in der Rosenau. Zusätzliches Interesse an der Ausstellung erhofft sich Hauschke durch den Umstand, dass die Vereinten Nationen unlängst 2022 zum Jahr des Glases erkoren haben. Künstlerisch gestaltetes Glas werde dabei eine wichtige Rolle spielen: "Der Coburger Glaspreis wird ein Leuchtturm sein im Jahr des Glases."

Rund um den Coburger Glaspreis 2022

Ausschreibung Der Ausschreibung zum Coburger Glaspreis 2022 sind rund 400 internationale Künstlerinnen und Künstler aus 30 Ländern gefolgt. Die siebenköpfige Jury prüfte über 700 Objekte und nahm rund 100 Werke von 89 Künstlerinnen und Künstlern aus 22 Ländern in die engere Auswahl.

Ausstellung Die Objekte sind vom 10. April bis 25. September 2022 auf der Veste Coburg und im Europäischen Museum für Modernes Glas in Rödental zu sehen. Die Preisträger werden am 9. April 2022 verkündet.

Geschichte des Glaspreises Im Jahr 1977 wurde in Coburg der erste offene Wettbewerb für Modernes Glas in Europa ausgerichtet. Damit betraten die Kunstsammlungen der Veste Coburg Neuland. Die Resonanz auf den europaweit ausgeschriebenen Wettbewerb und die publikumsträchtige Ausstellung machten Coburg schlagartig zu einem Zentrum für moderne Kunst aus Glas. Nach der erfolgreichen Durchführung des 2. Coburger Glaspreises 1985 wurde 1989 im Schlosspark Rosenau das Museum für Modernes Glas eingerichtet. Mit dem 3. Coburger Glaspreis 2006 setzten Wettbewerb und Ausstellung international wichtige Impulse. Das Europäische Museum für Modernes Glas wurde im Herbst 2008 eröffnet.

Der letzte Coburger Glaspreis 2014 präsentierte sich erstmals an zwei Standorten: auf der Veste Coburg und dem Europäischen Museum für Modernes Glas in Rödental. Gezeigt wurden 170 Arbeiten von 150 Künstlern aus 26 Nationen, die aus einem Pool von 550 Künstlern, die sich mit über 1000 Werken beworben hatten, ausgewählt wurden. Insgesamt wurden gut 25000 Besucher gezählt.red