Coburg: BRK-Mitarbeiter erlebt unfassbares Kinderleid bei Hilfseinsatz - "hat nicht gesprochen"
Autor: Isabel Schaffner
Nauen, Montag, 20. November 2023
Johann Luczkow vom BRK Bad Rodach hat eine emotionale Reise hinter sich. Er war einer der Helfer, die über 90 verletzte Kinder aus Krisengebieten in deutsche Kliniken brachten. Das Leid, das er und sein Team sahen, ist schwer zu fassen.
"Ich war das erste Mal dabei", sagt der 63-jährige Johann Luczkow vom BRK Bad Rodach im Gespräch mit inFranken.de. Er meint damit einen großen Hilfseinsatz des Friedensdorfs International am Donnerstag (9. November 2023), bei dem 91 schwer verletzte Kinder aus Afghanistan, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan nach Deutschland geflogen wurden, um sie in Kliniken zu verteilen.
"Aufgrund der katastrophalen medizinischen Versorgung vor Ort haben oft selbst kleinere Unfälle schwerwiegende Folgen", schreibt das Friedensdorf International auf der Webseite. Eine verheerende Erdbebenserie erschütterte Afghanistan im Oktober. Mehr als 40 Gesundheitseinrichtungen wurden dabei laut der Weltgesundheitsorganisation zerstört. Luczkow sowie eine Kollegin aus Coburg und ein Kollege aus Ebersdorf bei Coburg hatten den Auftrag, einen achtjährigen Afghanen vom Flughafen Düsseldorf ins Klinikum nach Nauen in Brandenburg zu bringen.
"Hatte überhaupt kein Gesicht mehr": Coburger BRK-Team betroffen von Leid eingeflogener Kinder
Helfer aus verschiedensten Ecken Deutschlands hätten sich an diesem Tag am Flughafen Düsseldorf versammelt. "Gegen 17 Uhr sind wir in einem Konvoi auf den Flugplatz zu der slowakischen Maschine gefahren", erinnert sich Luczkow. Zunächst habe die Polizei das Flugzeug betreten, um Personalien und etwaige illegale Mitreisende festzustellen. Dann sollten die Rettungskräfte ein Kind nach dem anderen aus der Maschine holen. "Als meine Kollegin aus dem Flugzeug kam, hatte sie nasse Augen. Sie sagte: 'Ich war schon etwas vorbereitet, aber dass es so schlimm ist, habe ich nicht vermutet.'"
Video:
Eine weitere Beobachtung habe dem Bad Rodacher den ernsten Zustand der Kinder im Flugzeug vor Augen geführt: "Es war totenstill" - anders als man es von einer Kindergruppe erwartet. An der Rollbahn seien sie auf Busse und andere Fahrzeuge verteilt worden. "Ich begleitete einen Jungen hinaus, dessen ganzes Gesicht verbrannt war. Auch die Hände. Er hatte Brandnarben überall, wo man es sehen konnte." Ein weiteres Kind "hatte überhaupt kein Gesicht mehr. Es hat nur den Kopf nach unten gehalten", führt er aus. Bilder, die sich wohl länger in Luczkows Gedächtnis einprägen werden.
"Die Kinder hatten am Handgelenk ein Band mit einer Nummer", erklärt er weiter. "Wir wussten den Namen unseres Kindes nicht. Es hieß nur DX12 für uns. Der Junge hatte ein Beinverletzung." Diese habe mit der Zeit den Knochen angegriffen und eine Entzündung ausgelöst. "Wir legten ihn in den Rettungswagen und deckten ihn zu. Die ganzen Kinder waren barfüßig", schildert er den herzzerreißenden Anblick. Verständigung habe nur über Zeichensprache stattgefunden: "Er hat die ganze Zeit nicht gesprochen und hatte ein kleines Buch mit Zeichen, womit er uns zum Beispiel zeigen konnte, dass er auf Toilette muss."
Ärzte können Bein von weiterem Jungen retten - Flugzeug bringt 70 Kinder nach Hause
Um 1.45 Uhr sei das Team mit dem kleinen Patienten in Nauen angekommen. Nicht alle Kinder seien direkt aufgenommen worden, da manche Kliniken eine Nachtaufnahme verweigerten, erklärte der Coburger Kreisbereitschaftsleiter Claus Weigand der Redaktion. "Unsere Klinik war da aufgeschlossen", so Luczkow. So habe er und die anderen Helfer das Kind direkt auf die Station gebracht. "Wir haben ihn noch ins Bett gelegt und versucht, ihm zu verstehen zu geben, dass wir jetzt gehen. Da war er etwas allein gelassen - in einem fremden Zimmer", sagt der Rentner nachdenklich.
Das Flugzeug habe 70 genesene Kinder wieder ausgeflogen. Darunter Tela aus Afghanistan, den das Friedensdorf International in einem Beitrag vorstellt. Die Ärzte hätten sein Bein retten können. Mit gestärktem Selbstbewusstsein habe er als letzten Schritt nur noch "eine ziemlich lange Reise über Georgien, Usbekistan und Tadschikistan nach Kabul" überstehen müssen. Das Friedensdorf habe erstmals seit der Pandemie wieder solch einen Hilfseinsatz durchführen können. Dies sei nur durch ein großes, über Jahrzehnte aufgebautes Netzwerk möglich, wie die Hilfseinrichtung aus Oberhausen und Dinslaken betont.