Kommt bald die Antibabypille für den Mann? Bayreuther Professor an Wirkstoffentwicklung beteiligt
Autor: Redaktion
Bayreuth, Mittwoch, 15. Februar 2023
Immer wieder wird gefordert, dass die Verantwortung für Verhütung nicht nur bei Frauen liegen sollte. Oft kommt dabei auch die Idee einer "Antibabypille" für Männer auf. Jetzt wurde eine wegweisende Studie veröffentlicht.
Eine neue, in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift "Nature Communications" veröffentlichte Studie ist wegweisend für die Entwicklung einer "Antibabypille für den Mann": einer Tablette, die vom Mann vor dem Sexualverkehr eingenommen wird und eine Schwangerschaft der Frau verhindert. Das berichtet die Universität Bayreuth in einer Pressemitteilung.
US-amerikanische Forscher*innen haben in Tierversuchen erfolgreich einen biochemischen Mechanismus getestet, der die Spermien des männlichen Partners vorübergehend unfruchtbar macht. Einer der Co-Autoren dieser Studie, der Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn, war an vorangegangenen Studien beteiligt, die den für diesen Mechanismus entscheidenden Wirkstoff entdeckt haben.
Pille für den Mann: Bayreuther Biochemiker an Entwicklung beteiligt
Das Forschungsteam von Steegborn an der Universität Bayreuth befasst sich schon seit vielen Jahren aus biochemischer Perspektive mit der löslichen Adenylylcyclase (sAC). Dieses Enzym produziert bei vielen Vorgängen im Körper das sogenannte cAMP (cyclisches Adenosinmonophosphat), einen für die Signalübertragung in Säugetieren notwendigen Botenstoff. Auch für die Signalübertragung bei Fortpflanzungsprozessen wird cAMP benötigt. Die Aktivierung der sAC ist eine entscheidende Voraussetzung für die Beweglichkeit und Reifung der Spermien und damit auch für deren Fähigkeit, bis zur Membran der weiblichen Eizelle vorzudringen. Daher hängt die Fruchtbarkeit der Spermien davon ab, dass das Enzym sAC aktiv ist.
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Im November 2022 veröffentlichten Steegborn und Forscher*innen in den USA eine gemeinsame Untersuchung zu sAC-Inhibitoren. Das sind Wirkstoffe, die die Aktivität der sAC verringern oder vollständig hemmen. Mit dem Ziel, ein nicht-hormonelles Verhütungsmittel für Männer zu entwickeln, wurden die Hemmstoffe danach untersucht, wie gut sie die Fruchtbarkeit von Spermien unterdrücken können. Tatsächlich gelang es, einen Stoff zu finden, der besonders gute Eigenschaften mitbringt: den Inhibitor TDI-11861.
Die in den letzten Jahren veröffentlichten Untersuchungen bilden nun die Grundlage für die neue vorklinische Studie: An der medizinischen Fakultät der Cornell University (Weill Cornell Medicine) wurde die Wirkungsweise von sAC-Inhibitoren an männlichen Mäusen getestet. Die Versuchsreihen bestätigen die starke empfängnisverhütende Wirksamkeit. Etwa zwei Stunden lang liegt die empfängnisverhütende Wirkung bei 100 Prozent. Nach drei Stunden beginnen die Spermien wieder, sich zu bewegen. Nach 24 Stunden ist die normale Fruchtbarkeit der Spermien wiederhergestellt. Die Mäuse zeigten während der sechs Wochen des Versuchs außerdem keine gesundheitlichen Probleme.
Weitere Schritte auf dem Weg zur Antibabypille für den Mann
Die Forscher*innen in New York City werden ihre Experimente zunächst in einem zweiten Tiermodell weiterführen. Sollten auch die weiteren Versuche erfolgreich verlaufen und die bisherigen Erkenntnisse bestätigen, wären die Voraussetzungen für erste klinische Versuche gegeben, in denen die Wirkung der sAC-Inhibitoren auf die Beweglichkeit von Spermien gesunder Männer getestet wird. Um die Entwicklung eines Verhütungsmittels gezielt voranzutreiben, haben Steegborn und fünf US-amerikanische Forscher im August 2022 das Start-up-Unternehmen „Sacyl Pharmaceuticals“ mit Sitz in der Region New York City gegründet.
„Als wirkungsvolle Verhütungsmethoden stehen Männern bis heute nur Kondome oder ein sterilisierender chirurgischer Eingriff, die Vasektomie, zur Verfügung. Hormonfreie Kontrazeptiva werden daher dringend benötigt und nachgefragt. Unsere neue vorklinische Studie stellt eine entscheidende Wegmarke für die Entwicklung eines hormonfreien Verhütungsmittels dar, das zudem den Vorteil hat, dass es kurzfristig bei Bedarf in Tablettenform eingenommen werden kann. Es steht jetzt fest, dass die sAC-Inhibition bei dieser Form der Schwangerschaftsverhütung eine Schlüsselfunktion hat. Zur Aufklärung der biochemischen Grundlagen konnten wir von Bayreuth aus in den letzten Jahren wichtige Beiträge leisten“, sagt Prof. Dr. Clemens Steegborn. Bei weiteren Untersuchungen wolle man auch auf Prävention und Behandlung von Erkrankungen setzen: "beispielsweise durch eine gezielte Beeinflussung des Augendrucks oder der Insulinfreisetzung."