Mit 16 zieht Daniela Kerling von zu Hause aus. Stress mit der Mutter. Sie lernt Friseurin, arbeitet in der Gastronomie. Es sind finanzielle Gründe, die sie in die Schweiz locken. Dort entdeckt sie die Chance, mit Sex Geld zu verdienen. Aus Daniela Kerling wird Vanessa Eden. Der Name ist ein Versprechen für Männer, die das besondere erotische Erlebnis suchen. Sechs Jahre später holt sie das Abitur nach, studiert jetzt Psychologie. Doch die Szene lässt sie nicht ganz los: In "Der Escort Coach. Warum Männer 2000 Euro für eine Nacht bezahlen" gibt sie nun Tipps für Frauen, die es ihr gleichtun möchten.

Frau Eden, gibt es eine konkrete Person, die Ihnen den Einstieg in die Szene schmackhaft machte?
Vanessa Eden: Die gibt es. Es war 2003, ich arbeitete als stellvertretende Geschäftsführerin eines Gastronomiebetriebs in der Schweiz und hatte eine Freundin, eine Polin. Der Kontakt zur ersten Escort-Agentur kam über diese Freundin zustande. Ich habe bei ihr mitbekommen, wie das so vor sich geht. Diese Freundin war übrigens vom Typ Frau eine richtige Lady, ich damals zunächst eher das nette Mädchen von nebenan. Mit dem Gedanken, es als Sexdienstleisterin zu versuchen, hatte ich schon ein Jahr zuvor gespielt. Mir fehlte damals aber das richtige Angebot.

Haben Sie sich gleich als Escort-Dame bezeichnet?
Nein, anfangs nannte ich mich Callgirl. Es waren meist Einstunden-Termine. Das aber hat nichts mit Bordellbetrieb zu tun. Ich möchte betonen, dass ich nie im Rotlicht-Milieu gearbeitet habe. Das hat für mich vor dem Hintergrund von Zuhälterei den Touch des Kriminellen.

Zum Schluss Ihrer Karriere boten Sie Ihre Dienste als Kurtisane an.

Ich sah mich als solche, ein bisschen auch als Mätresse. Meine Mindest buchzeit umfasste da schon einen kompletten Abend, sechs bis acht Stunden. Abendessen inklusive. Oder ins Kino gehen, zum Tanzen, Schlittschuhlaufen mit dem Kunden. Aber es endete immer mit Sex - im Bett oder wo auch immer.

Wie kamen die interessierten Männer auf Sie?
Zunächst über die Internetseite des Escort-Service. Da waren die Bilder auch noch entsprechend sehr körperbetont gehalten, reduziert auf sexuelle Reize. Später hat sich das geändert, da stellte ich als meine eigene Herrin nicht einmal mehr Dessousfotos ins Netz. Ich sah darin eine Chance, Männer zu treffen, die womöglich nicht nur auf das Eine fixiert waren.

Gab es denn für Sie Prinzipien, die Sie niemals verletzten?
Sex ohne Kondom ging gar nicht. Ich nahm mir auch immer die Freiheit heraus, Angebote abzulehnen. Wenn ich bilanziere, würde ich sagen: Von zehn Anfragen kam es vielleicht zu einer Zusage. Ich habe bewusst sehr selektiv gearbeitet, hatte eben nicht die fünf schnellen Kunden am Tag, sondern fünf im Monat. Die Riesenkohle scheffelt man damit nicht, auch wenn es in der Hochphase die im Buchtitel besagten 2000 Euro pro Abend waren.

Das war am Schluss. Wie lief es denn mit dem ersten Kunden?
Es war ein älterer Herr im Engadin und schon ein Abenteuer, überhaupt hin zu finden. Zum Sex kam es dann im Ehebett. Eine seltsame Konstellation, denn auf dem Nachttisch stand ein Foto der Ehefrau.

Und Ihre Gefühlslage?
Ich fühlte mich nicht so, wie man vielleicht denkt, dass sich eine Hure fühlen müsste. Sich prostituieren heißt für mich nicht nur Sex gegen Geld. Sich zu prostituieren - das gibt es in der Wirtschaft und in der Kunst auch: für Geld etwas zu tun, was man nicht tun will. Bei mir war dieser Ruch des Unfreiwilligen nicht gegeben. Daher fühlte ich mich nie als Prostitu ierte.

Zogen Sie einen bestimmten Typ Mann an?
Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Ich war in der Branche ja so etwas wie der Paradies vogel. Ich bin mit meinem Gesicht und meiner Person in der Öffentlichkeit sehr präsent gewesen. Es gab Printberichte über mich, 2008 den Besuch bei "Pelzig unterhält sich" im Bayerischen Fernsehen oder Magazinbeiträge in den Privaten. Bei so manchem hat das eine Art Jagdtrieb aktiviert nach dem Motto: Die ist bekannt, die will ich auch mal ins Bett kriegen.

Sie raten in Ihrem Buch: Jede Frau sollte sich wenigstens einmal in einem Bordell umgeschaut haben. Eine gewagte These. Welche Erkenntnisse kann eine Frau Ihrer Ansicht nach dort gewinnen?
Dass Männer, die dort hingehen, keine Monster sind. Und dass die Frauen, die dort arbeiten, keine ekligen Biester sind voller Krankheiten. Das sind gepflegte und intelligente Personen, die nicht alle unter Zwang dort reingeprügelt werden. Man kann auch nicht behaupten: Auf dem Straßenstrich arbeiten nur die doofen Asozialen und im Escortservice bloß die Gebildeten.

Wie nah kommt denn der Film "Pretty Woman" der Realität?
Die Story ist vorstellbar. Ich selber bin mit einem ehemaligen Kunden liiert. Man hat in dem Film auch gesehen, dass die Figur der Vivienne und ihr Millionär Probleme hatten: Nämlich in dem Moment, als es ganz real ums Geld ging. Das habe ich auch erlebt. Es war reizvoll, mit einem Kunden eine Beziehung zu haben - dann sind die Fronten geklärt. Man weiß, woher man sich kennt, keiner braucht dem anderen seine Vergangenheit vorwerfen. Eine ehrliche Basis.

Und keine, die Sexismusdebatten wie bei Brüderles Dirndl-Äußerung aufwallen lässt...
Eine schwierige Kiste. Für mich ist Sexismus, wenn die Betroffenen in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen. Wenn der Untergebene Nachteile befürchten muss, sollte er sich zur Wehr setzen. Ich selber hatte, als ich noch in der Gastronomie gearbeitet habe, einen Chef, der mir anbot: Ich behalte meine Stelle, wenn ich mit ihm schlafe. Für mich kein Fall von Sexismus mehr, sondern sexueller Nötigung.

Hat sich Ihr Verhältnis zu Erotik geändert?
Ich habe unglaublich viel gelernt über Sex, auch über Frauen. Vor allem aber über Männer. Die sechs Jahre im Geschäft haben mein Leben bereichert - und mich als Frau. Man ist ja sein Leben lang mit Sexualität und dem Verlangen danach beschäftigt. Die Zufriedenheit mit seiner eigenen Sexualität steht und fällt mit einem selbst. Ich bin da absolut im Reinen mit mir.

Trotzdem nie wieder Escort?
Sag niemals nie... Ich wollte mal wieder andere Männer kennen lernen, Männer anders kennen lernen. Und dennoch wollte ich Frauen meine Erfahrungen weitergeben, die in dieser Branche Fuß fassen möchten und Unterstützung brauchen. Es gibt meines Wissens sonst niemanden.

Das Gespräch führte Jochen Nützel.