Wird bei Corona-Tests im Kreis Bamberg geschlampt? Fahrer erhebt schwere Vorwürfe
Autor: Markus Klein
Bamberg, Donnerstag, 12. März 2020
Fahrer Andreas Reisch hat auf mangelnde Schutzmaßnahmen bei Corona- Haustests hingewiesen. Die Reaktion: Er wird gekündigt. Dabei teilen auch Ärzte und seine Kollegen die Bedenken.
Die Vermittlung meldet am Freitag, 6. März, gegen 23.30 Uhr einen Corona-Verdachtsfall im Bamberger Stadtgebiet. Andreas Reisch und ein Allgemeinmediziner bekommen den Auftrag, einen Abstrich bei der Person zu Hause vorzunehmen. Nichts Ungewöhnliches: Laut Kassenärztlicher Vereinigung Bayerns (KVB) werden im Freistaat täglich rund 800 solcher Haustests durchgeführt (Stand: 12. März).
Ärzte wollen Test nicht machen
Der Arzt fragt den Fahrer Reisch nach der Sicherheitsausrüstung. Denn nicht alle Vehikel des Dienstleisters "Helfende Franken", der für die KVB Hausbesuche durchführt, hätten die notwendige Schutzausrüstung. Reisch und der Arzt begutachten den Bestand. Zwar seien die vom Robert-Koch-Institut (RKI) vorgegebene FFP2-Maske (Mund- und Nasenschutz) und die Haube im Fahrzeug gewesen. Allerdings nicht die richtige Schutzkleidung. Und Schutzbrillen überhaupt nicht. "Augen sind auch Schleimhäute, wo das Virus andocken kann", informiert Reisch, der mehrere Fortbildungen zu Desinfektion besucht habe und mittlerweile auch hauptberuflich in diesem Segment arbeite. Deshalb habe er sich mit dem Arzt geeinigt: "Wir machen das nicht."
Wenig später sei ein Anruf eingegangen, Reisch schätzt vom KVB: "Die haben gesagt, wir sollen uns nicht so anstellen, es gebe nur eine geringe Infektionsgefahr. Aber es gibt nicht ein bisschen schwanger und auch nicht ein bisschen infiziert", empört er sich. So blieben Fahrer wie Arzt bei der Weigerung.
Am Samstag um 7 Uhr geht bei Reisch der nächste Corona-Test-Auftrag rein. Nun ist er mit einem anderen Arzt unterwegs, auch der weigert sich. Diesmal sind zwei Fahrzeuge im Dienst. "Der andere Arzt hat es dann gemacht. Ich schätze wegen des Geldes", sagt Reisch. Denn Maßnahme und Arbeitszeit brächten einem Arzt pro Corona-Test rund 100 Euro ein. Das Problem: Das andere Fahrzeug habe überhaupt keine Schutzausrüstung. Also habe der Auftrag gelautet: Fahrzeuge tauschen. "Da bin ich raus", sagt Reisch. Ein Abstrich löse häufig einen Nies- oder Hustenreiz aus. So könne der Arzt das Virus aufnehmen, "und dann fahre ich mit dem eine halbe Stunde durch die Gegend". Zudem bemängelt er, dass gebrauchte Schutzkleidung in zugeknoteten Beuteln im Hausmüll lande - was wieder nicht den geltenden Richtlinien entspreche und gefährlich sei.
Briefe an die Verantwortlichen
In einem "Brandbrief" macht Reisch den Dienstleister "Helfende Franken" auf die Missstände aufmerksam - er wählt einen offenen und freundlichen Ton. Zehn Kollegen unterschreiben die Bitte, für vernünftige Schutzausrüstung zu sorgen. Ein Arzt, der die Bedenken teilt, meldet sich per Mail direkt bei der KVB - mit Reischs Brief im Anhang.
Auch eine andere Ärztin erklärt in einem Brief an die KVB , dass sie wegen mangelnder Ausrüstung nun keine Tests mehr durchführen werde. Alle drei Briefe liegen der FT-Redaktion vor. "Als Ärztin im nächtlichen Bereitschaftsdienst habe ich auch ,normale Patienten' zu versorgen. Ohne geeignete Schutzmittel würde ich diese gefährden. Darüber hinaus auch den Fahrer, meine Familie und meine Kollegen", schreibt sie. "Ich nehme meinen ärztlichen Versorgungsauftrag sehr ernst, aber die momentane Praxis gefährdet meines Erachtens mehr Menschen, als es hilft, die Verbreitung des Virus einzudämmen."
Die KVB habe reagiert - aber nicht wie von Ärzten und Fahrern erhofft, sondern laut Reisch, indem sie dessen Arbeitgeber "Helfende Franken" anwies, Reisch nicht mehr fahren zu lassen. "Ich bin quasi suspendiert", sagt er. Weil er die Fahrten im Nebenerwerb betreibt, habe er sich davon aber nicht einschüchtern lassen.