Um 11 Uhr ging's ins Schuhhaus: Die Schwurgerichtskammer und alle Prozessbeteiligten in der Hauptverhandlung gegen den 36 Jahre alten Alexander L. wollten sich ein Bild von dem Ort machen, an dem der 35 Jahre alte Michael G. sein Leben verloren hat.

L. hat den Maurer und passionierten Fußballer - er war Mieter einer Wohnung direkt über dem Schuhladen in der Langen Straße - am 26. Juni 2015 mit mehreren Messerstichen niedergestreckt und so stark verletzt, dass der Mann zwei Tage später in der Uni-Klinik in Erlangen starb.

Diese Tatsache wird von L. nicht bestritten, wohl aber die Interpretation der Staatsanwaltschaft, die darin einen Mord aus niedrigen Beweggründen sieht. Vor Gericht sagte L. am ersten Verhandlungstag, er bedauere den Tod von Michael G. Er habe sich aber von ihm an Leib und Leben bedroht gefühlt.

Schmal und blass saß der an den Füßen gefesselte Alexander L. zwischen den Verteidigern. Seinen Lebenslauf las er vom Blatt ab: Abgang vom Gymnasium nach der zehnten Klasse, Ausbildung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann, seit 2001 im Schuhhaus tätig, das die Großeltern aufgebaut und die Eltern übernommen haben, Ausbildung zum Schuhfachwirt.

Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Manfred Schmidt, ob er bei sich Probleme sehe, antwortete er: "Ja, Drogen." Mit 18 Jahren habe er gekifft, später Amphetamine genommen. In den vergangenen Jahren habe er ein bis zwei Mal monatlich Crystal konsumiert. "Immer in Stresssituationen. Es hat mich beruhigt." Gemeint sei damit nicht beruflicher Stress, sondern Beziehungsstress.

Die Stunden vor der Bluttat im Treppenhaus des Schuhladens waren exakt von solchem Stress und der Droge Crystal geprägt gewesen. Nach der Arbeit hatte Alexander L. für sich und seine Verlobte Pizza bestellt und wollte das Essen mit nach Hause in die gemeinsame Wohnung im Landkreis nehmen. Es kam aber zu einen Streit zwischen beiden, ausgetragen per SMS über Handy. L. beschloss, in Bamberg zu bleiben. Die Pizza aß er auf dem Balkon des Sozialraums im ersten Stock, trank dazu ein kleines Glas Wein. Später fuhr er mit dem Fahrrad in die Königstraße, wo er ein Spielkasino aufsuchte. Irgendwann in dieser Nacht soll er auch eine "Line Crystal gezogen" haben. Gegen 3 Uhr war er wieder im Schuhgeschäft, das er über den Hintereingang an der Habergasse betrat.

Was genau dort wie geschah, muss die Schwurgerichtskammer in der auf neun Tage angesetzten Hauptverhandlung ermitteln, um die Frage zu beantworten: Hat L. sich eines Mordes aus niedrigen Beweggründen schuldig gemacht oder handelte er in Notwehr, als er Michael G. mit einem kurz zuvor für 90 Euro gekauften Messer attackierte? Die 9,5 Zentimeter lange Klinge soll extrem scharf sein.

Eine wichtige Rolle spielen die Bauweise des Hauses und die Frage, warum L. nicht den kürzeren und schnelleren Weg genommen hat, als er beim Nachhausekommen über die rückwärtige Treppe Türenschlagen im vorderen Treppenhaus hörte und sich darüber ärgerte: Statt im ersten Stock nur eine Tür zu öffnen, um nachsehen zu können, kehrte er auf der Treppe um, lief im Erdgeschoss durch den ganzen Laden in Richtung Haupteingang und öffnete auf der anderen Seite eine mit Kette und Sicherung versehene Stahlschiebetür.

"Heute mach' ich Dich platt", soll ihm im vorderen Treppenhaus der 1,90 Meter große und 125 Kilogramm schwere G. entgegengerufen haben, berichtete ein Kriminalkommissar im Zeugenstand aus der polizeilichen Vernehmung vom 26. Juni 2015. L. habe angegeben, von G. bedroht und geschlagen worden zu sein. Schließlich habe er aus Angst zugestochen.

Dass Alexander L. seinem Gegner tödliche Stichwunden beibringen konnte, er selbst aber mit einer kleinen Schürfwunde am Arm davonkam, ist nur ein Faktum, das im Hinblick auf die Frage "Mord oder Notwehr" aufgeklärt werden muss. Ein anderes ist ein Streit zwischen L. und G. drei Tage vor der tödlichen Auseinandersetzung: Weil L. sich von G. durch Reinigungsarbeiten gestört fühlte, soll der Angeklagte ein Küchenmesser gezogen und gedroht haben, ihn abzustechen.