Ach, ist das ein Idyll in diesem pittoresken Innenhof in der Oberen Königstraße 32! Nette Menschen leben da zusammen, jeder für sich ein bisschen schräg. Was muss passieren, dass ein Pfuhl des Mordens und Fremdenhasses aus ihrem Idyll wird? Nicht viel. Es braucht nur einen durchgeknallten Arzt und tumbe Zeitgenossen.

Mit diesem Sujet belustigt und beklemmt die Uraufführung des Theaters im Gärtnerviertel (TiG): "Jekyll und Hyde" von Thomas Paulmann verlegt das Geschehen um den mysteriösen Fall des gespaltenen Wissenschaftlers in die heutige Zeit. Es ist die alte Geschichte von Gut und Böse, von Freiheit und Sicherheit, adaptiert für das große Thema dieser Tage: Wie umgehen mit dem Anderen, dem Fremden?


Nieder mit der Empathie!

Jekylls Traum ist die genetische Optimierung des Menschen.
Der muss doch auch mit reiner Vernunft funktionieren, also spritzen wir die Empathie nieder! An solch einem Mittel arbeitet er, doch die Forschung wird ihm bald untersagt. Also stürzt er sich in den Selbstversuch - und alle ins Unglück. Eine Serie brutaler Morde beginnt, weil Jekylls alter Ego Edward Hyde zum Schlächter von Bamberg mutiert.

So entwickelt sich an einem ungewöhnlichen Spielort eine Tragikomödie mit mehreren Handlungssträngen und viel Bezug zu Bamberg, die von Nina Lorenz trefflich inszeniert wurde. Sonst für die Öffentlichkeit nicht zugänglich wird der Innenhof der Familie Leicht (ehemals "Gasthaus zum güldenen Baum") zur großen Bühne, die mit kleinen, aber effektiven Mitteln auskommt. Ein Tisch wird zum Giftschrank, ein weiterer zur Tür. Viel mehr braucht es nicht, weil die Schauspieler mit ihrer Präsenz die Bühne so gut, so lustig, so tragisch , so voll füllen.


Ein böser, böser Mann

Allen voran: Dr. Jekyll. Er wird von Stephan Bach zu Beginn noch halbwegs sympathisch, aber schon erkennbar unduldsam dargestellt. Zur Hochform läuft er auf, wenn er sich in den bösen Mr. Hyde verwandelt und mit wirrem, langem Haar Böses durch die Lippen und Mordopfer in die Leberknödelsuppe presst. Herrlich täppisch und doch so mutig kommt seine Assistentin Julia (Heidi Lehnert) daher. Sie lässt sich weder von Jekyll ins Bockshorn jagen noch von braunen Dumpfbacken. In diesen, Urs (Benjamin Bochmann) und Jochen (Werner Lorenz), steckte der Fremdenhass von Anfang an. Klassische Fälle von: "Ich hab ja nix gegen Ausländer, aber dieser ungezügelte Zuzug von Fremden in die Obere Königstraße 32 ...". Sie gründen eine Bürgerwehr, die das wahre Gesicht der Protagonisten zeigt. Schauderhaft, weil so realistisch, heute, mitten in Deutschland.


Es braucht viel Mut im Leben

Eine tragische Rolle spielt auch Jekylls Freundin Linda, erfrischend kühl dargestellt von Elena Weber. Sie ist es, die gemäß ihrer philosophischen Haltung Jekyll verrät und damit seine Forschungen zu Fall bringt. Später versucht sie, jetzt heulendes Elend, ihn zu retten - doch es ist zu spät. Auch Tatjana, die Escortdame, greift helfend ein und wird fast Opfer des Wahnsinnigen. Olga Seehafer zieht in ihrer Rolle alle Register: Sie bringt die Zuschauer zum Lachen, wenn sie ihren in eine Batman-Maske gehüllten Lover bezirzt, und sie erweckt ähnlich wie Jekylls Assistentin Julia und Freundin Linda die Hoffnung, dass Mut und Standfestigkeit im Leben unabdingbar sind.

Apropos Batman-Lover: Martin Habermeyer überzeugt in einer Doppelrolle als Liebesdienst buchender Politiker Peter ebenso wie als übereifriger Polizist Lukas. Gemeinsam mit Kollegin Lissy nehmen die zwei Bamberger Bullen ihren Job zwar ernst, aber die Ereignisse auch aufs Korn. Amphibienfahrzeuge auf der Regnitz und so. Herrlich anzusehen und zu hören ist hier Ursula Gumbsch, die ebenfalls in einer Doppelrolle als Polizistin im breitesten Fränkisch für Lacher sorgt und als Jekyll-Verehrerin Margot tragisch in der Suppe erstickt.


Termine und Vorverkauf

Die Inszenierung des TiG ist ein gelungener Spagat zwischen Humor und Ernst. Wer Glück mit dem Wetter hat, wird einen schönen Theaterabend an einem ungewöhnlichen Ort erleben.

Termine "Jekyll und Hyde" wird noch an folgenden Tagen gespielt: 24., 25. und 30 Juni sowie 2., 6., 7. und 14. Juli, 20 Uhr, Innenhof des Anwesens Obere Königstraße 32.

Karten gibt es im Vorverkauf beim BVD, Tel. 0951/9808220, und bei Betten Friedrich, Tel. 0951/27578.