Selbstversuch beim Football-Training: "Taktische Finesse und Gewalt"
Autor: Sven Dörr
Bamberg, Mittwoch, 29. Januar 2020
Kameradschaft, Zweikämpfe, Adrenalin und eine Portion Schmerz - beim Footballtraining ist alles geboten, was Kontaktsport ausmacht. Ein Sportreporter wagte vor dem Super Bowl den Selbstversuch beim Bayernligisten Bamberg Bucks.
Die Zähne graben sich in den Mundschutz. Ich drücke meine Beine in den Kunstrasen. Leicht gebeugt schaue ich nach vorne. Das Gitter vor den Augen irritiert, der Schweiß läuft in die Augen – doch das ist gerade nicht das Hauptproblem. Vor mir stehen zehn Jahre Footballerfahrung mit 132 Kilogramm, verteilt auf 1,91 Meter Körpergröße. Der Plan: Ich soll ta-ckeln - oder getackelt werden.
Tim Schwab, der Vorsitzende der Bamberg Bucks, schaut zu und gibt mir bei meiner Premiere im Footballtraining letzte Anweisungen. Er erklärt, was ich bei der Übung zu beachten habe. Ich soll frontal gegen Tobias Vorreiter, einen Linebacker der Bucks, anrennen. Ich mit meinen 86 Kilogramm? Keine gute Idee. Ich atme tief ein. Höre Schwabs Kommando. Meine Muskeln spannen sich – ich sprinte los. Kurz vor dem Aufprall Gebrüll – wahrscheinlich war ich es selbst. Dann geht alles ganz schnell: Mein Oberkörper gerät aus der Balance und ich werde unter meinem Gegner begraben. Als Vorreiter mir aufhilft, hat er ein Grinsen im Gesicht. Seine Worte "Stabil, Junge. Mir ist kurz schwindelig geworden" kann ich nicht ganz ernst nehmen – ein wenig stolz machen sie mich dennoch.
Football in der Bayernliga
Die Bucks gingen im Jahr 2017 aus einem Zusammenschluss der Bamberg Bears und mehr als 30 Spielern der Bamberg Phantoms hervor. In der Saison 2017/2018 stiegen sie in die Bayernliga Nord auf und landeten in der darauffolgenden Spielzeit auf dem fünften von sechs Tabellenplätzen. "Mittelfristig wollen wir in den Play-offs mitspielen", gibt sich Schwab ambitioniert. Zum Auftakt im Frühjahr rechnet er wieder mit 250 bis 400 Zuschauern bei den Heimspielen. Dennoch sei Football nach wie vor eine "krasse Randsportart" in Bamberg – und das, obwohl die Bamberg Bears schon im Jahr 1986 gegründet wurden. "In Deutschland hat sich aber in den letzten Jahren schon einiges getan" , ergänzt Vorreiter.
Der Ball kommt frontal auf mich zu. Das Flutlicht könnte heller sein, die Sicht ist eingeschränkt. Meine schwitzigen Finger formen eine Raute. Kurzer Ballkontakt – dann Ärger. Schon wieder ist mir der Ball durch die Hände gerutscht. Der Werfer erklärt erneut die Laufroute – die englischen Fachbegriffe erzeugen mehr Verwirrung als Klarheit. Also: einfach machen, was der Vordermann tut. Vier Schritte nach vorne, dann 90 Grad nach links. Parallel zum Quarterback. Jetzt die Augen auf und zupacken, wenn der Ball kommt. Er rutscht mir zwar durch, fliegt gegen den Brustpanzer, aber irgendwie bekomme ich ihn zu fassen. "Gut so, Junge", schallt es über den Platz. Aufmunternde Worte sind keine Seltenheit. Die Kameradschaft in der Mannschaft ist gut.
Faszination Football
"Football ist für mich die Teamsportart Nummer 1", sagt Vorreiter. "Macht Person A einen Fehler, kann Person B ihren Job nicht machen. Du bist voneinander abhängig, das schweißt zusammen. Das ist für mich die Faszination an diesem Sport." Für Schwab ist Football eine "Mischung aus taktischer Finesse und Gewalt". Als Kampfsportler ist mir harter Körperkontakt nicht fremd, die Taktik der Sportart überfordert mich aber ein wenig. Raumdeckung im Defensivtraining? Ich irre herum und löse die Aufgabe erst nach einiger Zeit. Und dann ein Erfolgsmoment: Ich fange einen gegnerischen Pass ab und sprinte in Richtung Grundlinie. "Der rasende Reporter fängt eine Interception", witzelt mein Nebenmann, während wir uns neu formieren. Ich gehe leicht in die Knie und ziehe den Kinnriemen meines Helms wieder fest.
Vorbeugung gegen Verletzungen
Die Sicherheit der Spieler ist im Football wichtig. "Ein Helm sollte schon nach zwei Jahren mal ausgetauscht werden", sagt Schwab. "Zumindest, wenn du ein fleißiger Spieler bist", ergänzt Vorreiter schmunzelnd. Der 26-Jährige hat neben seinen Stationen bei den Bears und den Phantoms auch bei den Nürnberg Rams in der zweiten Liga gespielt. Zudem ist er seit 2012 als Schiedsrichter aktiv und betont, dass es einige Regeländerungen zum Schutz der Spieler gegeben habe. Knieverletzungen seien beim Football – wie in vielen anderen Sportarten – am häufigsten. Letztlich sei die Hauptversicherung gegen Verletzungen jedoch der regelmäßige Gang ins Fitnessstudio.
Fit fühle ich mich noch. Also auf zur letzten Aufgabe: Running Back sein. Ich übernehme den Ball. Renne nach vorne, tanke mich durch die Reihen – ein paar Yards sind gemacht. Das ging zu leicht. "Jetzt Vollkontakt", brüllt ein Trainer. Ich spüre den Ball unter meinen verschränkten Armen. Alles läuft wieder nach Plan: Die erste Reihe ist überwunden. Von halbrechts sprintet ein Defensivspieler heran. Ich sehe ihn nur im Augenwinkel, ahne aber, was kommt. Er setzt tief an und wirft mich krachend von den Beinen. "Welcome to football, baby", schreit er und hilft mir lachend auf.