"Ich will Bamberg unbedingt schlagen. Weil ich die einfach nicht mag." Mit dieser Aussage vor neun Jahren heizte Heiko Schaffartzik die Rivalität der damals zwei besten deutschen Basketball-Mannschaften, Bamberg und Alba Berlin, gehörig an. Ob Schaffartzik, mittlerweile 36 Jahre alt, noch einmal aufs Basketball-Parkett zurückkehrt, ist ungewiss. Aktuell ist Schaffartzik deutschlandweit nur in einem TV-Spot eines Waschmittel-Riesen zu bewundern. Während sich die aktive Karriere des einen gebürtigen Berliners Basketballprofis dem Ende entgegenneigt, möchte ein anderer jetzt erst so richtig durchstarten: Bennet Hundt.

Die deutschen Aufbauspieler trennen 14 Jahre, weisen aber in vielerlei Hinsicht Parallelen auf. Beide wurden im Programm von TuS Lichterfelde groß, begannen sogar bei der gleichen Trainerin. Die für Basketball-Verhältnisse sehr kleinen Hundt (1,78 Meter) und Schaffartzik (1,83 Meter) sind auf dem Feld für ihre kreativen Lösungen inklusive Zauberpässe bekannt. Beide Väter waren selbst Basketball-Profis und wechselten nach ihren Sportkarrieren in den Medizinbereich. Walter Schaffartzik leitete viele Jahre lang das Berliner Unfallkrankenhaus, Oliver Hundt praktiziert heute noch als Kinderarzt. "Wenn ich kein Basketballer geworden wäre, würde ich heute wohl Medizin studieren. Ich kann mir vorstellen, nach meiner Karriere etwas in diesem Bereich zu machen", sagt Hundt. Schaffartzik schließt das für sich aus.

Persönlich kannten sich die beiden Berliner Aufbauspieler übrigens lange Zeit nicht, sie sind sich zum ersten Mal beim Bundesliga-Spiel zwischen Göttingen und Hamburg im November 2019 begegnet.

Durchbruch gelingt in Göttingen

Die latente Antipathie gegenüber Bamberg konnte Hundt, auch in seiner Zeit als Alba-Spieler, nie teilen: "Im Gegenteil. Vor allem als Bamberg noch in der Euroleague gespielt hat, hat es mich jedes Mal gefreut, wenn ich die Spiele abends im Fernsehen anschauen konnte." Das muss der 22-Jährige jetzt nicht mehr, denn bis mindestens Sommer 2021 steht er nun selbst regelmäßig auf dem Parkett der Brose-Arena.

Hundt folgte seinem Trainer Johan Roijakkers, unter dem der Point Guard in der vergangenen Saison bei der BG Göttingen seinen Durchbruch in der Bundesliga geschafft hatte. 9,4 Punkte und 3,5 Assists in durchschnittlich 21 Minuten Spielzeit legte Hundt für die Veilchen auf, zuvor war er lediglich zu zehn Kurzeinsätzen unter Coach Aito in Berlin gekommen.

30 Punkte gegen Crailsheim

Der Höhepunkt: seine 30-Punkte-Vorstellung gegen Crailsheim beim BBL-Finalturnier im Juni in München. Den 89:78-Sieg seiner Göttinger wird Hundt so schnell nicht vergessen: "Dass das etwas Besonderes war, ist mir erst nach dem Spiel langsam bewusst geworden. Es war weltweit, zumindest von den etwas größeren Ligen, das erste Basketball-Spiel nach der Corona-Pause."

Roijakkers adelte seinen Matchwinner bei der Pressekonferenz - auf seine ganz eigene Art und Weise: "Er hat große Eier. Ihm ist egal, gegen wen er spielt. Auf dem Feld ist er ziemlich cocky (Anm. d. Red.: rotzfrech), abseits des Felds ist er ein kleiner Teddybär", sagte der Niederländer und ergänzte: "Jemanden, der so hart arbeitet, gönnt man solche Spiele auch."

Um Roijakkers glücklich zu machen, muss man dieses Arbeitsethos aber auch an den Tag legen, wie Hundt weiß: "Ich glaube, für Johan ist es das Wichtigste, dass man in jedem Spiel 100 Prozent Energie und Einsatz aufs Feld bringt." Der Aufbauspieler ist bekannt dafür, Extraschichten zu schieben - sei es im Kraftraum, wie an seinem Bizeps unschwer zu erkennen ist, oder in der Basketball-Halle.

Dass der Linkshänder den Sprung zum Profi schafft, trauten ihm aufgrund seiner Größe im Jugendalter die wenigsten zu. "Natürlich hat mich das zusätzlich etwas motiviert, aber die eigentliche Motivation kam immer von innen heraus. Denn die eigene Motivation hält am längsten und lässt dich auch durch Tiefen gehen."

"Sprüche gibt es ständig"

Die Tiefen, zum Beispiel sein Mittelfußbruch im Januar 2018, hat Hundt längst hinter sich gelassen. Das Sportjahr 2020 läuft für ihn blendend: im Februar debütierte er für die A-Nationalmannschaft, im Juni zeigte er seine Klasse beim BBL-Finalturnier, im Juli folgte dann der Wechsel zu Brose Bamberg. Trotz dieser Vita wird Hundt von seinen Gegenspielern teils immer noch als "Underdog" angesehen. "Sprüche gibt es ständig, wenn ich von der Bank ins Spiel komme. Unter dem Motto: Was macht denn dieser Kleine jetzt auf dem Feld? Viele sagen zu mir, dass sie jetzt erst einmal gegen mich aufposten und punkten werden", erzählt Hundt. "Aber das ist Teil des Spiels. Ich lasse diese Sprüche meistens so stehen. Viel wichtiger ist, dass wir am Ende gewinnen, da bringt dem Gegner dann Trash Talk reichlich wenig."

Ein Ex-Bamberger ist das Vorbild

Wenn es um spielerische Vorbilder in Europa geht, nennt Hundt zwei Spieler mit ähnlicher Statur: Facundo Campazzo (Real Madrid) und den Ex-Bamberger Tyrese Rice, der aktuell vom europäischen Topklub Anadolu Efes Istanbul umworben wird.

Und würde Hundt heute selbst bei einem Euroleague-Klub spielen, wenn er zehn Zentimeter größer wäre? "Puh, vielleicht wäre ich trotzdem hier in Bamberg oder irgendwo in Europa, aber vielleicht würde ich dann auch gar kein Basketball mehr spielen."

Aktuell ist der Basketball aber nicht aus seinem Leben wegzudenken. Wenn der 22-Jährige mal nicht in der Halle schwitzt, "nimmt er auch gerne mal ein Buch in die Hand oder erkundet die Bamberger Altstadt", die ihm sehr gut gefalle. Seine Freundin Olivia wird ihn regelmäßig besuchen, wohnt aber vorerst weiter in der Hauptstadt. Die 21-Jährige studiert Psychologie in Münster, aktuell aufgrund der Corona-Pandemie online.

Mentale Stärke holt sich der Berliner beim Golf, seiner zweitliebsten Sportart. "Golf ist cool, um mal einen anderen Bewegungsablauf zu machen und an freien Tagen etwas abzuschalten", so Hundt. Weite Wege haben er und der zweite Golf-Sympathisant im Bamberger Team, Chase Fieler, dabei nicht zurückzulegen. Wie es der Zufall will, gibt es direkt neben der Brose-Trainingshalle in Strullendorf eine Driving Range zum Verfeinern des Abschlags.

Beim Thema Golf kommt auch Heiko Schaffartzik wieder ins Spiel. Der ehemalige Nationalspieler war im Dezember 2011, zwei Wochen nach seiner provokanten Bamberg-Aussage, bei "Wetten, dass..." in der letzten Sendung von Thomas Gottschalk, zu Gast. Der Basketballprofi nahm es mit einer Golferin auf, die wettete, mehr Golfbälle in einen Basketballkorb mit dem Schläger zu chippen als er in der gleichen Zeit Treffer von der Dreierlinie trifft. Schaffartzik verlor knapp. Ein Schicksal, das ihm auch gegen Bennet Hundt, sowohl als Basketballer als auch Golfer, drohen könnte.

Zur Person: Bennet Hundt

Familie Bennet Hundt stammt aus einer Basketball-Familie. Vater Oliver, der genauso groß wie Bennet (1,78 Meter) ist, spielte in der 2. Liga (Oldenburg), Mutter Angela (1,76 m) in der 1. Liga (Osnabrück). "Meine Eltern haben mich andere Sportarten wie Tennis oder Fußball ausprobieren lassen, aber der Spaß und die Begeisterung war beim Basketball von Anfang an am größten", so Hundt. Sein älterer Bruder Jannes (23 Jahre, 1,84 m) ist ebenfalls Basketballprofi. Beide wurden im Programm von Alba Berlin groß und standen sogar einige Male in der Nachwuchs-Bundesliga (NBBL) gemeinsam auf dem Parkett, trafen aber noch nie aufeinander. In der kommenden Saison ist es so weit - Jannes Hundt wechselte von Quakenbrück zu Rasta Vechta. "Ich freue mich sehr für ihn, dass er den Sprung in die BBL geschafft hat. Er hat in der ProA gezeigt, dass er bereit für den nächsten Schritt ist", sagt Bennet.

Brüderpaare Neben Bennet und Jannes Hundt spielen noch drei weitere Brüderpaare in der Basketball-Bundesliga: T. J. Dileo (Bonn)/Max Dileo (Hamburg), Jacob Hollatz (Oldenburg)/Justus Hollatz (Hamburg) und Nick Weiler-Babb (München)/Chris Babb (Bonn).