Zahlreiche Besucher nutzten die Gelegenheit und freuten sich bei den offenen Ateliertagen der oberfränkischen Künstler über hautnahe Kulturerlebnisse.
"Ich male im Winter auch schon mal mit Wollhandschuhen an den Fingern, denn ich male so oft und so lange es geht unter freiem Himmel", erklärt die akademische Malerin Heike Günther einer Besucherin in ihrem Behelfsausstellungsraum, den sie für die "Artur" 21 aufgemöbelt hat. Günther traute sich am vergangenen Wochenende erstmals selbstständig, also nicht als Gast in einem anderen Atelier, an der oberfrankenweiten Kunstausstellung teilzunehmen.
Klassisches Schicksal
Die Naisaerin, die die Malerei vor Jahrzehnten als akademischen Beruf erlernt hatte, um dann Ergotherapeutin zu werden, erlebte ein klassisches Künstlerinnen-Schicksal. Erst die Kinder mit einem Brotberuf, den sie gleichwohl gerne macht, groß bekommen, und dann wieder Zeit haben für die ganz besondere Begabung. Die Arbeitsbedingungen für die Kunst sind dennoch nicht nur günstig, weshalb Günther bei Wind und Wetter draußen malt. Vielleicht könnte aber auch die Gemeinde Litzendorf, zu der Naisa gehört, gelegentlich Abhilfe schaffen. Kunst gehört nicht zur Daseinsvorsorge, also zu den kommunalen Pflichtaufgaben, aber sie ist für die weitaus meisten Menschen wenigstens ein so wichtiges Lebensmittel wie Brot und Butter auch.
Wenige Kilometer von Naisa entfernt, in Hallstadt, da ist die Malerin und Grafikerin Waltraud Scheidel schon einen Schritt weiter. Das heißt, eigentlich sind die Stadt und die Künstlerin schon einen Schritt weiter. Zunächst wirkt auch Scheidels Atelier mit Ausstellungsraum in der Mainstraße nächst dem Kulturboden schäbig und abgehalftert. Und tatsächlich sind die Räume, die den Künstlerinnen in der Mainstraße für Atelier und Ausstellung von der Stadt überlassen wurden, nur die Zwischennutzung eines Gebäudekomplexes, der irgendwann einmal in neuer Schönheit erstrahlen soll. Aber immerhin hat Scheidel nach längerem Bohren dicker Bretter in der kunstsinnigen Kleinstadt vor den Toren Bambergs etwas in Bewegung gesetzt.
Eine Artothek gibt's am Ort schon. Sie wird, wenn es saniert und um einen Anbau erweitert ist, in ein historisches Fachwerkhaus einziehen und im neuen Anbau soll es dann sogar Künstlerateliers geben. Bis es soweit ist, zeigt Scheidel ihre Arbeiten gerne in dem etwas ruinösen Gebäude an der Mainstraße, denn sie ist überzeugt, dass die Stadtspitze und der Rat von Hallstadt felsenfest hinter der Kunst- und Kulturförderung vor Ort stehen. - Und Rom ist ja auch nicht an einem Tag erbaut worden. Scheidel zeigte bei der diesjährigen "Artur" bezwingende Monotypien-Werkgruppen und Freihand-Zeichnungen, die eine Art Yoga der Sinne voraussetzen und vorstellen.
Franziska Götz, in verschiedenen Kursen Schülerin bei Scheidel, erhielt von ihrer Lehrerin eine Einladung, auch in Hallstadt auszustellen. Bei ihren Arbeiten steht das Traumwandlerische des Schaffensprozesses im Vordergrund. Alleine, manchmal fehlt der rote Faden oder das Bild weiß nicht so recht, wohin die Malerin will. Sehenswert und zur weiteren Bearbeitung empfehlenswert ist Götz ein federleichtes Textil- und Papier-Relief gelungen, das den Betrachter nach "mehr" rufen lässt.
Im blauen Turm
In der Bamberger Ochsenanger-Siedlung steht der blaue Turm. Ihn bespielt die Malerin, Zeichnerin und Objektkünstlerin Doris Müller schon seit ein paar Jahren mit ihren Arbeiten, wenn "Artur" ist. Diesmal aber hat sie sich selbst übertroffen. Ein paar Skizzenbücher hat die Künstlerin aufgelegt, die unfassbar schöne Blätter vom Sommer und vom Herbst, vom Dazwischen und vom Nochnicht zeigen und von all dem anderen, das im Alltag nur so schwer zu greifen und festzuhalten ist. Nicht weniger fein nuanciert sind ihre lasierend geschichteten Ölmalereien - gleich ob es sich um bezwingend intensive Porträts handelt oder um ein Obst oder Gemüse. Das alles gibt sie im klassischen Stillleben, aber die Bilder atmen und leben noch.
Müller hat wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen, die sich an der "Artur" 21 beteiligt haben, nicht immer nur volles Haus gehabt, wie sie berichtet. Aber in der Summe sind ihr die mehreren Dutzend Interessenten, die sie an den beiden "Artur"-Tagen besucht und befragt haben, sehr lieb.