"So möchte niemand leben" - Helfer fordern Schließung der Unterkunft in Demmelsdorf
Autor: Markus Klein
Demmelsdorf, Freitag, 21. Dezember 2018
Seit Jahren beschweren sich einige Bewohner und Helfer über Missstände in der Gemeinschaftsunterkunft in Demmelsdorf. Nun fordern sie die Schließung, unterstützt von den Grünen. Betreiber und Landratsamt dementieren die Vorwürfe.
In einem der beiden Dachgeschosszimmer der Gemeinschaftsunterkunft in Demmelsdorf ist ein Nagerloch zu sehen. Angefressene Vorratstüten zeugen davon, dass in der engen Behausung nicht nur vier anerkannte Asylbewerber aus Eritrea leben. Beide Heizungen sind voll aufgedreht, aber kalt. "Die eine geht manchmal", sagt einer der Bewohner mit resigniertem Lächeln. Die jungen Männer haben ikeinen Tisch, keine Ablageflächen, keine Stühle. Sie gehen auf die Berufsschule. Platz zum Lernen hätten sie nicht, sagen sie. Die Tür des Gemeinschaftsraums im ersten Stock ist abgeschlossen. Im Aufenthaltsraum im Erdgeschoss liegen Kleidungsstücke zum Trocknen auf den Tischen. "Das schlägt sich auf die Leistung der Schüler nieder", meint Wolfgang Neustadt, der die Eritreer unterrichtet. "Dabei haben die es eh schon schwer genug."
Die Helfer vor Ort, ehrenamtliche Mitarbeiter des Vereins "Freund statt Fremd", beschweren sich seit der Eröffnung der Unterkunft vor fünf Jahren regelmäßig beim Landratsamt und bei den Betreibern Norbert und Dominik Sendzikowski über Missstände. Weil sich an diesen nichts ändere, wenden sie sich nun an den Bayerischen Landtag.
Sie prangern eine menschenunwürdige Wohnsituation und vernachlässigte Pflichten bei der Unterstützung der Bewohner an. Die Vorwürfe gehen an den Betreiber der Einrichtung und an das Landratsamt. "Wir haben keine Freiheit. Wir können nicht lernen. Ich schlafe schlecht", sagt einer der Bewohner des Dachzimmers mit dem Nagerloch. Beklagt wird zudem, dass kaputte Gebrauchsgegenstände wie Wäschetrockner, Waschmaschinen und Ofen nicht oder erst nach monatelangem Drängen ersetzt würden.
Ungereimtheiten sieht Freund statt Fremd bei der Vergabe der lukrativen Unterbringungsplätze: Es sei etwa nicht nachzuvollziehen, weshalb in zwei Unterkünften in Scheßlitz und anderen Heimen im Landkreis Zimmer frei sind, während Demmelsdorf voll belegt sei. Bei einem Treffen der Helfer ist von einem "Duz-Verhältnis" zwischen einem Mitarbeiter des Landratsamts und dem Betreiber die Rede. Auf diesem Treffen wurde vereinbart, die Schließung der Unterkunft in einem offenen Brief zu fordern. Als Empfänger sind der Bayerische Landtag und die Regierung von Oberfranken angegeben. Neben den Helfern unterzeichneten auch Integrationslehrer Neustadt, Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat und die Grünen Kreisräte Ralph Behr, Barbara Müllich und Andreas Lösche.
Im Brief wird auch beanstandet: "Die Bewohner sind der Willkür des vom Betreiber bestellten, völlig unqualifizierten Asylsozialberaters ausgesetzt." Die Rede ist von Diego Meneses (Name geändert), der nun als Hausmeister und Asylsozialbetreuer fungiert. Als Demmelsdorf noch als Notunterkunft geführt wurde, hatte er dort bereits als Security gearbeitet hat. Er soll laut Helferkreis nicht nur seinen Aufgaben nicht gerecht werden, sondern auch die Bewohner schikanieren. Ein Vorwurf, der umso schwerer wiegt, wenn man in die Vergangenheit blickt: Meneses Vorgänger unterstellten die Helfer Gewaltandrohungen und Schikanen gegenüber den Bewohnern. Landratsamt und Betreiber reagierten nicht. Nun sitzt der Exhausmeister seit Anfang 2017 wegen eines Gewaltdelikts im Gefängnis.
Reaktion der Verantwortlichen
"Hätte ich früher davon gehört, hätte ich sofort reagiert", sagt Betreiber Dominik Sendzikowski über den Vorgänger von Meneses. "Aber ich habe erst von der Polizei davon erfahren." Laut Helfern gab es jedoch zuvor schon Beschwerden. Sendzikowski habe den pakistanischen Hausmeister angestellt, weil er "aus dem gleichen Kulturkreis kommt", wie er sagt. Für Meneses habe er sich dann entschieden, "weil ich gesehen habe, wie gut er mit den Leuten umgeht, ihnen zum Beispiel beim Einrichten der Handys hilft." Freund statt fremd bestreitet das deutlich: Meneses vernachlässige wesentliche Aufgaben der Asylsozialberatung. "Die ehrenamtlichen Helfer machen seinen Job", fasst Brigitte Finke zusammen. Bis 2016 hat es in Demmelsdorf einen unabhängigen Asylsozialbetreuer der Awo gegeben. Die Helfer können nicht nachvollziehen, warum er dort nicht mehr arbeitet. Da der Betreiber diesen nun selbst stellt, steht ihm eine höhere Geld-Pauschale aus dem Landratsamt zu. Sendzikowski meint hingegen, dass der Betreuer der Awo nur zwei Mal in der Woche in der Unterkunft war, während Meneses täglich bis abends dort anzutreffen sei.
Währenddessen stehe der Gemeinschaftsraum im ersten Stock stets offen. Die Dachbewohner könnten zudem auch im Aufenthaltsraum im Erdgeschoss lernen, "die Wäsche ist ja schnell zur Seite geräumt", meint der Betreiber. Nach dem Beratungstreffen der Helfer stehen dort nun auch ein Trockner und zwei Wäscheleinen.