Oh, Onkel Kurt! "Die werden mal was wert", hast Du gesagt. "Die lassen sich später gut verkaufen." Ich habe immer gedacht, Du hast recht. Ein Schatz muss sie damals für Dich gewesen sein, die silberne Schweizer Taschenuhr, die Du 1916 zur Konfirmation bekommen hast. Da gibt es auch noch eine zweite, von der Du nie genau sagen konntest, wann ein entfernter Verwandter sie Dir überlassen hat. Jetzt gehören sie beide mir. Und ich spiele damit.

Wertgegenstände im Pfandleihhaus zu versetzen ist etwas, was für einige Menschen kein Spiel ist. Sondern manchmal die einzige Möglichkeit, schnell an Bargeld zu kommen. Ohne Schufa-Auskunft, ohne Einkommensnachweis und ohne eine "Bewegung" auf dem Konto.

"Leute, die sich die Kette vom Hals nehmen, hier auf den Tisch legen und sagen ,ich brauche Geld‘, die gibt's tatsächlich", sagt Johann Sebök. Ansonsten bekommt er Schmuck und Uhren in Schachtel und Kästchen vorgelegt, in Samtbeutel gehüllt.

Oder aus der Hosentasche gezogen, so wie die Taschenuhr vom Großonkel. Diejenige, die noch funktioniert. Hergestellt in Luzern, wie die Aufschrift auf dem Zifferblatt verrät. Diesen Zeitmesser möchte ich testhalber zu Geld machen. Vorübergehend. Denn das ist Zweck der Pfandleihe: Einen Kredit zu erhalten, für den man lediglich mit dem Gegenstand (dem Pfand) haftet und nicht mit dem eigenen Vermögen.

"Dafür könnte ich Ihnen nichts geben", macht Johann Sebök meinem Planspiel ein Ende, bevor es richtig angefangen hat. "Ein Massenartikel aus dem zu Ende gehenden 18. Jahrhundert. Diese Uhr würde in der Auktion vielleicht 80 Euro bringen. Höchstens." Der Inhaber des gleichnamigen Bamberger Auktionshauses hat für die Bewertung nur einen Augenblick gebraucht. Die Pfandleihe ist ein zweites "Standbein".


Zeitwert ist maßgeblich

Was? Nichts wert? "Garnichts nun auch wieder nicht. Aber nicht so viel, dass es sich lohnt, die Uhr zu beleihen. Maßgeblich ist der Zeitwert des Gegenstands. Nicht der Preis, zu dem er einmal erworben wurde. 25 bis 50 Prozent dieses Zeitwerts vergeben wir als Kredit. Selbst, wenn ich Ihnen zehn oder 15 Euro dafür hinlegen würde - es fallen Zinsen und Gebühren an."

Wieviel das sein darf, legt die Pfandleihverordnung fest, die seit 1961 in Kraft ist (mit einer Überarbeitung 1976). Zinsen werden (monatlich) in Höhe von einem Prozent des Kreditbetrags erhoben. Dazu kommen Schätz-, Lager- und Verpackungskosten. Das Pfand ist in doppelter Darlehenshöhe gegen Feuer, Einbruch und Diebstahl versichert.

Ein Pfandkredit von 300 Euro beispielsweise kostet monatlich 9,50 Euro. Ab 300 Euro Darlehenssumme beträgt die Unkostengebühr drei Prozent. Bei 10 000 Euro kämen mit Zinsen und Nebenkosten 400 Euro zusammen. Pro Monat.

"Ob es sich für jemanden lohnt, einen Wertgegenstand zu beleihen, einen Dispokredit in Anspruch zu nehmen oder bei der Bank ein Darlehen zu beantragen, hängt von der persönlichen Situation der Person ab. Pfandkredite dienen sehr oft zur Überbrückung kurzfristiger finanzieller Engpässe. Zum Beispiel, wenn jemand schnell eine Autoreparatur zahlen muss oder ähnliches. Auch Handwerker, die ihre Angestellten bezahlen müssen und von ihren Kunden zu spät Geld bekommen, verpfänden manchmal einen Wagen oder gar Teile ihres Fuhrparks".


Nicht alles wird angenommen

Kraftfahrzeuge, Unterhaltungselektronik und dergleichen allerdings nimmt das Bamberger Pfandleihhaus nicht an. Nur Schmuck, Uhren, Münzen, Gemälde und Kleinantiquitäten.

Wie ginge es denn nun weiter mit Onkel Kurts Taschenuhr? Jetzt käme der - nicht allzu große - Papierkram. Im Pfandkreditvertrag werden unter anderem die persönlichen Daten des Verpfänders, der Legitimationsnachweis (Personalausweis- oder Reisepassnummer), die Pfandkredithöhe und der Tag, bis zu dem die Pfandeinlösung erfolgen soll sowie die Pfandbezeichnung und eventuelle Besonderheiten festgehalten.

Das Pfandgut bleibt während der gesamten Laufzeit Eigentum des Verpfänders. Die Taschenuhr würde verpackt und im Safe aufbewahrt. Zusammen mit dem Pfandschein könnte ich nun Bargeld mitnehmen. "Gut drauf aufpassen", sagt Johann Sebök. "Theoretisch kann jeder, der im Besitz dieses gelben Durchschlags ist, das Pfand gegen die Zahlung der Kreditsumme und der angefallenen Zinsen und Gebühren abholen. Falls der Pfandschein verloren ginge, sollten Sie uns so bald wie möglich benachrichtigen."

Vertragslaufzeit ist drei Monate, in denen man das Pfand einlösen kann, plus einen Monat Überziehungszeit. Die Laufzeit kann beliebig oft verlängert werden. Holt ein Kreditnehmer sein Pfand nicht ab, geht es in die öffentliche Versteigerung. "Es besteht auch die Möglichkeit, das Pfand noch kurz vor der Versteigerung zurückzuholen".

Wie viele Gegenstände kommen in die Auktion? "Weniger, als die meisten denken", sagt Sebök. "Unter zehn Prozent. So soll es auch sein. Die Pfandleiher haben nicht das Interesse, die Gegenstände zu verwerten. Die Leute sollen ja ihr Eigentum wieder mitnehmen."

"Konkurrenz" gibt es in der Region kaum. "Das nächste klassische Pfandleihhaus ist in Nürnberg. Allein davon leben könnte man in Bamberg aber nicht."

Erzählen die Kunden etwas über die Dinge, die sie dem Pfandleiher übergeben? "Manche schon. Oft sind es Dinge, die lange in Ehren gehalten wurden. Und da erfährt man was über die Geschichte des Schmuckstücks. Für die meisten Leute jedoch ist es ein Geschäft, bei dem nicht mehr als nötig geredet wird. Wozu sie das Geld brauchen, ist ihre Sache. Es kamen auch schon welche, die anschießend schräg über die Straße gingen. In die Spielhalle."