Mit der Fernschule macht Tim das Lernen Spaß
Autor: Jutta Behr-Groh
, Dienstag, 30. August 2011
Im Schnitt eineinhalb Jahre lang hat jeder von ihnen die Schule "geschwänzt" - zumeist aus gesundheitlichen Gründen: Die Rede ist von 18 jungen Leuten aus Bayern, die nun mit der "Flex Fernschule Bayern" auf einen Schulabschluss hin arbeiten. Die Einrichtung hat im März in Bamberg ihren Betrieb aufgenommen. Sommerferien gibt es nicht.
Der Traum aller Schulkinder war für Tim Schulze ein Alptraum: Vier Jahre lang besuchte der 14-Jährige keine Regelschule mehr. "Jeden Tag frei, das hört sich wie das größte Glück an!" sagt er über diese Erfahrung. Aber das sei furchtbar langweilig und er sei so froh, dass er "endlich wieder was für den Kopf machen" könne: Er hat wieder mit dem Lernen angefangen. Tim Schulze ist einer von 18 jungen Leuten aus Bayern, die mit Hilfe der Flex Fernschule Bayern auf einen Haupt- oder Realschul-Abschluss hin büffeln.
So wie Tim, der in einem oberbayerischen 500-Seelen-Ort zu Hause ist, haben auch die anderen 17 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Flex Fernschule Bayern einen langen Leidensweg hinter sich. Schulverweigerer, die einfach nicht wollen, seien das nicht, sagt Schulleiterin Jutta Hahn. Vielmehr seien sie durchweg aus gesundheitlichen Gründen in der Regelschule gescheitert. Bei den Zwölf- bis 21-Jährigen, die nun wöchentlich das Unterrichtsmaterial mit der Post aus Bamberg bekommen und zu Hause bearbeiten, handelt es sich um Krebspatienten genau so wie um Autisten, um Kinder, die am Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) leiden oder die chronisch krank sind.
"Das war für mich der größte Segen!"
Bei Tim wurde das Asperger Syndrom diagnostiziert, eine besondere Form des Autismus. Lange hat seine Mutter gerätselt, warum es ihrem Sohn unmöglich war, mit alltäglichen Pausenhof-Situationen umzugehen. Jede Rempelei habe er "in den falschen Hals bekommen", berichtet die 42-Jährige. Heute wisse sie, dass das ganz typisch für Menschen mit dem Asperger Syndrom sei.
Deshalb ist sie glücklich über die Alternative der Flex Fernschule, mit der der 14-Jährige wieder die Freude am Lernen gefunden hat. "Das war für mich der größte Segen!" sagt er selbst mit viel Ernst in der Stimme.
Einmal pro Woche erhalten die Fernschüler Post aus Bamberg: Arbeitsmaterial, das ein kleines Lehrerteam auf die individuellen Bedürfnisse und die selbst gesteckten Ziele der 18 jungen Leute zusammen gestellt haben, und dass sie nach acht Tagen bearbeitet zurück schicken müssen.
Oberrimsingen steht Pate
Die Bamberger Einrichtung arbeitet eng mit der gleichnamigen Flex Fernschule in Oberrimsingen/Baden-Württemberg zusammen. Dort hat man beste Erfahrungen mit dem Angebot gemacht, das genau genommen eine Maßnahme der Erziehungshilfe ist.
Träger der Flex Fernschule Bayern ist das Don Bosco-Jugendwerk in Bamberg. Für die Anschubfinanzierung sorgt der Rotary-Club Bamberg-Domreiter: Dieser hat sich verpflichtet, drei Jahre lang jeweils 12 000 Euro für das Projekt zu geben. Der amtierende Präsident Matthias Strunz sieht darin nicht nur eine Aufgabe, die dem Zweck des weltweit tätigen Serviceclubs entspricht, sondern auch eine Herausforderung: Die Gesellschaft kann es sich seiner Meinung nach nicht erlauben, Randgruppen links liegen zu lassen, weil sie entweder im Arbeitsprozess fehlen oder finanziell von der Allgemeinheit mitgetragen werden müssen.
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