Selbst mit 100 Tonnen Schneidkraft und ebenso viel Spreizkraft können Thomas Renner, Markus Batz, Reinhard Behr und Florian Kügler Blech und Stahl bisweilen nur mühsam bezwingen. Wenn die Feuerwehrleute ein Fahrzeug öffnen müssen, um darin eingeklemmte Menschen zu befreien, tun sie sich oft schwer. Nicht nur weil die Geräte, mit denen sie hier die so genannte Technische Hilfeleistung vollbringen, schon mal einen halben Zentner wiegen. Vielmehr sind es die immer widerstandsfähigeren Materialien zur Erhöhung Insassen-Sicherheit, durch die sich die Arbeit der Retter erschwert. Das kostet wertvolle Zeit und unnötig Kraft.

"Je sicherer die Autos sind, desto schwieriger wird unsere Arbeit," sagt Kreisbrandinspektor Thomas Renner (Hallstadt). Eine enorme Erleichterung wären einerseits Rettungskarten in jedem Fahrzeug sowie die Möglichkeit, sich in Übungen rettungstechnisch besser mit der neuesten Fahrzeuggeneration vertraut machen zu können.

Kooperation mit ADAC

Wie lehrreich Letzteres ist, haben jüngst 120 Aktive aus dem Landkreis bei einer speziellen Übung in Kooperation mit der ADAC-Unfallforschung erfahren. Die Initiative dafür war von Kreisbrandrat Bernhard Ziegmann ausgegangen. Die außergewöhnliche Übung habe wertvolle Erkenntnisse gebracht, die nun in den Landkreiswehren weitergegeben werden soll, merkt Kreisbrandmeister Florian Kügler (Hallstadt) an. Die Befreiung von Unfallopfern aus Fahrzeugen zählt in den BereichTechnische Hilfeleistung der Feuerwehren, die im Laufe der Jahre die Zahl der Brandeinsätze weit überholt hat. Benötigt werden dafür Rettungssätze mit Rettungsschere, -Spreizer und -Zylinder.

Der Umgang damit erfordert einiges an Können und spezielles Wissen. Das wurde bei der besonderen Übung mit der neuesten Fahrzeug-Generation vertieft. Von der ADAC-Unfallforschung bekamen die Wehren praktisch fabrikneue Fahrzeuge zum Aufschneiden, Aufspreizen, Aufdrücken oder Aufziehen. Die Fahrzeuge waren zuvor nur einem Seitenaufprall-Test unterzogen worden. Dieser Zustand war damit wie nach einem Unfall. ADAC-Ingenieur Thomas Unger erklärte neue Rettungstechniken in der Theorie und in der Praxis und ging auf besondere Gefahren bei der aktuellen Fahrzeuggeneration ein.

Vorbereitung für den Ernstfall

Die örtlichen Wehren bereiten sich bekanntlich durch regelmäßige Übungen auf die Eventualitäten des Ernstfalls vor. Logischerweise üben sie dabei nur an Schrottautos älterer Baujahre. Die kaputten Neuwagen benötigen die Schrotthändler schließlich selbst schneller für die Weiterverwertung. Die Feuerwehrler sind mehr als froh über die Unterstützung der regionalen Schrotthändler, die hier Fahrzeuge zur Verfügung stellen und nach dem Üben wieder zurückbekommen. Doch wohnt diesem Üben auch ein gravierender Nachteil inne: "Wir kennen die neuen Modelle nicht", macht Matthias Müller, Gruppenführer in der Memmelsdorfer Feuerwehr deutlich.

Was bedeutet das für ihre ehrenamtliche Arbeit? "Zusätzliche Gefahren und oft wichtigen Zeitverlust", erklärt Reinhard Behr, Erster Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Stegaurach. Denn bevor die Wehr beginnen kann, im Fahrzeug eingeklemmte Personen mit Hilfe ihre Geräte zu befreien, muss sie wissen, wo sie diese gefahrlos einsetzen kann. Gefahrlos bedeutet dabei, ohne zusätzliche Gefahr für die im Fahrzeug Eingeklemmten, aber auch ohne Gefährdung der Einsatzkräfte.

In Fahrzeugen gibt es eine erstaunliche Vielzahl von Gefahrenquellen, die dem Normalbürger gar nicht als solche bewusst sind. Markus Batz, Zweiter Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Sassanfahrt nennt da zum Beispiel den Akku eines Elektrofahrzeugs, um den Blick auf die modernen Fahrzeuge zu lenken. "Wenn man nicht weiß, wo der Akku ist und man ihn mit dem Werkzeug trifft, können Säuren auslaufen. Das ist für denjenigen gefährlich, der damit in Kontakt kommt, aber auch für die Umwelt." Fatal sein kann es, wenn man mit dem Gerät einen Airbag erwischt und der plötzlich auslöst. "Bei den modernen Fahrzeugen sieht man das Wenigste", weiß Reinhard Behr. "Bei den älteren Fahrzeugen sehen wir Feuer, aber auch auslaufenden Treibstoff," ergänzt Florian Kügler.Wenn hingegen bei Hybrid- oder Erdgasfahrzeugen Gas unkontrolliert austritt, ist das ungleich schwerer zu erkennen. "Zündet es, dann haben wir ein Problem," so Behr weiter. Zurück zu den Airbags. Die werden über Gasgeneratoren ausgelöst, wenn man so einen erwischt, hat das gleichfalls üble Auswirkungen. "Man sieht die eingebauten Dinge ja nicht", macht Kügler deutlich.

Dabei wäre aus Sicht der Feuerwehr Abhilfe ganz einfach: Die zur Nachbesprechung in Hallstadt versammelte Runde ist sich einig: Eine gesetzliche Vorgabe, dass jedes Fahrzeug eine Rettungskarte haben muss, wäre eine enorme Erleichterung bei Einsätzen. Die Rettungskarte zeigt konkret, wo sich im Fahrzeug Steuergerät, Batterie, Gurtstraffer, Airbag, Gasdruckdämpfer, aber auch Tank, A-, B- und C-Säule sowie besonders verstärkte Teile befinden.

Die besten Geräte zuerst

Die Feuerwehrleute weisen überdies darauf hin, dass sich jeder die Rettungskarte für sein eigenes Fahrzeug über den ADAC besorgen kann. "Die sollte dann in die Sonnblende auf der Fahrerseite kommen", gibt Markus Batz einen praktischen Tipp. Nicht, dass die Feuerwehrleute genau da ihr Gerät einsetzen, wo sie sich am schwersten tun (verstärktes Metall) und die wichtige Ausrüstung beschädigt wird. "Normalerweise werden immer die besten und stärksten Geräte als erste eingesetzt", macht Thomas Renner deutlich.

"Wie gesagt, bei Unfällen mit der aktuellen Fahrzeuggeneration sieht man sehr wenig, auch bei den Verletzten", kehrt Reinhard Behr zu seinen ersten Äußerungen zurück. Die Materialien machen die Autos sicherer, aber die Insassen sind erheblichen Kräften ausgesetzt, mit entsprechenden inneren Verletzungen als mögliche Folge. Auch das wurde beim Lehrgang vertieft. Ein bisschen hat dieser Behr auch die Angst genommen: "Ich weiß jetzt, dass ein Gasauto nicht ohne Weiteres explodiert."

Einige Daten: Wie riskant die Arbeit der Feuerwehrleute ist, belegt die Tatsache, dass bayernweit im vergangenen Jahr 1900 Aktive bei Einsätzen verletzt wurden, zwei davon tödlich. - Von den über 191 Feuerwehren im Landkreis verfügen 40 über Rettungssätze für Technische Hilfeleistung, insgesamt sind es 55 Sätze. - Im vergangenen Jahr waren die Landkreis-Feuerwehren bei insgesamt 300 Bränden, 1200 Technischen Hilfeleistungen und 100 Sicherheitswachen im Einsatz. Dazu kamen 100 Fehlalarme. an