Die Leinwand für die selbst ernannten Künstler ist ebenso groß wie gefährlich. Unmittelbar neben den Gleisen, auf denen der ICE vorbeirauscht, noch dazu auf einer hohen Betonbrücke, wirkt die Wand wie eine Werbetafel. Sprayer sprechen an solchen Orten von einer Wall of Fame.

Direkt an der Autobahn wird der Reisende prominent darauf hingewiesen, dass er das Hoheitsgebiet des 1. FC Nürnberg betritt. Die Botschaft der Fangruppierungen Ultras Nürnberg und Banda Di Amici ist eindeutig. Während die Urheber der Slogans "AMR-Gang", "2Face18", "Zash", "Zank" oder "Touz" dem Betrachter offenbar nur mitteilen: "Ich war hier." Es geht darum, sein Revier zu markieren - wie der Hund den Gartenzaun.

Polizei und Staatsanwaltschaft sehen in den Schriftzügen ganz unromantisch eine Sachbeschädigung. Eine großflächige noch dazu. Auf 45 000 Euro beziffert die zuständige Bundespolizei den Gesamtschaden an der Eisenbahnbrücke und auf den Schallschutzwänden der neuen Bahntrasse bei Breitengüßbach.

Auch Peter Wolf, Pressesprecher der zuständigen Bundespolizeiinspektion Würzburg, bezeichnet die Gesamtfläche der Graffiti als "außergewöhnlich groß". 18 Ermittlungsverfahren seien bereits eingeleitet und teilweise auch beendet worden. "Wir haben schon mehrere Tatverdächtige ermittelt. Aus ermittlungstaktischen Gründen können wir jedoch keine Einzelheiten bekannt geben", berichtet der Polizist. Nur so viel: "Aufgrund von verschiedenen Tags (Signaturen) und unseren bisherigen Ermittlungen können wir von mehreren Tätern ausgehen."

Schwierige Spurensuche

Die Ermittlungen bei Schmierereien und Graffitis sind schwierig, wenn nicht gerade ein Täter mit der Spraydose in der Hand erwischt wird. Und selbst dann ist es nicht einfach, den Nachweis zu führen, welche Schriftzüge wirklich aus seiner Urheberschaft stammen.

"Durch illegale Graffitis wird mutwillig öffentliches oder privates Eigentum beschädigt. So entsteht jährlich ein Schaden in Millionenhöhe", erklärt Polizeisprecher Wolf und warnt: "Die meist jugendlichen Täter wollen oft Anerkennung in der Szene erhalten. Illegale Graffitis sind aber kein Spaß - im Gegenteil, es handelt sich um eine Straftat, die entsprechend geahndet wird, und zudem können hohe zivilrechtliche Forderungen entstehen."

Finanzieller Ruin droht

Sachbeschädigung ist laut Staatsanwalt Alexander Baum mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder Geldstrafe bedroht. Wird der Fall vor dem Zivilgericht ausgefochten, kann es für die Sprayer richtig teuer werden. "Die zivilrechtlichen Ansprüche gegenüber dem Täter beziehungsweise Verursacher behalten 30 Jahre Gültigkeit", erklärt Alexander Krapp, Pressesprecher der Polizei Bamberg Land. Diese Schulden verschwinden auch nicht durch Privatinsolvenz. "Wenn eine Gruppe beim illegalen Sprayen gestellt wird, haftet jedes Gruppenmitglied für die gesamte Schadenssumme", erklärt Krapp.

Was noch weit schwerer wiegt: "Die Täter begeben sich in Lebensgefahr, wenn sie verbotenerweise den Gleisbereich betreten", wie die Bundespolizei warnt. So auch bei Breitengüßbach, wo die Bahnstrecke zwar zu Fuß zugänglich ist und Schotterwege entlang der Bahnstrecke verlaufen - doch oben an die Lärmschutzwand zu gelangen, ist riskant.

Für die Breitengüßbacher Bürgermeisterin Sigrid Reinfelder (UBB) sind die Schmierereien ein Ärgernis, das sie mit vielen Kommunen teilt, die an großen Verkehrsadern liegen. "Die Täter müssen ja keine Bürger aus der Gemeinde sein", sagt Reinfelder. Graffiti könnten auch echt gut aussehen, findet die Bürgermeisterin - doch wo sie platziert werden, das müsse man organisieren. Gegen die vielen illegalen Schriftzüge habe man jedoch kaum Handhabe.

Blick über den Tellerrand

Im Jahr 2020 wurde bei der Landkreispolizei in bislang 20 Fällen von Sachbeschädigung durch Graffitis ermittelt. "Letztes Jahr waren es 36 Fälle mehr, das Plus an Sachbeschädigungen ging aber vor allem auf das Konto von drei Einzeltätern, die jeweils eine Serie von Schmierereien in ihren Orten begingen. Die drei jungen Täter konnten ermittelt werden", berichtet die Polizei Bamberg-Land.

Wer im Internet Bildrecherche betreibt, der erkennt in der ganzen Region den "AMR"-Tag wieder - auch die anderen Unterschriften finden sich teilweise bis in den Nürnberger Raum. Die Schriftzüge der Club-Fanatiker sowieso. Nur was die Trias "China, China, China" bedeuten soll, bleibt für den Außenstehenden trotz Corona im Dunkeln.