Für die Beantwortung dieser Frage rekonstruierte die Große Strafkammer des Landgerichts Bamberg gestern die letzten Wochen im Leben des 86-jährigen Rudolf P. (Name geändert). Der Demenzpatient litt unter starken Spastiken, die ihn dazu zwangen, krampfhaft seine Fäuste zu ballen. So fest und so lang, dass er sich selbst das Blut abdrückte bis seine Fingerkuppen abstarben.

Die Patientenakten, die Vorsitzender Richter Manfred Schmidt verlesen ließ, skizzierten nur bruchstückhaft das Leiden des Mannes. Schriftstück für Schriftstück ergab sich das Protokoll eines Lebens, das am Ende nur noch auf Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme, die Konsistenz der Ausscheidungen, Körpertemperatur, den Grad der Geistesdegenerierung und die Stärke der Krampfanfälle reduziert war.

"Bewohner vom Krankenhaus zurück. Sehr steif. Wenig getrunken. Pudding und halben Brotbrei gegessen. Rissige Figernägel, trockene Haut. Handbad mit Kamille. Kompresse drauf", stand in den Akten. Aber auch lichte Momente wurden dokumentiert: "Patient summte bei Liedern mit. Musik schien ihm zu gefallen. Er schien das Vorlesen wahrzunehmen. Still genoss er die Kopfmassage."

Am 11. August 2016 protokollierte eine Pflegerin in Gleusdorf erstmals eine blutverkrustete Stelle an einem Finger. Am 22. August hatte sich die Wunde entzündet. Neun Tage später ist in den Akten bereits von abgestorbenen Stellen an Fingern die Rede. Jetzt erst verschrieb der Arzt der Pflegeeinrichtung - einer der drei Angeklagten in dem Fall - ein Antibiotikum zur Bekämpfung der Entzündung. Zu spät?

"Also hier hätte man durchaus auch vorher Antibiotikum geben können", sagte ein Rechtsmediziner. Doch von einer unzureichenden Medikamentierung sprach der Sachverständige nicht. Hatte Rudolf P. dauerhaft Schmerzen und hätte deshalb stärkere Schmerzmittel bekommen müssen? Diese "Gretchenfrage", wie er es nannte, sei objektiv nicht zu klären.

Zum Schweigen gezwungen

Das Problem: Rudolf P.s Gehirn war so stark von der Demenz zerfressen, dass er nicht mehr einfach sagen konnte, wenn ihm etwas weh tat. Diese "fehlende Kommunikationsfähigkeit" mache die Einschätzung so schwierig, erklärte der Rechtsmediziner. Nur anhand von Gestik und Mimik konnten die Pflegekräfte abschätzen, ob er Schmerzen habe. "Man zieht die Hand zurück bei Schmerzen. Auch Demenzkranke tun das. Das ist eine typische Vermeidungsreaktion", erklärte der Sachverständige.

"Man stöhnt, verzieht das Gesicht, der Körper spannt sich an": All dies habe Rudolf P. getan, wenn sie ihm seine Verbände an den Händen gewechselt habe, berichtete eine Altenpflegerin aus einer unterfränkischen Einrichtung. Dorthin war der 86-Jährige im Herbst 2016 auf Initiative seiner Angehörigen verlegt worden. Kurz vor seinem Tod.

"Er hatte Wunden an den Händen, an die ich mich immer erinnern werde. So etwas habe ich vorher noch nie gesehen und danach auch nicht", berichtete die Wundschwester der neuen Einrichtung. Knochen, überzogen von einer faltigen, vertrockneten, teils schwarzen Haut, wie bei einer Mumie: Sichtlich erschrocken reagierte eine junge Ergotherapeutin im Landgericht auf die Fotos von Rudolf P.s halb abgestorbenen Händen. Ihre Aufgabe war es vorher in Gleusdorf gewesen, seine versteiften Gelenke zu mobilisieren.

Jeden Tag tastete sie sich dazu von der Schulter über die Arme zu den Händen vor. Doch wenn sie versucht habe, seine Finger zu bewegen, habe sich der 86-Jährige immer gewehrt. "Ich habe selten einen Patienten erlebt, der so eine Kraft hatte, seine Hände zuzudrücken. Wenn meine Hand noch dazwischen war, habe ich die manchmal ohne Hilfe nicht mehr rausbekommen."

Emotional belastend

Waren die Hände damals schon entzündet? Waren sie verbunden? Unter den Fragen im Gerichtssaal geriet die junge Frau zunehmend in eine Defensivhaltung und weinte. Das Schicksal des Mannes gehe ihr nahe, sagte sie. "Ich hätte wahrscheinlich nicht so lange da gearbeitet, wenn da etwas vorgefallen wäre, was nicht mit meiner Moral einhergeht. Dann hätte ich gekündigt."

Auch im neuen Pflegeheim in Unterfranken hat Rudolf P. zunächst keine anderen Medikamente erhalten. Sein Zustand verschlechterte sich so sehr, dass er bald darauf starb.

Es war eine Erlösung für den Mann, der 2012 in einer Patientenversorgung festgelegt hatte, auf lebenserhaltende Maßnahmen oder künstliche Ernährung zu verzichten und "sterben zu dürfen". Wie sehr er in den letzten Wochen seines Lebens gelitten hatte, wird gerichtlich wohl nicht zu klären sein.

"Man bräuchte ein Schmerzmessgerät", sagte Richter Schmidt am Ende eines mühsamen Verhandlungstages. "Man kann nur selbst auf einer Skala von eins bis zehn die Stärke der Schmerzen angeben oder mit den Fingern zeigen", antwortete der Rechtsmediziner. "Etwas anderes gibt es nicht."

Am 20. Januar wird der Prozess am Bamberger Landgericht fortgesetzt.