Die letzten Reifen rollen bei Michelin in Hallstadt vom Band. Die Franzosen sagen Adieu, und nach und nach gehen im Werk die Lichter aus. Für die Mitarbeiter entscheidet sich in diesen Tagen, wie es weitergeht.

Mehr als 15 führte der Weg nach Altendorf. Weitere könnten folgen: "Gerade bewerben sich viele ehemalige Mitarbeiter von Michelin", berichtet Vanessa Sturm. Die Personalsachbearbeiterin bei Lohmann-Koester muss nicht lange überlegen, um lobende Worte für die neuen Beschäftigten zu finden, überwiegend Maschinenbediener in der Produktion. "Sie sind die Abläufe in unserem Schichtsystem gewohnt", sagt Sturm und erklärt, dass die Sieben-Tage-Schichtrhythmen bei Lohmann-Koester die gleichen wie bei Michelin seien. Ein klarer Vorteil bei der Eingewöhnung im neuen Betrieb für die ehemaligen Michelin-Leute - auch wenn statt Autoreifen nun Verschlusssysteme für Windeln aller Art vom Band laufen.

Anders als in der gebeutelten Autobranche zeigen sich die Auftragszahlen für Windeln offenbar krisensicher: Die 500 Mitarbeiter in Altendorf mussten nicht in Kurzarbeit gehen. Auch bei einem Lebensmittelproduzenten in Hirschaid haben einige Michelin-Mitarbeiter laut Arbeitnehmervertretung neue Beschäftigung gefunden.

Probleme bei der Jobsuche

Ingenieure und Facharbeiter würden leichter etwas Neues finden, als die Kollegen aus der Produktion. Um so wertvoller seien die Wechsel innerhalb des Landkreises zu bewerten, berichtet Josef Morgenroth. Der Betriebsratsvorsitzende und sein Stellvertreter Helmut Weggel rechnen vor: 900 Mitarbeiter hatte das Werk 2019. Darunter rund 40 Leiharbeiter, die als erstes gehen mussten. 220 weitere Beschäftigte haben die viel beschworene Hallstadter "Michelin-Familie" ebenfalls schon verlassen. Darunter 42 Azubis. "Für die Auszubildenden haben wir mit Hilfe der Politik andere Lösungen gefunden", erklärt Weggel.

Er und seine Kollegen in der Arbeitnehmervertretung eilen aktuell von Beratungsgespräch zu Beratungsgespräch, denn für die verbliebenen 640 Mitarbeiter entscheidet sich in diesen Tagen ihre berufliche Zukunft. Bis Ende Oktober mussten sie eine von drei Optionen wählen: Aufhebungsvertrag, Übergang in die Transfergesellschaft oder betriebsbedingte Kündigung.

"Wer früher geht, bekommt am meisten Geld", bringt es Holger Kempf auf den Punkt, der als Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie die Verhandlungen (IGBCE) begleitet. Abfindungen sind bei allen drei Varianten möglich - über deren Höhe alle Seiten Stillschweigen vereinbart haben. Morgenroth erklärt dazu vielsagend: "Wir im Betriebsrat haben keine Anfeindungen gekriegt. Das hat in den Verhandlungen noch anders ausgeschaut, aber als das Ergebnis da war, nicht mehr."

Aktuell jedoch herrsche eine gewisse Unsicherheit, berichten Betriebsrat und Gewerkschaft. Denn obwohl die Beschlüsse schon im März dieses Jahres getroffen wurden, war das Abwicklungs-Prozedere bisher noch sehr abstrakt. Nun jedoch liegen Verträge auf dem Tisch und warten auf Unterschrift. Das ist etwas anderes. Es wird ernst.

"Der Rest hat natürlich noch keinen neuen Arbeitsplatz", sagt Morgenroth. 65 Leute bleiben demnach zunächst noch bei Michelin, wo ein paar wenige Abteilungen wie Logistik und Energie noch bis Ende 2022 bestehen sollen. 77 der 640 Mitarbeiter werden laut Betriebsrat Ende 2021 in Rente gehen.

"Ein Großteil der Mitarbeiter wechselt in die Transfergesellschaft, um leichter einen neuen Arbeitsplatz zu finden", berichtet Morgenroth. Hier bekommen die Betroffenen bis 2022 Unterstützung, etwa bei der Jobsuche. Wer Jahrzehnte bei Michelin in Hallstadt beschäftigt war, hat in seinem Leben vielleicht nur eine Bewerbung geschrieben.

"Unsere Priorität ist es, jeden einzelnen der betroffenen Mitarbeiter individuell in eine neue berufliche Perspektive zu begleiten", versichert Maira Zöller, Pressesprecherin bei Michelin. "Wir bieten verschiedene Maßnahmen an, darunter die Unterstützung interner und externer Mobilität sowie rentennahe Berufsausstiegsmöglichkeiten, außerdem die Dienste einer Transfergesellschaft, um die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz zu erleichtern."

Die Stadt Hallstadt will anschieben, wo es nur geht: "Michelin möchte zusammen mit uns und dem Landkreis das Gelände nachhaltig entwickeln, um langfristig Arbeitsplätze in der Region zu schaffen", berichtet Pressesprecherin Janina Selig. Die Staatsregierung unterstützt wie berichtet die Pläne für einen neuen "Cleantech Innovation Park" auf dem Michelin-Gelände. Dazu sollen in den kommenden zwei Jahren 42 Millionen Euro in die Zukunftsschmiede Bamberg-Hallstadt und das Wasserstoffcluster der Metropolregion Nürnberg investiert werden. "Wissenschaft und Forschung könnten Hand in Hand arbeiten. Innovative Firmen könnten wegweisende Produkte fertigen", erklärt Selig. "Wir haben bereits vielversprechende Gespräche mit verschiedenen Interessenten geführt, die sich gerne bei uns in Hallstadt ansiedeln möchten." Details könne man noch nicht nennen, um Verhandlungen nicht zu gefährden. "Ich bin mir sicher, dass wir zusammen mit der Firma Michelin und dank der zugesagten Förderung der Staatsregierung das Gelände nachhaltig entwickeln und langfristig Arbeitsplätze schaffen", erklärt der Hallstadter Bürgermeister Thomas Söder.

Kommentar des Autors:

Eine weltweite Seuche und noch dazu eine veritable wirtschaftliche Krise der Automobilbranche: Der Herbst 2020 ist nicht gerade die beste Zeit, um einen neuen Job zu suchen. Insofern überrascht es nicht, dass ein Großteil der knapp 500 Michelin-Mitarbeiter, die noch keinen anderen Arbeitgeber gefunden haben, zunächst in die Transfergesellschaft wechseln. Das Konstrukt, von Michelin geschaffen und vom Staat unterstützt, wirkt wie eine Rettungsplattform.

Hier bekommen die Betroffenen bis 2022 monatlich eine Art Kurzarbeitergeld überwiesen, das nahe am bisherigen Gehalt liegt. Außerdem nehmen sie an Weiterbildungen teil und absolvieren Kurse - zum Beispiel für Bewerbungen. Wie auch immer die Welt und der heimische Arbeitsmarkt 2022 aussehen werden - man darf doch hoffen, dass bis dahin nicht mehr alles so schwarz aussieht, wie die letzten Autoreifen, die bei Michelin vom Band laufen.