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Eine Wärmflasche für das Küken


Autor: Redaktion

Bamberg, Dienstag, 19. Januar 2016

Im Hause Füllgraf sind pro Jahr 300 bis 400 Wildvögel zu Gast. Das Ehepaar hat in seiner Wohnung eine Art Nothilfe für gebeuteltes Gefieder eingerichtet. Da teilen sich schon einmal Specht und Grünfink die Behausung.
Monika Füllgraf mit Kohlmeise Stubsi, die von einer Katze erwischt worden war. Im Frühjahr soll sie wieder fliegen können. Foto: Andreas Thamm


Andreas ThammEin weißer Vogel mit schwungvoller Frisur lässt sich auf dem Kopf von Hans-Georg Füllgraf nieder. Es ist Pukki, einer von drei Nymphensittichen. Die anderen beiden sitzen auf dem Wohnzimmerschrank. Das Zimmer ist erfüllt von Gezwitscher und Gesang.

Die Füllgrafs haben Vögel. Drei Nymphensittiche, drei Wellensittiche, das sind die dauerhaften Mitbewohner. Derzeit sind außerdem ein Buntspecht, ein Grünfink, eine Kohlmeise, eine Blaumeise, ein Rotschwänzchen, eine Mönchsgrasmücke, zwei Spatzen und sechs Mäuse in der Egelseestraße zu Gast. Der Grünfink und der Spatz teilen sich zwei Käfige, die Kohlmeise lebt allein in der Küche, das Rotschwänzchen flattert irgendwo herum, der Rest schnattert in einer größeren Voliere vor sich hin.

Monika und Hans-Georg Füllgraf sind die Wildvögelnothilfe. 1#googleAds#100x100 300 bis 400 Vögel päppeln sie Jahr für Jahr in diesen Räumen auf. Jetzt im Winter sind es die, die es nicht mehr geschafft haben, sich auf den Weg in den Süden zu machen. Hauptsächlich, weil sie gegen eine Scheibe geflogen sind oder von der Nachbarskatze erwischt wurden. Bis zum Frühjahr sollen sie alle wieder fit sein.

Dann wird ausgewildert. Ein Abschied, der nicht immer leicht fällt. "Ich war schon öfter dagestanden und habe geheult", sagt Monika Füllgraf. Die 56-Jährige ist mit Tieren aufgewachsen, hat das Schulfach Biologie geliebt und wollte eigentlich eine Ausbildung zur Tierpflegerin machen. Doch ihre Mutter hatte etwas dagegen. Also lernte sie Konditorin. Und wurde letztlich Hausfrau, Mutter und Ehrenämtlerin im Tierheim.


Seit sieben Jahren im Einsatz

"Seit sieben Jahren machen wir es voll Karacho", sagt sie. Das heißt: Seit sieben Jahren bietet das Haus in der Egelseestraße heimischen Vögeln, die in der Wildnis nicht mehr überleben würden, Schutz und Pflege. Sie kommen entweder aus dem Tierheim oder von Privatpersonen, die von der Arbeit der Füllgrafs wissen. Manche lassen eine Spende da, der Rest muss aus der Haushaltskasse finanziert werden. Dabei fällt vor allem das Futter ins Gewicht. Der Mauersegler beispielsweise, ein besonderer Liebling des Hauses, verträgt nicht dasselbe Futter wie andere Insektenfresser. Weil der Mauersegler den größten Teil seines Lebens im Flug verbringt, kann man ihn nicht mit Krabbelgetier füttern. Die Füllgrafs geben ihm Grillen.

Im Sommer, als viele Mauersegler wegen der Hitze regelrecht austrockneten, päppelten sie 56 zur gleichen Zeit auf. "Früh um acht habe ich mit dem Füttern angefangen, um zwölf war ich mit der ersten Runde durch. Und eigentlich müsste man alle zwei Stunden füttern." Während Monika den störrischen Mauerseglern die Grillen einflößte, versorgte Hans-Georg die Finken und Spatzen - und seine Frau mit geschmierten Broten. "Wir sind früh um drei ins Bett und um sieben wieder raus", erinnert er sich. Und seine Frau: "Das war die Zeit, als ich Energy-Drinks zu schätzen gelernt habe."

Durch die beständige Arbeit mit einer Vielzahl heimischer Vögel wissen die beiden mittlerweile, was der einzelne Vogel braucht. Der Buntspecht, der sich in diesem Winter hämmernd an den Holzbalken der Voliere zu schaffen macht, ist gegen ein Fenster geflogen. Seinen Hals behandelt Monika Füllgraf mit Arnica. Bis zum Frühjahr sollte er wieder beweglich sein. Schmerzmittel für die Tiere sind immer im Haus und selbst bei Greifvögeln traut sie sich mittlerweile zu, Erste Hilfe zu leisten. Für alles weitere kennt sie drei Tierärzte, denen sie vertraut.


Und die Taube fliegt wieder

Am schlimmsten hatte es wahrscheinlich die Türkentaube erwischt. Durch ein Loch im Rücken konnte man ihre Lunge arbeiten sehen. Die Taube hatte die Attacke eines Greifvogels gerade so überlebt. Monika Füllgraf reinigte das Tier, behandelte es mit Desinfektion und Antibiotika. "Inzwischen fliegt die wieder draußen rum."

Ein Spatz kam ganz nackt zu den beiden. Sie legten das Küken mit Decke und Wärmflasche in einen Eimer. Und rechneten erst gar nicht damit, dass es die Nacht überstehen würde. Am nächsten Morgen bettelte es um Futter. Erst eineinhalb Jahre später lernte der Spatz fliegen. Der Vogel war zu zahm für die Wildnis und lebte fünf Jahre lang als Haussperling bei den Füllgrafs. "Er kam sich nicht vor wie ein Spatz", sagt Monika und lacht: "Er dachte, er wäre ein Nymphensittich." Spatzen, sagt sie, seien eh seltsam, charakterlich schwer einzuschätzen. Und Meisen seien Chaoten.

Auf dem Tisch liegt ein Fotoalbum. Wenigstens einen Schnappschuss möchte man schon behalten, bevor der Abschied kommt. Ein Kuckuck blinzelt in die Kamera, ein Uhu war zwei Tage lang hier - und immer wieder Fledermäuse. Hans-Georg führt akribisch Buch über die Ein- und Ausgänge im Haus: "Im Juni hatten wir 158 Tiere. Im Juli 136." Als pro Tag bis zu 14 Mauersegler gebracht wurden, mussten die Füllgrafs einen Aufnahmestopp beschließen. Das wäre nicht mehr zu schaffen gewesen. Leicht gefallen ist das den beiden sicher nicht.
Was heimische Wildvögel angeht, gibt es in Bamberg niemanden mit derselben Expertise. Säugetiere nehmen sie nur in Notfällen oder als Zwischenstation auf. Die sechs Mäuse, die Monika Füllgraf mit Katzenmilch über den Berg gebracht hat, fanden Mitarbeiter eines Gartencenters in einem Futtermittelsack.

Auch als Insektennothilfe waren die beiden im Sommer im Einsatz. In zwei Terrarien machte Hans-Georg eine Hornisse und eine Biene wieder fit. Eigentlich würde sich die Hornisse über die Biene hermachen. "Das war faszinierend."

So wird es den beiden ganz sicher nicht langweilig werden in ihrem Schwarm. Hans-Georg ist seit einem Jahr Rentner. Essen gehen oder gar Urlaub machen, ist nicht drin. Die Vögel müssen betreut werden, Hans-Georgs Rente und die Spenden müssen reichen. "Bis jetzt hat es noch immer gelangt", sagt Monika. Leicht ist das nicht. Aber wenn es jetzt auf einmal ruhig wäre im Haus, würde ihnen sicherlich etwas fehlen.
Monika uns Hans-Georg Füllgraf sind unter der Telefonnummer 0176/43357567 erreichbar.