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Corona

Corona-Fälle bei Tönnies: Infektionskette nach Bamberg unterbrochen

Das vom Virus befallene Metzgerei-Imperium Tönnies schlachtet auch im Bamberger Schlachthof. Direkte Infektionsketten sehen die Behörden zwar als unterbunden - doch der Massenausbruch ist ein Alarmsignal für die Branche.
Ein Mitarbeiter des Bamberger Schlachthofes verlädt frisch geschlachtete und abgekühlte Schweinehälften für die Weiterverarbeitung.  Foto: Sebastian Schanz
Ein Mitarbeiter des Bamberger Schlachthofes verlädt frisch geschlachtete und abgekühlte Schweinehälften für die Weiterverarbeitung. Foto: Sebastian Schanz
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Alle Wege in den Bamberger Schlachthof führen durch Hygieneschleusen, in denen sich der eiserne Geruch warmen Blutes mit dem süßlichen Gestank der Desinfektionsmittel mischt. Sauberkeit, die Bekämpfung von Keimen, die Einhaltung von Kühlketten: In kaum einer Branche ist das alles so wichtig wie bei der Fleischproduktion. Normalerweise geht es um den Schutz des Verbrauchers - derzeit rückt der Schutz der Mitarbeiter in den Fokus.

Ein massenhafter Ausbruch des Corona-Virus hat Deutschlands größten Fleisch-Riesen erschüttert. Am Stammsitz der Metzgerei-Firma Tönnies in Nordrhein-Westfalen wurden bereits über 1300 Mitarbeiter positiv auf Covid-19 getestet.

Für die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) ein gefundenes Fressen: "Es ist kein Zufall, dass der Tönnies-Schlachthof der nächste Hotspot von Corona-Infektionen ist. Das Geschäftsmodell Werkverträge mit seinem Subunternehmersystem sowie katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen für die meist osteuropäischen Werkvertragsbeschäftigten und der aktuelle massive Ausbruch von Infektionen hängen ganz offensichtlich zusammen", kritisiert Freddy Adjan, der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft .

Seit genau vier Jahren lässt das Großunternehmen auch in Bamberg schlachten, was die Zahlen der getöteten Schweine an der Lichtenhaidestraße bis Ende 2019 auf ein Rekordhoch steigen ließ.

Schlachthof gehört der Stadt

Der städtische Schlachthof arbeitet dabei nur im Auftrag des Großkunden - und mit eigenen Mitarbeitern. "Wir haben in Bamberg keine eigenen Produktionsmitarbeiter, nur eine Standortleitung", erklärt dazu Firmensprecher Markus Eicher.

Das Bamberger Gesundheitsamt sieht die Infektionskette zwischen dem Corona-belasteten Tönnies-Stammsitz und Bamberg daher unterbunden. "Die Abläufe in Bamberg sind so gestaltet, dass sich kein erhöhtes Risiko ergibt", erklärt dazu Pressesprecher Frank Förtsch.

"Durch den Corona-Ausbruch am Tönnies-Standort in Rheda-Wiedenbrück wird von keiner unmittelbaren Gefährdung für den Schlacht- und Viehhof Bamberg ausgegangen", versichert Robert Sporer, der Leiter des städtischen Schlachthofes. Sicherheitsabstände, Pandemiepläne bei Infektionen, Schutzausrüstung: Die Hygienestandards und Sicherheitsvorkehrungen heben die Bamberger Behörden hervor.

Negativer Reihentest Mitte Mai

Mitte Mai wurden auf Anweisung der Staatsregierung alle 152 Mitarbeiter des städtischen Schlachthofes auf Covid-19 getestet. Alle Ergebnisse waren laut Gesundheitsamt negativ. Auch die Wohnsituation der Mitarbeiter ist laut Stadt nicht mit der Massen-Unterbringung bei Tönnies vergleichbar: "Der Großteil der Beschäftigten wohnt und lebt in Bamberg und Umgebung in eigenen Wohnungen." Und auch bei den Werkswohnungen handele es sich ausdrücklich nicht um "Sammel- beziehungsweise Kasernenunterkünfte, sondern um abgeschlossene Wohneinheiten in Mehrfamilienwohnhäusern". 40 Prozent der Mitarbeiter stammen aus dem Ausland.

"Die Zustände in Bamberg sind sicher nicht mit dem Großbetrieb der Firma Tönnies zu vergleichen", beruhigt Marcus Fischer, der nach dem Tod Norbert Liebigs als kommissarischer Innungsobermeister der Bamberger Metzger agiert. Die Tönnieszentrale sei von der Größenordnung und der Industrialisierung her eine ganz andere Hausnummer. Die schiere Monstrosität des Tönnies-Stammsitzes sieht Fischer als Branchenkenner kritisch: "Immer wenn es darum geht, zu vergrößern, wird an Platz gespart und Abläufe werden beschleunigt." Im Bamberger Fleischzentrum wird nur geschlachtet, die Zerlegung finde woanders statt.

Die Corona-Erschütterungen des Branchenführers sind freilich auch in Bamberg zu spüren. Entgegen anderer Medienmeldungen hat Tönnies die Produktion im Bamberger Schlachthof nicht eingestellt - der gehört ihr ja auch nicht. Die eigenen Schlachtzahlen musste die Großfirma jedoch stark drosseln, weil das Unternehmen mit der Zerlegung und Weiterverarbeitung der Schweinehälften nicht mehr nachkommt. "Unsere Produktion in Rheda steht. In Bamberg haben wir die Schlachtzahl zurückgefahren. Die Bauern sind schon informiert. Das ist bei Rindern nicht so schlimm wie bei Schweinen", bestätigt Firmensprecher Eicher. "Wir hoffen, im Laufe der kommenden Woche wieder mehr schlachten zu können." Den Standort Bamberg nutzt Tönnies, um das regionale Siegel "Geprüfte Qualität Bayern" tragen zu dürfen.

Blick über den Tellerrand:

Schweine 1100 Schweine pro Arbeitstag schlachten die Beschäftigten im Bamberger Fleischzentrum an sechs Tagen in der Woche, insgesamt 326 141 im vergangenen Jahr. Rein rechnerisch: vier Schweine für jeden Bamberger. Ein Rekord. Seit 2015 hat sich die Zahl der geschlachteten Schweine verdoppelt.

Rinder 2019 wurden 54 554 Rinder im Bamberger Schlachthof per Bolzenschuss getötet.

Schafe 342 Schafe und Ziegen wurden 2019 im Bamberger Schlachthof getötet, andere Tiere werden nicht verarbeitet.

Schlachthof Der Bamberger Schlachthof mit seinen 152 Mitarbeitern ist ein städtischer Betrieb, der für regionale und überregionale Kunden Schlachtungen durchführt, darunter auch Tönnies als Großkunde. Zerlegt werden die Tiere woanders. Tönnies nutzt den Standort Bamberg, um das Regionalsiegel "Geprüfte Qualität Bayern" zu bekommen.

Vergleich Für Tönnies ist Bamberg einer von vielen Standorten. Allein der firmeneigene Schlachthof in Kellinghusen in Schleswig-Holstein ist auf jährlich über 1,5 Millionen Schweine ausgelegt - 5000 pro Tag.