Laden...
Bamberg
Solidarität

Corona-Bühne bringt über 10 000 für Künstler

Kulturschaffende hat die Krise hart getroffen. Deshalb haben wir virtuelle Auftrittsmöglichkeiten geschaffen. Kreative ziehen Bilanz und blicken vorraus.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Corona-Bühne bietet ein breites Spektrum an Kultur: von Rap über Wort- und Schauspielkunst bis hin zu Fotografie. Fotomontage: Micho Haller
Die Corona-Bühne bietet ein breites Spektrum an Kultur: von Rap über Wort- und Schauspielkunst bis hin zu Fotografie. Fotomontage: Micho Haller

Die Corona-Krise hat viele Branchen hart getroffen. Doch für Kulturschaffende kam der Lockdown quasi einem Berufsverbot gleich. Schauspieler verdienen ihr Geld vor allem im Theater, Musiker auf Konzerten, Autoren auf Lesungen, Maler in Ausstellungen und Galerien. "Wenn alles abgesagt wird, erzeugt das ein Gefühl der Machtlosigkeit, mit dem umzugehen, nicht leicht ist", zieht der Bamberger Autor Martin Beyer Bilanz.

Langsamer Start

Doch langsam ist wieder Scheinwerferlicht am Ende des Tunnels zu sehen - auch bei Beyer: "Mittlerweile ist vieles besser, ich habe jetzt wieder die erste Lesung mit einem Publikum aus Fleisch und Blut." Auch das Theater im Gärtnerviertel (TiG) freut sich darauf, bereits im Juli wieder "in Live-Kontakt mit unserem Publikum zu treten und Raum für kulturellen Austausch zu bieten". Wenn auch mit einem abgespeckten Konzept namens "TiG - En passant": 30-minütige Minidramen für kleine Zuschauergruppen.

Denn die Künstlern vermissten in den vergangenen Monaten nicht nur Einnahmen, sondern auch den direkten menschlichen Bezug. "Die finanzielle Sache ist das eine, schwerwiegender ist eigentlich die Bühne, die fehlt", sagt etwa Rapper Jonas Ochs von "Bambägga".

Um beide Aspekte zumindest ein klein wenig abzumildern, hat der Fränkische Tag während des strikten Lockdowns die Corona-Bühne ins Leben gerufen: Auf unserer Homepage und unserer Facebook-Seite haben wir Musikern, Schauspielern, Fotografen, Künstlern, Tänzern und Dichtern die Möglichkeit für digitale Auftritte gegeben. Der Internet-Zuschauer wird dabei um eine kleine Gabe in den Hut gebeten - in dem er direkt auf das Konto des jeweiligen Künstlers spendet. So kamen für rund 30 Beiträge aus sämtlichen Kunstbereichen über 10 000 Euro an Spenden zusammen.

Die Idee geht auf FT-Leserin Christiane Schuster zurück: Sie zeigte sich in einem Brief bedrückt von der misslichen Lage der Künstler und suchte nach einer Möglichkeit, an Kulturschaffende zu spenden. Heraus kam die Corona-Bühne. Umso wichtiger, weil die Hilfen der Staatsregierung den Künstlern kaum geholfen hätten (siehe Gastkommentar von Felix Forsbach am Ende des Artikels).

Kontakt zum Publikum

Die Kreativen sind aber nicht nur über die finanziellen Zuwendungen der Leser dankbar. Autor Andreas Ulich freut sich etwa über die Möglichkeit, "trotz der einschneidenden Beschränkungen zumindest im kleinen Rahmen präsent zu bleiben". Auch Felix Forsbach vom Theater-Ensemble "Ernst von Leben" war es wichtig, "ein kleines Lebenszeichen" zu setzen. Heidi Lehnert vom Jugendtheater "Chapeau Claque" schreibt: "Wir haben uns sehr über den großen Zuspruch des Publikums gefreut, das uns mit Spenden unterstützt hat, aber auch in zahlreichen Nachrichten seinen Wunsch nach einer baldigen Wiederaufnahme des Spielbetriebs übermittelt hat."

Das Theater will in den Sommerferien mit kleinen Freilichtstücken im Hain den Betrieb langsam wieder aufnehmen. Angedacht ist "Der kleine Prinz" am 20. September.

Krise noch nicht überstanden

"Das Publikum wartete spürbar ebenso dringlich auf einen Neustart wie wir als Interpreten" - dies habe Martin Neubauer in der schwierigen Phase Hoffnung gemacht. Zwar ist das Brentano-Theater, das der Schauspieler leitet, zu klein für die derzeitig geltenden Auflagen. Doch kann er nun wieder zu poetischen Spaziergängen im Hain laden. Diesmal mit Publikum - für die Corona-Bühne wurde ein Video eines solchen lyrischen Spaziergangs gedreht. Die Natur war ein wichtiger Anker für den Künstler: "Wenn mich Sorgen gepackt haben, bin ich lange, lange in Wäldern gewandert und habe versucht, die Gelassenheit der Natur einzuatmen."

Auch die Tanzlehrerin Melanie Day habe die Lockdown Zeit mit viel Spaziergängen genutzt. Dazu kamen Sport und Online-Trainings. Ihre nächste Aufführung hat sie allerdings erst wieder für April 2021 geplant.

Denn wegen der derzeitigen Auflagen ist die Krise ist noch nicht überstanden: "Auch wenn erste, wichtige Lockerungen des Lockdowns beschlossen worden sind, ist die kulturelle Quarantäne-Zeit noch immer nicht vorüber", gibt etwa Autor Ulich zu bedenken. "Besonders für kleine Spielstätten ist es nach wie vor kaum möglich, den Betrieb zumindest kostendeckend wiederaufzunehmen." So seien beispielsweise Veranstaltungen im E.T.A.-Hoffmann-Haus bis auf Weiteres nicht denkbar - "allein schon aus Platzgründen". Immerhin ist das Haus nun wieder für den regulären Publikumsverkehr geöffnet. "Wir werden sehen, wie es weiter geht, aber dass es weitergehen, das weiß ich mit Sicherheit - Schritt für Schritt."

Martin Neubauers "große Hoffnung ist, dass die Lehre dieser Zeit nicht vergessen wird, dass wir alle eine Erde bewohnen und nur als große Gemeinschaft, die Rücksicht aufeinander nimmt, überleben werden. Das ist zwar eine absolute Binsenweisheit, aber Corona hämmert sie uns ein."

Kulturszene unterstützen

So dürften sich die Künstler auch weiterhin über Zuwendungen freuen - sei es über die Corona-Bühne des Fränkischen Tages, die Aktion "Köpfe für Kultur" der Stadt Bamberg (siehe) oder über die bald startende Aktion "Unter einem Hut" des Chapeau-Claque-Theaters. Das Konzept ist ähnlich der Corona-Bühne: Eine Kunst-Plattform im Internet für eine kleine Szene, ein kurzes Video, ein Lied. Alle eingehenden Spenden bei "Unter einem Hut" sollen später auf die mitwirkenden Künstler aufgeteilt werden.

Gastkommentar von Felix Forsbach

Söder und Co. haben etwas gutzumachen Wegen der Pandemie wurden Mitte März alle kulturellen Veranstaltungen verboten. Als fleißige, sich informierende Künstler folgten wir den Auflagen und sagten sogar zuvor schon alle Veranstaltungen ab. Weiterhin befürworte ich das schnelle entschlossene Handeln. Mir rutschte diesbezüglich sogar das eine oder andere Lob für die CSU über die Lippen. Ich schäme mich jetzt dafür! Mein Lob war groß, als ich das unbürokratische erste Sofort-Hilfe-Programm beantragte. Dieses, so suggerierte die erste Veröffentlichung, sollte ohne Einschränkungen bis zu 5000 Euro bereitstellen. Das wäre in meinem Fall gut die Hälfte der Ausfälle von März/April. Doch bald darauf folgten einschränkende FAQs, die schnell durch ein Online-Formular ersetzt worden sind. Dort wurden die Liquiditätsengpässe dann auf betriebliche Ausgaben beschränkt. Damit zeigte die Staatsregierung ihr völliges Unwissen über die Struktur und wirtschaftliche Realität der Kreativbranche. Würden sie einmal in den Monitoringbericht zur Wirtschaftsleistung der verschiedenen Branchen schauen, sähe sie, wie viele Beschäftigte (2018: 1 695 923) und welchen Umsatz (2018: 100,5 Milliarden Euro) die Kultur jährlich in Deutschland erwirtschaftet.

Damit Ihnen, Herr Aiwanger, das verständlich wird: Die Anzahl der Kulturschaffenden passt auch ohne Achtung des Mindestabstands nicht an einen 15-Meter-Biergartentisch.

Fleißig sollten nun wir als Künstler Sofort-Hilfen und die Grundsicherung etc. beantragen (Letzteres ist übrigens ein Verschieben der Verantwortung zum Bund - schäm dich Bayern!). In meinem Fall summieren sich die Anträge inzwischen auf fünf, und ich leide mit den Mitarbeiter in den Verwaltungen mit, die diese bearbeiten müssen. Es wäre einfacher gewesen, hätten sie sich vorher besser informiert! Wenn sie Rückfragen haben melden sie sich! Nun werden all diese Anträge bearbeitet und es entstehen Überlappungen, die nicht mehr auszuräumen sind. Im Fall der ersten Sofort-Hilfe ist es besonders gravierend, da sie bereits Gelder an Kollegen (die diese für die Lebenserhaltungskosten nutzen müssen) ausschütteten und an andere nicht - dies wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zu gerichtlichen Auseinandersetzungen führen. So wird viel Geld verschwendet, welches z.B. zur Rettung von TUI, Lufthansa oder der Kulturförderung der nächsten Jahre fehlt. Ich befürchte, dass es vor allem Letztgenannter fehlen wird. Sie haben kaum mehr die Möglichkeit, die vielen Fauxpas zu beseitigen. Daher der dringende Appell von mir als Künstler und Veranstalter an die Mitglieder der Staatsregierung: Versuchen Sie, etwas gutzumachen! Und machen Sie das Hochfahren des kulturellen Bereichs besser, denn wir haben die Sicherheitsmaßnahmen von Anfang an mitgetragen und wünschen uns vernünftige, verantwortungsbewusste Entscheidungen. Machen Sie nicht den Fehler, aus ihren privaten Veranstaltungsvorlieben wie Oktoberfest, Fingerhakeln und Blasmusik auf ein Festival für experimentelle Musik oder eine theatrale Performance zu schließen. Sie haben davon keine Ahnung! Sprechen Sie daher vorher mit denjenigen die sich da auskennen: mit uns!

Verwandte Artikel