Dramen sind nicht sein Ding. Christian Ritter gibt sich entspannt, um mit trockenem Humor und spitzer Feder zu punkten. Zehn Jahre ist es her, dass der Poetry.Slammer beim ersten Auftritt im Morphclub seinen ersten Sieg verbuchte - gefolgt von Platz eins beim Frankenslam, beim ersten Bayernslam und der deutschsprachigen Vizemeisterschaft. So trat der kreative Kopf 2010 das Erbe von Nora Gomringer an, die Bamberg nach der Jahrtausendwende zu "Slamberg" machte. Wir befragten den 30-Jährigen zu Visionen, Entwicklungen, die Ritter anstieß, aber auch zu seinem Roman "Die sanfte Entführung des Potsdamer Strumpfträgers”.

InFranken: 2004 betraten Sie die Bühne der Spoken Word Szene: Wie konnten Sie sich auf Anhieb profilieren?
Christian Ritter: Ans erste Mal erinnere ich mich noch gut. Zuvor hatte ich bei Slams zugesehen und dachte, das wäre für mich genau das Richtige.
Während der Semesterferien schrieb ich meine erste Kurzgeschichte, die in einem Hochhaus spielt: "Weiter oben". Ja, und nachdem ich meinen ersten Slam gewann, war ich regelrecht angefixt. Das war die Initialzündung.

Was faszinierte Sie an den Vorträgen vor Publikum in einer "Wettkampfarena", wie Slampapi Marc Smith die literarische Strömung einmal beschrieb?
Es ist eine interessante Herausforderung, sich dem Votum des Publikums und nicht irgendwelcher selbsternannten Literaturexperten zu stellen. Wobei die Auftrittssituation anfangs schon heavy ist. Das Coole an dem Format ist die niedrige Einstiegshürde. Jeder kann mitmachen. Nachdem ich Leute bei Slams gesehen hatte, die
nicht unglaublich toll waren, dachte ich mir also: Das kannst du mindestens auch, wenn nicht besser.


Mit "schnoddrigem" Stil

Wo setzten Sie Akzente, nachdem Sie 2010 die Poetry Slams im Morphclub übernahmen?
Mit meinem speziellen Moderationsstil - manche bezeichnen ihn als "schnoddrig" - störe ich bei Veranstaltungen die Grundharmonie, weil ich nun mal gerne Witzchen auf Kosten anderer mache (aber auch gut einstecken kann). Ich brachte mehr Slammer von außerhalb nach Bamberg, um die Qualität jeder einzelnen Veranstaltung zu garantieren. Seit 2005 habe ich eben auch den Würzburger Poetry Slam, die entsprechenden Kontakte und Erfahrungen.

Wie veränderte sich die Szene seit der Jahrtausendwende? Welche neuen Trends entwickelten sich?
Die Entwicklung ging in großen Schritten Richtung Mainstream. Was zuvor Subkultur war, ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ich sehe das durchwegs positiv, nachdem viele Leute heute vom Slam und seinen Auswüchsen leben können - Workshops an Schulen zu geben beispielsweise. Den Kritikpunkt, dass mit der Mainstreamisierung populäre und witzige Texte tiefgründige Spoken-Word-Beiträge verdrängen, kann ich nachvollziehen. Ich stehe aber nicht dahinter, nachdem ich selbst nur lustige Texte schreibe. Wie Nora Gomringer denke ich auch, dass Poetry Slam kein Literatur- sondern ein Unterhaltungsformat ist.


Am 3. Februar Slam mit Maras

Was waren im Lauf der Zeit Ihre interessantesten Gäste ?
Interessant waren viele. Am interessantesten waren aber sicher die, denen man hier nicht so oft über den Weg läuft, also internationale Gäste wie Mighty Mike McGee aus den USA. In bester Erinnerung ist mir auch eine isländische Gruppe, die ihre Performance inbrünstig auf Isländisch bot, obwohl sie keiner verstand. Österreicher und Schweizer haben wir logischerweise recht häufig da. Beim nächsten Slam am 3. Februar kommt mit Maras aber ein Franzose.

In welche Richtung soll sich "Slamberg" entwickeln? Welche Pläne haben Sie als Veranstalter?
Kapazitätsmäßig sind wir beim Poetry Slam am oberen Ende angelangt, weil der Morphclub immer voll ist. Seit diesem Jahr lässt "Slamberg" aber auch lesen: Das heißt, es gibt Solo-Shows mit bekannten Kollegen. Sebastian Lehmann aus Berlin hat den Anfang gemacht. Ein neues Format, das wir ausbauen wollen, ist "Ritter versus Kennel". Dabei treten Max Kennel, mein Co-Moderator, und ich in drei Kategorien gegeneinander an. Jeder lädt sich einen Slammer, einen Singer/Songwriter ein und zeigt einen Kurzfilm - ganz ohne Absprache. Der Verlierer muss schlimme Dinge über sich ergehen lassen. Max musste sich beim letzten Mal den Kopf rasieren. Im April steht die Revanche an.


In die falsche Stadt gefahren

An welche Pleiten und Pannen erinnern Sie sich?
Ein Künstler, der bei uns kürzlich auftreten wollte, ist in die falsche Stadt gefahren: Er verwechselte Bamberg mit Würzburg, sodass der Slam ohne ihn stattfand. Ähnliches passierte einem Kollegen bei einem Workshop, den ich alleine geben musste, weil er nach Amberg statt Bamberg fuhr. - Die größte persönliche Pleite war mein allerschlechtester Auftritt in Regensburg, bei dem ich einen ungemein pathetischen Text vortragen wollte. Erstmals gab's Buhrufe. Und dann diese unangenehme, peinliche Stille im Raum. Da höre ich die Leute doch lieber lachen. Ist schon ein paar Jahre her - und der Text war wirklich sehr schlecht.

Nachdem Sie nicht mehr pathetisch sind, feiert man Sie als Poetry-Slammer wieder. Nervt der Erfolgdruck, die Erwartungshaltung der Leute zuweilen?
Es nervt, bei Veranstaltungen gelegentlich noch immer als Deutscher Vizemeister von 2009 (!) angekündigt zu werden. Den Stempel habe ich. "Damals, vor Jahren, hätte er es fast geschafft ... " hört man nicht gerne. Aber ich bin natürlich auch stolz darauf, dass Max Kennel und ich bislang die einzigen Bayerischen Meister sind - zwei Bamberger Slammer.


Bamberger Orts- als Familiennamen

Wie kamen Sie eigentlich dazu, in "Die sanfte Entführung des Potsdamer Strumpfträgers” Günther Jauch hopszunehmen?
Ich sah seine Sendung "Wer wird Millionär?" und dachte an alle, die dort in der Auswahlrunde saßen, aber nicht die Chance auf den Gewinn bekamen. Man fiebert wochenlang drauf hin und scheitert an einer unpassenden Auswahlfrage: Klar, das macht einen stocksauer. Mit Potsdam hat der Roman übrigens nichts zu tun, obwohl das die dortige Presse dachte. Eher mit Bamberg, nachdem ich die Protagonisten nach hiesigen Orten taufte. So gibt's eine Etienne Oberhaid, Scheßlitz-Zwillinge und als Ich-Erzähler Paul Wildensorg.

Die "Woche Heute" machte gerade Werbung für Ihren Roman.
Ja, über Facebook habe ich erfahren, dass meine Geschichte um Günther Jauch auf den Titel des Blatts wanderte - zweckentfremdet, wie ein Sensationsbericht. Immerhin klärte man im hinteren Teil darüber auf, dass es sich bei der Entführung nur um Fiktion, also meinen Roman handelt. Wobei ich zitiert werde ohne mit der Redaktion je gesprochen zu haben. Trotzdem: Bei einer Auflage von etwa 190.000 eine gute Werbung.


Im Wettbewerb der nächsten Kurzfilmtage?

Wie geht's bei Ihnen 2014 weiter?
Bei Kurzfilmfestivals werde ich die Verfilmung meiner ersten Geschichte ("Weiter oben") vorstellen - zusammen mit PhilmFilm, die in der Regionalsparte 2013 den Bamberger Kurzfilmpreis gewannen. Einige Schauspieler aus dem E.T.A.-Hoffmann-Theater spielen mit. Den Einsendeschluss der diesjährigen Kurzfilmtage verpassten wir leider, dafür versuchen wir es 2015 im Hauptwettbewerb. Im Februar lese ich in Österreich in der Endrunde des Literaturpreises auf Schloss Wartholz. Da gibt es richtig gutes Preisgeld, mein Ziel ist aber nicht der Jury-, sondern Publikumspreis. Das macht die Sozialisation in der Slam-Szene. Ich gebe Lesungen zum "Strumpfträger" (Berlin und Potsdam), schreibe weiter an Romanmanuskripten. Ja, und als Lektor korrigiere ich gerade eine Zombiegeschichte.

Im Netz gibt's auf Ritters Homepage übrigens Hörproben, Leseproben und vieles mehr zu dem Autor und Poetry-Slammer.