Jakob Wernsdorfer (84) denkt gern an die Zeit "in meinem Schlachthof" zurück, als unter seiner Aufsicht noch weit mehr Tiere verarbeitet wurden, als heute. "In der Zeit um die Wende haben wir am Tag 2000 Schweine und 500 Rinder geschlachtet", berichtet der ehemalige Geschäftsführer der Lohnschlächter. Die heutige Spitzenzahl von 1000 Schweinen täglich habe man früher schon vor dem Mittagessen geschafft.

Die Zeiten ändern sich. Abläufe, Gesetze, Tierwohlstandards ebenfalls. Früher habe es sechs Großschlächter gegeben, berichtet Wernsdorfer, heute noch zwei - plus den Fleischriesen Tönnies. "Die sollen froh sein, dass sie den Tönnies haben", sagt der 84-Jährige zur Auftragslage. Die aktuellen Entwicklungen rund um "seinen" Schlachthof beobachtet er interessiert. Denn für das Fleischzentrum geht es am Dienstag um die Wurst. Der Finanzsenat berät, wie es für den städtischen Betrieb weitergehen soll. Die Pläne sehen vor, ihn zu separieren und eine eigenständige Tochterfirma als GmbH zu gründen, um wettbewerbsfähig zu sein.

Flexibler am Markt

Eine GmbH, so die Argumentation der Verwaltung, wäre nicht nur viel schneller bei Neuanschaffungen, sondern könnte auch beim Personal einfacher agieren. Neben den 26 Angestellten des öffentlichen Dienstes arbeiten im Schlachthof laut Stadt auch externe Beschäftigte, beispielsweise in der Reinigung. Hier bilden Werksverträge und Konzessionsrechte die Grundlage - doch in Folge des Tönnies-Skandals plant die Bundesregierung, diesem Modell Riegel vorzuschieben. Eine GmbH verspricht hier Vorteile - ob die Stadträte das auch so sehen, wird ab 14.30 Uhr im Hegelsaal der Kongresshalle zu hören sein.

Misstöne hat es schon vor der Sitzung gegeben. Kritiker quer durch die Parteien bemängeln Intransparenz und ein undurchdachtes Hau-Ruck-Verfahren. Sie sehen die Gefahr, sich abhängig zu machen von wenigen Großkunden. Für Irritationen sorgte speziell auf Seiten der CSU-BA-Fraktion die Anschaffung einer neuen Betäubungsanlage - obwohl es doch erst kürzlich hieß, es gebe "keinerlei Missstände und auch keine Tierschutzvergehen im Schlachthof".

Hat sich daran etwas geändert? Nein, versichert Stadtsprecher Steffen Schützwohl, die Anschaffung sei schon im Dezember 2019 im Stadtrat mit dem Investitionsplan beschlossen worden. "Die Schlachtanlagen sowie die Technik in den Produktionshallen stammen zum Großteil aus dem Jahr 1988. Nach einer Nutzungsdauer von über 30 Jahren müssen diese dringend Zug um Zug ausgetauscht beziehungsweise erneuert werden." Der Stand der Steuerungstechnik sei weit fortgeschritten, Ersatzteile Mangelware. "Hier ist die Erneuerung der Betäubungsfalle ein Teil von einem guten Dutzend notwendigen Investitionen zu sehen." Eine Million Euro sind für die Erneuerung im Bereich Großvieh allein 2020 vorgesehen. Der Anteil der Betäubungsfalle betrage rund 400 000 Euro.

Gab es Mängel bei der alten Anlage? "Nein", wiederholt Schützwohl. "Der Schlachthof Bamberg war und ist von den tierschutzrechtlichen Regelungen her ein Vorzeigebetrieb." Eine Bestnote habe er erst Ende September 2020 bei einer Prüfung des Bayerischen Landesamtes für Lebensmittelsicherheit erhalten. "Um jedoch den Ausfall von einzelnen Anlagenteilen und damit einen Produktionsstillstand zu vermeiden sowie auch weiterhin vorbildlich die tierschutz- und hygienerechtlichen Vorgaben zu erfüllen, wurden die am dringendsten notwendigen Ersatzinvestitionen getätigt."

Ein weiterer Kritikpunkt zielt auf die Abhängigkeit von Großkunden ab - speziell vom skandalträchtigen Fleischriesen Tönnies. Wie verteilt sich aktuell die Auslastung nach Kunden? "Der Kundenstamm umfasst derzeit über 130 Kunden. Die Großkunden Böhnlein, Südfleisch und Tönnies sind ein Teil hiervon. Die Auslastung durch eben diese drei Großkunden umfasst aktuell 60 Prozent", antwortet die Stadt. Der ehemalige Insider Wernsdorfer findet, dass ein Großkunde wie Tönnies ein Segen für den Bamberger Schlachthof ist, aber: "Die Stadt darf aufpassen, dass Tönnies den nicht mal ganz übernimmt." Braucht Bamberg einen Schlachthof? Diese Grundsatzfrage beantworten die Stadträte Klaus Stieringer, Fraktionssprecher der SPD, und Hans-Günter Brünker von Volt unterschiedlich.

Pro von Klaus Stieringer (SPD)

"Die SPD setzt sich klar für den Erhalt des Bamberger Schlachthofes ein und unterstützt dessen Weiterentwicklung. Der Schlachthof ist für die SPD nicht nur eine Infrastruktureinrichtung der kommunalen Daseinsvorsorge, sondern auch ein Vorzeigebetrieb hinsichtlich Qualität, Regionalität, Transparenz und Tierwohl. Das seit 115 Jahren in der Stadt tief verwurzelte Unternehmen erfreut sich bei der Bevölkerung aus Stadt und Landkreis gleichermaßen hoher Anerkennung. Es trägt maßgeblich zur regionalen Versorgungssicherheit bei und stärkt Nachhaltigkeit, Arbeitsplatzsicherheit, Tierschutz sowie Transparenz in der regionalen fleischverarbeitenden Branche. Der Bamberger Schlachthof steht auch für Unabhängigkeit, weil die Stadt aufgrund ihres eigenen Schlachthofes nicht, wie andere Kommunen, auf große, womöglich weit entfernte Schlachthöfe angewiesen ist. Mit dem Erhalt des Schlachthofes, werden die Arbeitsplätze von rund 140 Mitarbeiter*innen dauerhaft gesichert. Seine Schließung würde die übrigen Gewerbebetriebe in und um das Schlachthofgelände mit weiteren 500 Mitarbeiter*innen massiv gefährden, wäre eine Schwächung der regionalen Metzger, verbunden mit dem zunehmenden Verlust der Regionalität in der Fleischerzeugung sowie dem Umsatzverlust vieler Handwerksunternehmen aufgrund entfallender Aufträge. Ohne den Bamberger Schlachthof könnten rund 4500 Landwirte und rund 150 Viehhändler ihre Tiere nicht mehr ohne lange Transportzeiten schlachten lassen."

Contra von von Hans-Günter Brünker (Volt)

"Nein, zumindest keinen innenstadtnahen Großschlachthof in dem Hunderttausende Schweine geschlachtet werden.

Vordergründig geht es heute darum, den Schlachthof in eine GmbH umzuwandeln. Tatsächlich aber geht es um mehr. Auf intensive Nachfrage wurden dem Stadtrat Pläne vorgelegt, wie der Schlachthof in den nächsten fünf Jahren betrieben werden soll. Hieß es vor kurzem noch, er solle dynamisch weiter wachsen, so heißt es nun, er soll genau so bleiben, wie er ist (325 000 Schweine und 55 000 Rinder pro Jahr).

Soll so sein Image als Metzgerschlachthof erhalten werden? Tatsache ist, dass schon heute zwei internationale Konzerne das Geschehen am Schlachthof bestimmen. Selbst mit optimistischer Planung wird der Schlachthof in den nächsten Jahren Millionen verschlingen. Und immer steht die Gefahr im Raum, dass einer der Großkunden ihn bewusst in die Pleite treibt. So wie das in vielen anderen Städten geschehen ist.

Im schlimmsten Fall würden vier Hektar innenstadtnahe Fläche in der Insolvenzmasse aufgehen, und die Stadt wäre vielleicht gezwungen, den insolventen Schlachthof an einen Großkonzern zu verkaufen.

Deshalb müssen wir bessere Lösungen finden. Zum Beispiel die Fläche für stadtnahes Wohnen nutzen oder ein modernes Gewerbegebiet schaffen, das Geld einbringt für Kindergärten und anderes."