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Wenn Bamberg 80.000 Einwohner hätte: Warum schnelles Wachstum der Stadt schadet


Autor: Michael Wehner

Bamberg, Sonntag, 11. März 2018

80.000 Einwohner liegen für Bamberg in greifbarer Nähe. Doch zu schnelles Wachstum könnte der Stadt empfindlich schaden.
Nur von unten kann man die Spannweite der Heinrichsbrücke erfassen: Die Kosten einer  Sanierung lägen wohl über 100 Millionen Euro. Wehner


Eigentlich hat Bamberg allen Grund zur Zufriedenheit. Wie keine zweite Kommune in Oberfranken erfreut sich die Stadt an der Regnitz über starkes Bevölkerungswachstum. Binnen weniger Jahre kletterte die Einwohnerzahl von der einst als unüberwindlich geltenden Grenze von 70 000 Einwohnern auf immer neue Höchststände. Zum letzten amtlichen Stichtag, dem 31. Dezember 2016, lebten in Bamberg 75 743 Einwohner, was aber bereits überholt sein dürfte.

In der Stadt gilt als ausgemacht, dass die Dynamik bei der Einwohnerzahl auf mehreren Faktoren beruht. Die wirtschaftliche Attraktivität Bambergs lässt die Pendlerströme anschwellen, dazu kommt eine beliebte Universität, die nun schon seit Jahren eine große Zahl junger Menschen in die Stadt zieht. Doch klar ist auch: Der sprunghafte Anstieg der Einwohnerzahl in den letzten Jahren ist vor allem der Flüchtlingskrise zuzuschreiben. So haben die Bewohner der Aufnahmeeinrichtung Oberfranken mit über 1000 Menschen ebenso zum statistischen Bamberg-Boom beigetragen wie die stetig wachsende Zahl der hier lebenden anerkannten Asylbewerber.

Zwar steigen auch die pro Einwohner berechneten Schlüsselzuweisungen, und die lange gehegte Furcht vor einer Überalterung Bambergs kann heute fast vernachlässigt werden. Dennoch gilt: Starkes Wachstum hat auch seine Schattenseiten. Denn mit den Einwohnern steigen auch die Kosten.


Millionenkosten für die Stadt

Auf diesen Zusammenhang und das Problem schierer Größe hat im Finanzsenat der Kämmerer der Stadt, Bertram Felix, hingewiesen. Das ist nicht ohne Tragweite: Würde die Stadt weiterwachsen wie bisher, dann könnte das die derzeit noch gesunde finanzielle Struktur Bambergs in eine schwere Schieflage stürzen. Grund ist die 80 000-Einwohner-Grenze, ab der die Unterhaltslast für den Münchner Ring und den Berliner Ring zwingend auf die Stadt übergeht. So will es das Bundesfernstraßengesetz.

Bisher ist Bamberg von den Millionenbeträgen, die es kostet, die beiden über 5000 Meter langen Schnellstraßen in Schuss zu halten und gegebenenfalls zu sanieren, weitgehend befreit. Das übernehmen Bund und Land. Dabei sind es vor allem die Kosten für die Brücken, die hier ins Kontor schlagen. So hat allein die den Main-Donau-Kanal überspannende vierspurige Heinrichsbrücke eine Spannweite von 271 Meter, genauso viel wie die zuletzt sanierten drei Bamberger Kanalbrücken zusammen. Dazu kommen noch die Hainbrücke (224 Meter) und die Georg-Mulde-Brücke (96 Meter). Bertram Felix mag sich gar nicht ausmalen, was eine Sanierung dieser Bauwerke nach den Erfahrungen beim Neubau von drei Kanalbrücken in Bamberg (Gesamtkosten von 47 Millionen Euro) für die Stadtfinanzen bedeuten würde. "Da kämen dreistellige Millionenkosten auf uns zu. Eine so große Brücke in einer so kleinen Stadt - das ist nicht lösbar."

Dabei hat Felix keinen Zweifel, dass Bamberg die 80 000-Einwohner-Grenze erreichen wird. Die Frage sei nicht ob, das geschieht, sondern wann. Und hier ist ein weiterer Termin wichtig: 2021 soll die nächste Volkszählung stattfinden. Sollte Bamberg bereits 2021 die befürchteten 80 000 Einwohner haben, könnte es eng werden mit der Vielzahl der geplanten Projekte - von der ICE-Strecke bis zum Wohnungsbau und der Kita-Offensive.

Freilich: So viel Schwarzmalerei war nicht jedem im Finanzsenat recht. Dieter Weinsheimer (BA) wollte sich nur bedingt mit den Zukunftszahlen befassen. Er erwarte sich eine Information, wenn Bamberg tatsächlich 78 000 Einwohner erreicht habe. Auch Heinz Kuntke (SPD) sieht noch viel Wasser die Regnitz hinunterfließen, ehe es soweit ist: "Solche Entwicklungen können sich schnell wieder ändern", sagte er. Aus seiner Sicht passt die jetzige Infrastruktur gut zur Bevölkerungszahl. Größe um der Größe willen, sei nicht das Ziel der SPD.

Und wie sieht es mit den Einnahmemöglichkeiten bei steigender Bevölkerung aus? Die Antwort auf die Frage von Martin Pöhner (FDP) ließ sich in der Sitzung nicht klären. Sicher ist: Sollte die Unterhaltslast für die Bundesstraßen auf die Stadt übergehen, kann die Stadt auch auch auf eine Kompensation durch die Kfz-Steuer und die PKW-Maut hoffen. Die Frage ist nur, ob das reicht.


Glosse des Autors

So bleibt Bamberg klein

Man spürt es fast am eigenen Leib: Wie Bertram Felix von Alpträumen geschüttelt aufschreckt, weil die Stadt über Nacht wieder ein Stückchen an Attraktivität und Einwohnern zugelegt hat.
Wie können wir es nur schaffen, dass Bamberg klein bleibt? Sex-Verzicht, damit die Bevölkerung nicht ex- und die Stadtkasse implodiert?

Nach Bayreuth aussiedeln oder nach Breitengüßbach, damit Bamberg nicht unter der Last seiner Brücken zusammenbricht?

Wer Bamberg kennt, weiß, dass 50 000 Euro für das Gutachten "Bamberg unattraktiv machen" oder eine gleichnamige Taskforce unter der Führung des OB nicht ausreichen, um ein tausendjähriges Gemeinwesen zu erschüttern. Auch die abschreckende Wirkung der KleiKo, der kleinen Kooperationsgemeinschaft aus CSU, SPD, FDP und Daniela Reinfelder wird allgemein überschätzt.

Der Rückbau des Radwegs in der Langen Straße war da schon ein besserer Ansatz, ebenso Helmut Müllers Liebeserklärung an die Prekarier-Kerwa. Doch wer Bamberg wirkungsvoll entvölkern will, muss stärkere Geschütze auffahren - die Bierpreise verdoppeln, konsequent auf teuren Wohnraum setzen oder öfter mal eine Konversion versemmeln.

Eine Riesenchance, Bamberg von der Bevölkerungszufuhr abzuschneiden, bietet sich durch die Verbannung aller Gleise aus der Stadt in Kombination mit dem Rückbau des Frankenschnellweg. Wenn selbst das noch nicht reicht, kann nur noch der städtische Baubetrieb die Lage klären. Eine Kanalbaustelle an einem Nadelöhr wirkt manchmal wahre Wunder.