Raimund Meister bietet seit vielen Jahren Glühwein, Fisch und Süßigkeiten auf dem Bamberger Weihnachtsmarkt an. "Da mache ich ungefähr ein Drittel des Jahresumsatzes", sagt er. Doch im Corona-Jahr wird diskutiert, ob das Adventstreiben überhaupt stattfinden kann. Dabei braucht Meister die Einnahmen dringend, "um die Verluste einigermaßen abzudecken". Denn der coronabedingte Ausfall von Frühlings- und Volksfest-Saison macht den Schaustellern schwer zu schaffen. Für Meister sind unter anderem das Schützenfest in Lichtenfels, das Kronacher Freischießen und die Bamberger Sandkerwa weggefallen. Die finanzielle Lage ist düster: "Ich habe wenig bis nichts und muss von dem leben, was ich mir fürs Alter gespart habe. Wenn der Weihnachtsmarkt ausfällt, bedeutet das den Todesstoß für 50 Prozent der Kollegen."

Auch der Deutsche Schaustellerbund spricht in einem Brief an die Ministerpräsidenten von einer "existenziellen Krise" seiner Mitglieder. Der Interessenverband fordert, sich mit dem "Wie", nicht aber mit dem "Ob" der Weihnachtsmärkte zu beschäftigen. Das tut auch die Bamberger SPD. Sie schlägt in einem Antrag an die Verwaltung vor, "dass aus der gesamten Stadt ein einziger großer Weihnachtsmarkt wird" - das besinnliche Treiben an der frischen Luft also entzerrt und über Bambergs Plätze verteilt wird.

Neben Standbetreibern und dem Marktamt der Stadt sollen auch die Bürgervereine mit eingebunden werden, so der finanzpolitische Sprecher der SPD, Heinz Kuntke. Märkte in den Stadtteilen kämen auch Menschen zugute, deren Mobilität eingeschränkt ist. "Wir haben wunderbare Plätze in unserer Stadt, die wir deutlich häufiger nutzen sollten", sagt SPD-Fraktionsvorsitzender Klaus Stieringer und nennt auf Nachfrage etwa den Schönleinsplatz und das Pfahlplätzchen. Mittlerweile hat die SPD auch Vorschläge aus der Bürgerschaft gesammelt und veröffentlicht, die von Brose-Arena und Klinikum bis Polizeigelände und Ochsenanger reichen.

Gehen die Leute in die Stadtteile?

"Wir haben auf unseren Vorschlag viele positive Rückmeldungen bekommen. Auch von den anderen Fraktionen", sagt Stieringer. "Klar finden wir die Idee gut, sie kommt ja auch ursprünglich von uns", sagt Ursula Redler, stellvertretende Fraktionsvorsitzende von CSU/BA. Sie spielt damit auf einen Antrag vom Mai an, in dem ein "Verteilen der ausfallenden Feste dezentral auf die Stadt" gefordert wurde. Daraus sei laut Redler der "Kultur-Nach-Sommer" ab Mitte September an der Erba-Spitze entstanden. Die mäßig besuchte, entzerrte Laurenzi-Kerwa habe jedoch gezeigt, "dass ein, zwei Buden nicht ausreichen, um die Leute aus der Innenstadt zu locken". Die kleinen Weihnachtsmärkte müssten mit drei bis vier Ständen, Deko und eventuell kleinen Auftritten regionaler Künstler aufgewertet werden.

Schausteller Meister ist hier prinzipiell skeptisch: "Das müsste in einem Umkreis von 300 bis 400 Metern um die Innenstadt passieren", ist er überzeugt. Etwa zwischen Kettenbrücke, Maxplatz, Gabelmann und Kranen. "Weiter draußen in den Stadtteilen wird sich das für Standbetreiber nicht lohnen, da bekommt man kaum die Ausgaben rein", meint er.

Der Zweite Bürgermeister Jonas Glüsenkamp (Grüne) hält einen dezentralen Weihnachtsmarkt "grundsätzlich für eine charmante Idee". Die traditionellen Bamberger Stadtteil-Kerwas zeigten, dass dezentrale Lösungen auch gut angenommen werden. Zudem könne durch einen entzerrten Weihnachtsmarkt die Aufenthaltsqualität für Besucher gesteigert werden. "Die Lange Straße zu nutzen, damit die Leute eine autofreie Innenstadt genießen können, wäre eine schöne Sache", ergänzt der grüne Bürgermeister.

Markt ohne Glühwein?

In Anbetracht der Diskussion um die Untere Brücke und Sandstraße müsse man allerdings überlegen, ob der Glühweinverkauf in gewohnter Form erlaubt werden könne. "Alkohol enthemmt. Da stellt sich die Frage, wie man gewährleisten kann, dass die Leute genügend Abstand halten." Glüsenkamp könne sich ähnlich wie in der Sandstraße eine zeitliche Begrenzung des Alkoholverkaufs vorstellen. Bayernweit gibt es die Überlegung, Alkohol allgemein zu verbieten.

Davon hält Standbetreiber Meister nichts: "Die Leute treffen sich nach der Arbeit nicht auf eine Tüte gebrannte Mandeln!" Würde man den Alkoholverkauf verbieten, tränken die Menschen ihren Glühwein eben in Gaststätten oder auf Privatfeiern - "also in geschlossenen Räumen, was man ja vermeiden will".

Glühwein oder nicht, Stadtteile oder nicht: Die Diskussion ergebe keinen Sinn, wenn einzelne Kommunen Konzepte erarbeiteten und der Freistaat dann einen Riegel vorschiebe, sagt Glüsenkamp. "Wir brauchen einen bayernweiten Ansatz. Das müsste allerdings in den kommenden Wochen entschieden werden, damit die Schausteller Planungssicherheit haben." Meister stimmt zu und hofft auf baldiges Grünes Licht. Denn: "Alles ist besser, als dass der Weihnachtsmarkt ausfällt."

Mögliche Standorte für kleinere Weihnachtsmärkte

Bei der SPD sind unter anderem folgende Bürgervorschläge eingegangen: Nördliche Promenade, Markusplatz, Heumarkt, Schranne, Brose Arena, Klinikum, Baskid Hall, Domplatz, Hainwiese, Wunderburgkirche, Wolfgangskirche, Kaulbergschule, Heinrichskirche, Am Kranen/Untere Brücke, Elisabethenplatz, Schönleinsplatz, Schillerplatz, Theatergassen, Pfahlplätzchen, Troppauplatz, Ochsenanger, Volkspark, Erbaspitze, Lossa Haus, Schwimmbad Gaustadt, Lagarde Kaserne, Polizeigelände, Seehofstraße und Marienplatz.

Weitere Vorschläge nimmt die SPD unter der Email-Adresse fraktion@spd-bamberg.de entgegen.