Vor ein paar Tagen hat Rosa F. (Namen geändert) angefangen, das Essen und Trinken zu verweigern. "Sie lag schon fast im Sterben", erzählt ihre Tochter Eva. Ihre Mutter ist Mitte 70 und demenzkrank, lebt in einem Bamberger Pflegeheim, in dem es Covid-19-Fälle gibt. Besuche von Angehörigen sind in Stadt und Landkreis bereits seit dem 13. März in allen 38 Pflegeheimen untersagt - in vom Virus betroffenen Heimen gelten noch striktere Isolationsregeln.

Eva F. versteht die Sicherheitsmaßnahmen, versteht die Heimleitung, versteht auch die Pfleger, die in der Krise so viel Einsatz zeigen - doch sie sorgt sich um ihre Mutter. "Gerade demente Menschen brauchen Kontakt zu den Angehörigen, brauchen feste Abläufe", sagt sie. Ihre Mutter begreife nicht, warum sie nicht zum Essen in den Gemeinschaftsraum darf, allein im Zimmer bleiben muss. Tag ein, Tag aus. Sie habe angefangen, herumzuirren, klopfe an Wände. "Viele Bewohner geben auf. Die Menschen sterben an Einsamkeit, anstatt an Covid-19", sagt die Tochter.

Die schwächsten der Gesellschaft trifft die Corona-Krise am stärksten. Besuchsverbote in den Heimen sind wichtig, um Infektionen zu verhindern, doch leiden Bewohner und Angehörige darunter. Ein Dilemma.

Im Gesundheitsamt ist dieses Spannungsverhältnis eine Herausforderung: "Die infektiologische Sicht ist ebenso drastisch wie eindeutig: In Stadt und Landkreis sind drei Viertel der Todesfälle Menschen aus vier von 38 Pflegeheimen. Das zeigt: Wir müssen im Interesse von Bewohnern, Angehörigen und Pflegenden weiterhin alles tun, um das Virus aus den Heimen fern zu halten."

Im Krisenstab betonen die Verantwortlichen, die Lage im Griff zu haben. Doch die Amtsärzte sehen auch die Nöte der Betroffenen: "Natürlich gibt es auch die medizinisch-psychische Sicht: Menschen vereinsamen ohne soziale Kontakte zunehmend." Es gelte, vorrangig das Leben zu schützen und gleichzeitig zu versuchen, die medizinisch-psychischen Folgen durch andere Maßnahmen wie zum Beispiel Video-Telefonate abzumildern. "Je länger die Infektionslage bestehen bleibt, umso schwerer wiegen allerdings die psychischen Belastungen", räumen die Amtsärzte ein. Auf längere Sicht werde daher eine vorsichtige, schrittweise Öffnung der Pflegeheime notwendig sein.

"Wie können wir Einzelbesuche der Familie ermöglichen, ohne eine Sicherheitsgefährdung zu erreichen?", deutete Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mögliche Lockerungen in Pflegeheimen "mit vielleicht festen Kontaktpersonen, mit festen Besuchszeiten, mit Nachverfolgbarkeit" an. "Es ist uns allen ein großes Anliegen, dass eben nicht nur zur Sterbebegleitung, sondern auch zur Lebensbegleitung Besuche möglich sein müssen", sagte Söder.

Bis neue Regelungen greifen, versuchen Heimbetreiber mit kreativen und technischen Lösungen, Kontakte zu ermöglichen. Einige Einrichtungen haben oder besorgen gerade Tablets, mit denen Bewohner mit ihren Lieben per Videoanruf reden können.

Im Seniorenzentrum St. Kilian in Hallstadt haben Pfleger ein "Angehörigenfenster" eingerichtet - hier können sich Bewohner mit ihren Lieben durch eine Scheibe unterhalten. "Man muss sich sehen können. Das wird sehr gut angenommen", berichtet Leiterin Birgit Schäfer.

Auch der Pflegeschutzbund Biva plädiert: "Eine potenziell vollständige Isolation von Bewohnerinnen und Bewohnern darf nicht bestehen bleiben." Regionalbeauftragte Udja Holschuh und ihre Mitstreiter nennen als Probleme Depressionen, mangelnden Lebensmut, Vereinsamung und Vernachlässigung ihrer Angehörigen. "Wir sind der Meinung: Pflegeheimbewohner dürfen nicht länger abgeschottet werden. Besuche von Angehörigen und Betreuern müssen unter Einhaltung von verbindlichen Hygienevorschriften möglich sein."

Eva F. sieht das ebenso. "Vielleicht wenigstens für die Leute, die negativ getestet sind und schon seit Wochen isoliert sind", appelliert sie an die Politik. Man könne doch ausgewählte Bewohner mit speziellen Regeln gemeinsam essen lassen. Oder für kleine Gruppen Bastelstunden organisieren.

Weil die Situation so ernst wurde, durfte Eva F. ihre Mutter ausnahmsweise sehen und mit ihr - abgetrennt und auf Sicherheitsabstand - auch sprechen. "Seither isst sie wieder und trinkt", berichtet die Tochter.