Wenn sie wollte, könnte sie. Sprinten, was die acht Beine hergeben. In 1,5 Sekunden von der Mitte der Bettdecke aufs Kopfkissen. Allerdings lege ich auf eine solche Demonstration absolut keinen Wert. Sollte ich ihr trotzdem Gelegenheit dazu geben, bin ich ein Feigling!

Der Schreck kommt gleichzeitig mit dem Aufflammen des Lichts im Keller-Treppenhaus. Da ist ein viel zu großes Stück der weißen Tapete schwarz. Ein filigran wirkender Fleck.


Nicht zertreten!

Nicht, dass er nicht zu entfernen wäre ... Er würde sich sogar selbst entfernen, wenn ich ihn ließe. Aber der Weg, den die großen Spinne, die sehr sehr sehr große Spinne, eingeschlagen hat, führt Richtung Wohnung. Wäre es ein zierliches Exemplar, würde nicht alles in mir nach Unterstützungstruppen rufen. Doch ich bin allein im Haus.

Wie bedenkenlos tritt man manchmal auf kleine Krabbeltiere, um sie daran zu hindern, dass sie dort hinlaufen, wo es einem nicht passt. Schändlich!

Hand aufs Herz, wer würde es nicht auch bei einer größeren Spinne machen, wenn er sich nicht vor dem Knacken des Chitinpanzers graulen würde? Der Putzlappen oder die Zeitung, die manche vor dem tödlichen Tritt über das Tier werfen, beruhigt nicht das Gewissen. Höchstens die Ohren.

Es muss eine friedliche Lösung her, auch wenn das Herz noch so klopft. "Viech, rühr dich nicht von der Stelle, bis ich ein Trinkglas und Papier geholt habe!"

Was bei Wespen am Fenster so einfach ist (Glas drüber, Papier drunter, Balkontür auf, adeee!), kostet bei den Achtbeinern viel mehr Überwindung. Vielleicht weil man immer meint, man habe nur einen Versuch. Das kann schon stimmen, wenn man Pech hat. Spinne aus dem Blickfeld verschwunden heißt noch lange nicht, Spinne ist wirklich weg. Die unangenehmere Variante wäre: Hand, Arm, Nase. 1,5 Sekunden. Die Sprint-Demonstration.


Auf glatten Flächen hilflos

Spinne unter Glas. Geschafft fürs Erste. Bei Stufe zwei (Blatt unter Glas) hakt es. Das liegt an der Rauhfasertapete. Jetzt kommt Bewegung in die Sache. Spinnen-Mann wird panisch. Er findet keinen Halt. Was nützt ihm seine Schnelligkeit, wenn's um die Kletterkünste so lausig bestellt ist?

Winkelspinnen (um eine solche handelt es sich, habe ich später herausgefunden) können zwar in einer Sekunde bis zu 50 Zentimeter weit kommen, müssen aber vor glatten schrägen oder gar senkrechten Oberflächen kapitulieren.

Aber noch ist die Kuh nicht vom Eis, respektive die Spinne vor der Haustür. Denn Glas und Papier müssen weg von der Wand. Spinnen-Mann sucht seine Chance. Für einen kurzen Moment biegt sich der dünne "Deckel" seines Gefängnisses am Glasrand. Er bringt zwei Beine ins Freie. Und das nur wenige Millimeter von meiner Hand entfernt. Zu Hilfe! Ich kann doch jetzt nicht fest draufdrücken, das bricht ihm seine Stelzen. Schon ist Bein Nummer drei frei.

Alle Mut zusammennehmen, Luft anhalten, am Papier rütteln, hoffen, dass es die richtige Richtung ist und ... Glück haben. Die Spinne fällt unverletzt auf den Boden des Gefäßes. Tür auf, Glas ausschütten, den abendlichen Besucher in die Finsternis davonrennen sehen. Bettdecke und Kopfkissen bleiben für dieses Mal spinnenfrei.

Was aber wäre, wenn ich das Tier nicht ohne Beschädigung hätte hinausbefördern können? Was hält ein Spinnenbein aus? Matthias Mäuser, Leiter des Naturkundemuseums in Bamberg, weiß sowas. "Da bricht so schnell nichts ab. Das ist alles stabiler, als man denkt."


Empfinden Spinnen Schmerz?

Und wenn doch? Empfinden Spinnen Schmerz? "Nicht wie Menschen. Spinnen haben kein Gehirn, das Schmerzreize so verarbeitet wie bei uns. Sie haben Nervenknoten. Wenn man eine Spinne verletzt, sieht man ja, wie sie zuckt. Es gibt also Reaktionen im Körper."

Und was hätte ich besser machen können, beim Spinne-Raussetzen? "Das war schon ganz richtig so. Besser ist es aber, man nimmt statt des Papiers dünnen Karton. Eine Postkarte zum Beispiel.


Beherzt zugreifen

Man kann das Tier auch mit der Hand greifen. Das sollte man dann aber beherzt machen. Ziel muss sein, dass die Spinne am Leben bleibt." Ja freilich. Mit der Hand anpacken! Hand, Arm, Nase. 1,5 Sekunden.

Obwohl - war nicht ich es, die bei einer Exoten-Ausstellung eine Vogelspinne angefasst hat? Mit Zittern und Zagen und in ständiger Erwartung, dass sie sich gleich auf den Rücken wirft, um mit Beinen und Mundwerkzeugen mit meinem Finger Unaussprechliches anzustellen. Völliger Schmarrn natürlich, aber ...

Angst oder Unbehagen vor Spinnen ist keineswegs nur Frauensache. Das wäre überhaupt die Idee: Mussten früher nicht Prinzen gegen Drachen kämpfen, um die Gunst der Prinzessin zu erringen?

So hart wollen wir heutzutage gar nicht sein. Spinne-Wegschaffen mit der nackten Hand. Beherzt und doch behutsam. Muss ich gleich mal in meinen Prüfungskatalog aufnehmen.