Von Menschenfressern, Jesus und dem Pillenknick
Autor: Benedikt Borst
Bad Kissingen, Sonntag, 09. Juli 2017
Funktioniert die Musik von Rio Reiser und seiner Band Ton Steine Scherben mit Orchester? Definitiv!
Dass der Zuschauerraum zum Late Night Konzert "Hörst du das Flüstern im Land?" nur etwas mehr als zur Hälfte gefüllt war, lag weniger nicht an den Künstlern, als vielmehr daran, dass sich wohl der ein oder andere Zuhörer nach einem langen Konzerttag zur Palastrevolution sagte: Es war schön, aber es reicht. Wer sich dennoch in der Wandelhalle einfand, wurde belohnt mit zwei ausdrucksstarken Solokünstlern und einem Kurorchester, das ihnen ein solides musikalisches Grundgerüst legte - mal leise, mal entspannt, dann wieder druckvoll.
"Die Waffe der Republik ist der Schrecken, die Kraft der Republik ist die Tugend", rezitiert Michael Gerlinger, einer der beiden Protagonisten, zum Einstieg. In den nächsten eineinhalb Stunden geht es um Revolution, um politischen Kampf und um Träume, die Zukunft besser zu gestalten. Die Konzertmuschel feuerrot ausgestrahlt, steht der charismatische Fernseh- und Theaterschauspieler am Mikro, das Kurorchester setzt mit Staccatogeigen ein. Mit weitaufgerissenen Augen steigert sich Gerlinger in den "Menschenfresser". Er überzeugt mit expressiver Mimik und Gestik, sauberer Intonation sowie einem ungemein variablen Gesang. Gerade in Passagen, in denen er die Stimme überschlagen lässt, ähnelt Gerlinger dem 1996 verstorbenen Rio Reiser.
Martin Paul, Ex-Keyboarder von Ton Steine Scherben, wechselt sich mit Gerlinger beim Gesang ab. Diesen Part erledigt er nach kurzen Anfangsschwierigkeiten souverän, wenn gleich eine Spur weniger intensiv wie sein kongenialer Partner. Paul wirkt phasenweise etwas steif und wird erst mit der Zeit gelöster. Seine Stärken spielt er vor allem am Flügel aus, wie bei "Frühlingssturm", einem Lied, das Rio Reiser für das Theaterstück "Märzstürme" geschrieben hatte. Allein mit gefühlvollem Klavierspiel und Gesang füllt Paul die Wandelhalle aus. Da ist es nicht überraschend, dass die stärksten Momente des Konzerts diejenigen sind, in denen Gerlinger singt und von Paul musikalisch begleitet wird.
Das soll nicht heißen, das Kurorchester wäre verzichtbares Beiwerk. Die Stücke wurden extra für den Abend für Orchester arrangiert, viele Lieder wie das bereits angesprochene "Menschenfresser", "Mein Name ist Mensch" und "Ich will rot", hätten ohne es nicht funktioniert. Stark ist die Kombination bei dem Rausschmeißer "Der Turm stürzt ein". Der bissige Text und die volksliedartige Inszenierung sind Satire pur und eine Steilvorlage für Gerlingers ironischen Humor. Er legt sich das Publikum zurecht, animiert es zum Mitklatschen, nur um darüber die derben Textzeilen "Jesus kommt trotz Pillenknick, Goethe hat mit Faust gefickt" zu legen. Halleluja, ein doppelbödiger Höhepunkt. Die Revolution in die Wandelhalle bringen: Musikalisch war es ein Erfolg, der vom Publikum mit Standing Ovations bedacht wurde.