Seit dem Jahr 2019 ist Oberst Stefan Josef Leonhard (60) Standortältester auf dem Hammelburger Lagerberg. Die Redaktion hat mit dem Berchtesgadener über das zurückliegende Jahr, aktuelle Herausforderungen und einen Ausblick auf das kommende Jahr gesprochen.

Wie fällt ihr Jahresrückblick aus?

Oberst Stefan Josef Leonhard: 2021 war für uns alle in jeder Hinsicht ein sehr bewegendes Jahr. Das Pandemiegeschehen hatte uns voll im Griff, das hatte Auswirkungen auf unseren täglichen Dienstbetrieb am Lagerberg, und auch alle öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen sind dem zum Opfer gefallen.

Wie sehr schränkt sie denn Corona ein?

Wir sind letztendlich abhängig von den Entscheidungen, die seitens der Bundesregierung und der Landesregierungen getroffen werden. Wir sind in einer gewissen Art in einer Covid-Routine gelandet, wobei wir natürlich die gleichen Bestimmungen, die draußen gelten, auch bei uns anwenden. Aufgrund der eigenen Schutzmaßnahmen sind wir relativ gut durch die vergangenen beiden Jahre gekommen. Wir hatten zwar Einschränkungen, aber konnten den Kernauftrag der Laufbahn-Lehrgänge unvermindert durchziehen.

Wie läuft das konkret ab?

Wir haben unsere Lehrgänge in Kohorten eingeteilt, um die Vermischung der Lehrgangsteilnehmenden zu unterbinden. Es gibt keine gemischte Unterbringung, um eine Ausbreitung unter Kontrolle zu kriegen, falls wir einen Infektionsherd hätten. Das wird streng umgesetzt. Zudem sind wir ein atmender Körper: Wir haben bis zu tausend Lehrgangsteilnehmer aus der ganzen Republik. Jeden Freitag reisen sie nach Hause und am Sonntag Abend kehren sie wieder zum Lagerberg zurück. Wir testen schon seit langem jeden Montag, um herauszufinden, ob alle gesund sind. Am Donnerstag wird erneut getestet, gegebenenfalls mit Kontrolle durch einen PCR-Test, um zu verhindern, dass jemand mit Infektion nach Hause fährt. Das haben wir schon gemacht, lange bevor es gesetzlich vorgeschrieben war. Um Bewegungen zu minimieren, haben wir zudem Lehrgänge bis zu drei Wochen am Stück hier behalten. Dazu muss man wissen, dass wir wichtige Laufbahnlehrgänge durchführen: Wenn diese ausfallen, verlieren die Soldatinnen und Soldaten bis zu einem Jahr in der Karriere. Deshalb haben wir alles unternommen, damit es da keine Nachteile gibt. Dazu gehört auch die ganze Palette der Möglichkeit des Online-Unterrichts. Allerdings müssen wir für Teile der Ausbildung natürlich ins Gelände.

Die bayerische Armee errichtete 1895 den ersten Schießplatz in Hammelburg, welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht der Bundeswehr-Standort Hammelburg heute, mehr als 125 Jahre später?

Der Standort Hammelburg ist einer der größten Standorte der Bundeswehr und hat insbesondere für die Infanterie natürlich eine besondere Bedeutung, weil hier das Mutterhaus der Infanterie beherbergt ist.

Sie müssen sich also nicht lange vorstellen als Standortältester von Hammelburg?

Ja, jeder Angehörige des Heeres war im Laufe seiner Laufbahn schon mindestens einmal am Standort Hammelburg.

Historisch gewachsen ist in der Region auch die Akzeptanz der Bundeswehr in der Bevölkerung. Wie nehmen Sie als Standortältester das wahr?

Der Lagerberg ist der größte Stadtteil der Stadt Hammelburg, wenn man das Hammelburger Logo, also das mehrfarbige H, anschaut, dann ist oben links das grüne Quadrat das Symbol für die Bundeswehr. Wir fühlen uns in der Region sehr gut aufgehoben, es gibt engste Beziehungen zu allen Einrichtungen und Behörden. Wir fühlen uns wohl in der Region.

Wie sieht der Austausch im Moment aus - trotz der Absagen von Veranstaltungen?

Es gibt regelmäßige Kontakte, General Michael Matz, Kommandeur der Infanterieschule, und ich pflegen einen ständigen Informationsaustausch mit dem Landrat und den Bürgermeistern. Wir ziehen alle an einem Strang.

Der Infanterieschule Hammelburg ist diesem Jahr die Ausbildung des Kommandos Spezialkräfte (KSK) in Calw unterstellt, Sie persönlich sind dafür zuständig: Was waren die Neuerungen in Calw, was ist noch zu tun?

Wir bilden die zukünftigen Kommandosoldaten aus, die dann im KSK dienen. Das muss man sich so vorstellen wie früher die Grundausbildung, an deren Ende die Soldaten in ihre Stammeinheit gehen. Wir haben den Ausbildungsstützpunkt Spezialkräfte Heer aufgebaut, der der Infanterieschule unterstellt ist. Damit tragen wir für die Ausbildung der Kommandosoldaten die Verantwortung und übergeben ausgebildete Kommandosoldaten an das KSK.

Was bedeutet das für Hammelburg?

Wir haben ein Mehr an Aufträgen und das bedingt, dass es in Teilbereichen des Stabes zu Personalverstärkungen kommen muss. Wir haben das bisher geschultert, wir sind aber jetzt zum Jahresende zur Erkenntnis gekommen, dass die Zahl an Überstunden zu hoch ist und wir deshalb zusätzlich Personal benötigen.

Für Hammelburg und Wildflecken zusammen sind Investitionen von mehr als einer Milliarde Euro geplant. Der Bund gibt das Geld, das Land muss bauen. Allerdings sind Staatliche Bauämter oft überlastet. Das war auch Thema des Besuchs der bayerischen Bauministerin Kerstin Schreyer in Hammelburg. Was ist herausgekommen?

Die Bundesrepublik Deutschland hat keine eigene Bauverwaltung, deshalb gibt es einen Vertrag mit den Bundesländern. Diese bauen im Auftrag des Bundes und werden dafür entschädigt. Das ist ähnlich wie wenn sie privat ein Haus bauen: Wenn der Architekt Planung und Bauausführung macht, verlangt er dafür einen bestimmten Anteil der Bausumme. Bei uns sind es 15 Prozent der Bausumme. Der große Investitionsumfang in die Standorte Hammelburg und Wildflecken sprengt natürlich das, was das Staatliche Bauamt Schweinfurt schultern kann. Ohne Unterstützung durch andere Staatliche Bauämter würde das Schweinfurter Bauamt an die 30 Jahre brauchen, um alles abzuarbeiten. Es gibt deshalb bereits jetzt die ein oder andere Baumaßnahme, für die das Staatliche Bauamt Würzburg zuständig ist. Außerdem ist es notwendig, die Projekte sauber zu priorisieren, auch weil die Bauwirtschaft in der aktuellen Lage nicht mehr liefern kann.

Was steht auf dem Lagerberg konkret an?

Bereits begonnen hat der Bau von Unterkünften: Es sind 1800 Quasi-Ein-Zimmer-Apartments geplant. Da gibt es Überlegungen, das in Systembauweise zu gestalten, das hat aber erhebliche Auswirkungen. Sie haben vorher angesprochen, dass die Kaserne in Teilen 125 Jahre alt ist. Zudem waren es ursprünglich zwei Kasernen, die zur Saaleck-Kaserne zusammengewachsen sind. Im Boden findet man Altes und Neues. Wir müssen erhebliche Investitionen tätigen, damit der Hochbau überhaupt stattfinden kann: Die Versorgungsnetze alter Art sind nicht für die Energieverbräuche neuer Art ausgelegt. Für Beleuchtung braucht man vielleicht weniger, aber dafür verschlingen zum Beispiel Computer-Netzwerke Unmengen Energie.

Das heißt, Sie müssen erst in die Tiefe, um in die Höhe gehen zu können?

Wir müssen Tiefe und Höhe machen, es bringt uns nichts, wenn uns der Hochbau ein Haus hinstellt, und wir sagen müssen, dass das nicht in Betrieb gehen kann, weil dann, wenn alle das Licht anmachen, am Lagerberg der Strom ausfällt. Das ist sehr schwierig, weil die Kaserne fast 130 Hektar und rund 180 Gebäude umfasst. Es gibt einen komplexen Plan, welche Gebäude abgerissen und neu gebaut werden, weil der Grund und Boden erst vorbereitet werden muss. Und das ist eine Operation am offenen Herzen, der Betrieb muss weitergehen.

Und ist der Bestand noch energetisch zu sanieren?

Wir zahlen jährlich mehrere Millionen Euro alleine für den Unterhalt. Allerdings dürfen wir ab dem Zeitpunkt, an dem entschieden wird, dass ein Ersatz-Neubau günstiger als eine Sanierung ist, nichts mehr in den Bestand investieren.

Im Sommer gab es auch in Ihrer Heimat Berchtesgaden Hochwasser. Was haben Sie davon miterlebt?

Ich bin seit meinem 14. Lebensjahr Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr in Berchtesgaden, bin aber auch Mitglied bei der Hammelburger Feuerwehr. Ich übe bei beiden Feuerwehren. Bei meiner Heimat-Feuerwehr war ich bei allen größeren Katastrophen der letzten Jahre dabei, und das waren relativ viele. Das geht von Sturm bis Schnee, im Sommer diesen Jahres war es Hochwasser. Der angekündigte Starkregen am 17. Juli führte am Abend zu enormen Niederschlagsmengen. Insgesamt 156 Einsätze mussten alleine in Berchtesgaden abgearbeitet werden. Neben Sachschäden in Millionenhöhe kam leider eine Person in ihrem Haus ums Leben.

Und wie schauen Sie persönlich auf das kommende Jahr?

Ich habe meinen Mitarbeitern gedankt und mich zu Weihnachten mit der Hoffnung verabschiedet, dass 2022 weniger aufregend wird.

Das Gespräch führte Ralf Ruppert.