Das Gerücht kursierte bereits vor der Kreisverbandssitzung, jetzt herrscht Klarheit: Thomas Stadler, Geschäftsführer des Kreisverbandes Bad Kissingen im Bayerischen Roten Kreuz (BRK), hört auf. Ab Juli leitet der ausgebildete Rettungsassistent und Betriebswirt nach acht Jahren in Bad Kissingen die Abteilung Rettungsdienst des BRK-Landesverbandes in München. "Die Herausforderung hat mich gereizt", sagt der 42-Jährige.


"Engagiert und ehrgeizig"

Über Hintergründe der Entscheidung spricht niemand beim Roten Kreuz, allerdings gab es bei der Kreisverbandssitzung auch kritische Töne: Die Finanzen seien bei seinem Amtsantritt vor vier Jahren "im freien Fall" gewesen, sagte Kreisvorsitzender Dr. Alexander Siebel. Auf Nachfrage jedoch lobt er den Noch-Geschäftsführer: "Herr Stadler hat sich engagiert, er war ehrgeizig und umtriebig", lautet Siebels knappe Bilanz. Bis zur Neubesetzung der Stelle im Herbst werde der Vorstand die Geschäfte leiten (siehe rechts).

Thomas Stadler stammt aus Gochsheim, sitzt dort als CSU-Fraktionssprecher im Gemeinderat und wird auch mit seiner Frau und den beiden Töchtern im Ort wohnen bleiben. 1995 bis 1997 machte er die Ausbildung zum Rettungsassistenten in Schweinfurt, wurde später Ausbildungsleiter. Parallel zum Job studierte er Betriebswirtschaft. 2009 bewarb er sich auf die Stelle des Kreisgeschäftsführers in Bad Kissingen, im Oktober 2009 folgte er Erwin Göbel nach.

"Das war ein bewusster Wechsel nach Bad Kissingen, um den Horizont zu erweitern", sagt Stadler. Zum einen habe er Erfahrungen aus Schweinfurt wie den bestehenden Patientenfahrdienst mit an die Saale nehmen können, zum anderen kamen neue Aufgaben dazu etwa im Bereich Pflege. Zu seiner Strategie haben der Ausbau des Rettungsdienstes und die Konzentration der Pflege-Angebote gehört: Im neuen BRK-Gebäude am Steingraben sind seit 2013 ambulante und Tages-Pflege, der Fahrdienst und eine Beratungsstelle zusammengefasst. "Unser Ziel ist, dass Menschen möglichst lange daheim leben können", so Stadler. Mittlerweile betreue der BRK-Kreisverband rund 150 Patienten.


Von 90 auf 230 Hauptamtliche

Ganz neu tätig ist das Bad Kissinger Rote Kreuz seit einigen Jahren in der Jugendsozialarbeit an Schulen: Drei Vollzeit-Kräfte betreuen fünf Schulen im Auftrag des Kreises oder der Kommunen. Durch die neuen Tätigkeitsfelder wuchs auch die Zahl der Hauptamtlichen: 90 waren es bei Stadlers Amtsantritt, 230 sind es aktuell. Die Stützen des Roten Kreuzes bleiben aber die rund 1800 Ehrenamtlichen und 6000 Förder-Mitglieder im Kreis. "Das Ehrenamt ist nach wie vor da, aber gerade im Rettungsdienst wird es immer schwieriger", berichtet Stadler.

Der Gang nach München sei für ihn auch eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln: Nach dem Start im Rettungsdienst habe er als Kreis-Geschäftsführer die "Vielschichtigkeit der Rot-Kreuz-Arbeit" erlebt. "Jetzt fokussiere ich mich wieder." Dabei warten große Aufgaben auf ihn: Der Rettungsdienst müsse auf den Wandel im Gesundheitswesen reagieren und sich für Großeinsätze durch Terror-Angriffe oder bei Massen-Veranstaltungen wappnen. Aber auch Fachkräftemangel und Weiterbildung soll Stadler in München angehen. Hinzu kommt die Konkurrenz durch andere Hilfsorganisationen: "Auch die mittlerweile ausufernden Vergabeverfahren für Rettungswachen und Stellplätze müssen neu gestaltet werden", sagt BRK-Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk und hofft, dass Stadler hier auch seine politischen Erfahrungen als langjähriger CSU-Funktionär einbringt.

In Bad Kissingen hat das Rote Kreuz noch immer ein Monopol in vielen Bereichen wie dem Rettungsdienst und dem Katastrophenschutz. "Der Kreisverband steht gut da und hat gute Zukunftschancen", ist Stadler deshalb überzeugt. Allerdings habe es in seiner achtjährigen Amtszeit auch "wirtschaftlich schwierige Zeiten" gegeben: "Die Geschwindigkeit, mit der sich die Rahmenbedingungen ändern, wird immer höher", nennt er als Hauptgrund für die roten Zahlen der vergangenen Jahre. Aber: "Wir sind auf einem guten Weg", ist sich Stadler sicher. Zudem gebe es eine Bad Kissinger Besonderheit, die ihn nach München begleite: "Die enge Verbindung zum Zentrum für Telemedizin nehme ich sicherlich mit", verweist er darauf, dass manche in Bad Kissingen entwickelte Technik mittlerweile in jedem bayerischen Rettungswagen mitfährt.

Das knappe Ergabnis hat Dr. Alexander Siebel längst abgehakt: Mit 139 von 246 Stimmen war er vor einem Monat im Amt bestätigt worden. "Der neue Vorstand konstituiert sich am 15. Mai", kündigt Siebel an. Eine der ersten Aufgaben wird die Ausschreibung der Stelle des Kreisgeschäftsführers sein: "Die soll bis Ende Mai, Anfang Juni vorliegen", sagt Siebel, und: "Für das Auswahlverfahren werden wir uns die nötige Zeit nehmen."


Herzchirurg und Rechtsanwalt

Alexander Siebel (52) arbeitet als Herz-Chirurg in Bad Neustadt. Vor der Medizin hatte er bereits Jura studiert, ist auch zugelassener Rechtsanwalt. Doch seine Leidenschaft gilt der Medizin: Vor 30 Jahren engagierte er sich zunächst in München bei der Johanniter-Unfallhilfe, in Bad Kissingen fährt er nebenamtlich Notarzt-Einsätze und arbeitet£ ehrenamtlich beim Roten Kreuz: von der Sonder-Einsatz-Gruppe bis zum Kreisvorsitzenden. Auch deshalb sei ihm die Stärkung des Ehrenamtes im BRK so wichtig.

"Die zurück liegenden vier Jahre waren durchaus herausfordernd, und die nächsten vier werden es auch", weiß Siebel. Viele Aufgaben stünden bevor: Bis Jahresende soll die neue Rettungswache in Bad Brückenau fertig sein, danach stehen Arbeiten in Münnerstadt und in der Bad Kissinger Hartmannstraße an. Deshalb wünsche er sich als neuen Kreisgeschäftsführer "einen gestandenen Rotkreuzler mit Wirtschaftskenntnissen und sozialer Kompetenz".