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Mit 50 ist für Birgitt Klaus lange nicht Schluss


Autor: Steffen Standke

Oberleichtersbach, Donnerstag, 02. Mai 2019

Birgitt Klaus ist trotz ihres Alters noch schnell und schießt für die DJK Schondra Tore. Und sie hat eine bemerkenswerte Karriere als Fußballerin hingelegt.
Birgitt Klaus spielt mit 50 immer noch leidenschaftlich Fußball. Und sie will weitermachen. Foto: Steffen Standke


In Birgitt Klaus' Wohnzimmer in Oberleichtersbach steht eine Gartenbank, darauf Geschenke, Glückwunschkarten und ein bunter Luftballon mit markanter Aufschrift: "50". Eine außergewöhnliche Zahl für eine im Ligabetrieb aktive Fußballerin. Doch die Stürmerin der DJK Schondra hat keine Lust, sich auf die sprichwörtliche "Ruhebank" zu setzen. Höchstens auf die Ersatzbank, um eingewechselt zu werden. Im Interview berichtet sie, warum sie so lange im Fußball aktiv geblieben ist, warum sie nie eine Profikarriere anstrebte und wie lange sie spielen will.

Frau Klaus, Sie haben in einem früheren Gespräch gesagt, Sie hören auf, wenn Sie 50 sind. Wie steht es jetzt damit?

Birgitt Klaus: Ich hatte mir immer vorgenommen, wenn ich fit und verletzungsfrei durchkomme, mit 50 aufzuhören. Das habe ich im Wesentlichen geschafft. Kürzlich habe ich mit meinem Vater gesprochen. Er hat mit 53 mit dem Fußball aufgehört und gesagt, das schaffe ich noch.

Also machen Sie weiter?

Das ist davon abhängig, wie es in der neuen Spielrunde bei mir und im Verein läuft. Im Moment verfügt die 1. Mannschaft über genügend Spielerinnen. Aber wenn Not ist, werde ich aushelfen und auch ab und zu beim Training sein. Das und die Kameradschaft würden mir fehlen, wenn ich es nicht mehr hätte. 1#googleAds#100x100

Und wenn es bei Ihnen persönlich mit der Leistung nicht mehr reicht?

Da setze ich mich nicht unter Druck. Wenn ich merken sollte, ich komme zum Beispiel beim Joggen mit den Jüngeren nicht mehr mit, wäre es sofort rum. Sollte das eintreten, bleibe ich bei den Junggebliebenen dabei.

Die Junggebliebenen?

Die DJK Schondra stellt ja zwei Frauen-Mannschaften. Eine, die aktiv in der Runde spielt. Und die andere, die sich "die Junggebliebenen" nennt. Die Älteste von uns ist 64. Wir trainieren jeden Mittwoch und helfen, wenn nötig, bei den Aktiven aus. Ich war bei beiden Mannschaften immer dabei, sodass ich jeden Dienstag, Mittwoch und Donnerstag trainiert und die Spiele gemacht habe. Ich genieße es, in meinem Alter noch so fit zu sein. Aber dafür muss man etwas tun und auch regelmäßig trainieren.

Zurzeit fallen Sie mit einem Bänderriss verletzt aus. Sie kehren aber zurück, oder?

Die Verletzung habe ich mir vor vier Wochen in der Halle zugezogen. Jetzt, wo ich nicht spielen kann, merke ich, wie viel Zeit für Training und Spiele draufgeht. Ich möchte die letzten beiden Rundenspiele Ende Mai/Anfang Juni wieder mitmachen.

Woher kommt Ihre Begeisterung für den Fußball?

Fußball ist nun mal mein größtes Hobby. Wir waren in Motten fünf Kinder, die alle aktiv gespielt haben. Damals gab es allerdings nicht so viele Alternativen, sich sportlich zu betätigen wie heute. Ich habe von 14 bis 24 beim damaligen SC Motten aktive Runde gespielt. Es war für mich als Stürmerin eine erfolgreiche Zeit; in einer Saison habe ich 50 Tore geschossen.

Dennoch haben Sie zwischen 1993 und 2004 pausiert. Wie kam das?

Das war die Zeit, wo es mit Beruf und Kinderkriegen losging. Über eine Freundin bin ich dann zu den Junggebliebenen gekommen. Wir haben überwiegend in der Halle gespielt.

Wie sind Sie dann zur SG Jossa gekommen?

Meine Tochter hat dort das Fußballspielen angefangen. Der Mädchenfußball wurde da sehr unterstützt, allerdings nur bis zum 16. Lebensjahr. Dann mussten sich die Spielerinnen einen anderen Verein suchen. Also kam die Idee, ein Damenteam zu gründen. Meine Tochter berichtete den Jossaern, dass ihre Mutter auch Fußball gespielt hat. Ich kam zum Probetraining vorbei und durfte wiederkommen.

Und damit begann Ihre zweite Karriere als Stürmerin.

Unser neugegründetes Damenteam startete in der niedrigsten Klasse, der Kreisoberliga. Wir sind in die Gruppenliga aufgestiegen mit einem extrem hohen Torverhältnis. In der zweiten Saison sind wir wieder hochgegangen in die Verbandsliga, wo wir schon bis nach Kassel fuhren. Das war eine aufregende Zeit mit einer wahnsinnigen Euphorie. Wenn Kassel im vollen Jossaer Stadion angesagt wurde, war eine tolle Stimmung. Ich hatte das Gefühl, der Frauenfußball war zu der Zeit in Jossa bedeutender als der der Männer. Und dass ich mit 43 Jahren mit vielen Toren an einer Meisterschaft beteiligt sein würde, hätte ich nie gedacht.

Hatten Sie in Ihrer Jugend nicht mal Ambitionen, noch höherklassiger zu spielen?

In Motten hätten meine Eltern mit ihrer Landwirtschaft und fünf Kindern nie Zeit gehabt, mich ständig zu Training oder Spiel zu fahren. Das haben mein Mann Stefan und ich später mit unserer Tochter gemacht, die in Lütter spielt. In Jossa, wo ich ja schon zwei Ligen höher als am Anfang agiert habe, haben wir auch nicht mehr jedes Spiel haushoch gewonnen. Da spielen auch die Besseren, nicht nur die Fußballerinnen, die einfach nur Spaß haben wollen. In meinem letzten Jahr in Jossa haben Vanessa und ich übrigens zusammengespielt.

Vor vier Jahren zog es Sie zurück zur DJK Schondra.

Die Teamverantwortliche Sissy Martin fragte mich, ob ich nicht Spielertrainerin werden wolle. Nach drei Jahren in Jossa hatte ich das Gefühl, alles erreicht zu haben und nichts mehr draufsetzen zu können. Trainerin zu sein, Entscheidungen zu treffen wer wie spielt, reizte mich. Ich dachte, ich mache das ein Jahr; jetzt sind es doch mehr geworden. Im ersten Jahr wurden wir in der Kreisliga Dritte, im zweiten Zweite. Im dritten Jahr stiegen wir auf, personell bedingt aber gleich wieder ab. Jetzt bin ich keine Trainerin mehr, nur noch Spielerin. Übrigens treffe ich mich immer noch mit einigen Mitspielerinnen vom SC Motten. Wir spielen seit 25 Jahren Schafkopf zusammen und schwelgen in Erinnerungen, die wir nicht hätten, wenn wir sie nicht gemeinsam erlebt hätten.

Wo sehen Sie den Frauenfußball heute?

Die Bewertung fällt sehr unterschiedlich und von der Spielklasse abhängig aus. In Lütter, wo professionell und leistungsbezogen trainiert wird, wird der Damenfußball weniger belächelt als zum Beispiel in Schondra, wo Freizeitsportlerinnen unterwegs sind. Dabei geben auch sie ihr Bestes und lieben ihren Sport.

Wenn Sie nicht selbst auf dem Platz stehen: Welche Spiele welcher Vereine schauen Sie sich an?

Wir in der Familie sind Dortmund-Fans, fahren aber selten ins Stadion. Ich schaue gern bei Vanessa in Lütter oder bei meinem Sohn zu, der bei der SG Oberleichtersbach spielt.

Betreiben Sie noch andere Sportarten? Jüngst sah man Sie beim Radrollenrennen.

Mein Mann Stefan organisiert diesen Wettkampf in Oberleichtersbach ja mit. Wir nutzen das als Training für das 48-Stunden-Rennen in Poppenhausen. Neben Rennrad-, Rollrad- und Mountainbikefahren laufe ich.

Was hat es mit dem Ort auf sich, den Sie für das Foto gewählt haben?

Das ist der Garten unseres Hauses in Oberleichtersbach. Hier fühle ich mich wohl.

Die Vollblutstürmerin Birgitt Klaus:

Position Stürmerin. Im ersten Spiel ihrer Karriere stand Birgitt Klaus im Tor, brach sich bei einer Ballabwehr einen Finger - und musste fortan nicht mehr in den Kasten.

Stationen als Spielerin 1983 bis 1993, 2004 bis 2012 "Junggebliebene" der DJK Schondra, 2012 bis 2015 SG Jossa, 2015 bis 2019 DJK Schondra. Größte Erfolge Eine Saison mit 50 und ein Spiel mit neun Treffern in der Mottener Zeit, die Meisterschaften und Aufstiege in Jossa und Schondra.