Einer guten Party steht Lukas Lieb prinzipiell aufgeschlossen gegenüber. Das ist Fuschter Fußball-DNA. Aber das, was der 27-Jährige da vor knapp zwei Wochen erleben durfte, sprengt alles bisher dagewesene. Denn Lukas Lieb war live dabei beim Sieg seiner Frankfurter Eintracht im Europa-League-Finale in Sevilla, samt Bruder Fabian. Noch immer fühlt sich der 35-Stunden-Trip für den Innenverteidiger des FC Fuchsstadt unwirklich an angesichts all der Erlebnisse und überbordenden Emotionen.

Um die 50.000 Eintracht-Fans waren in die südspanische Stadt angereist, aber gerade mal ein Fünftel hatte auch Tickets für das Estadio Ramón Sánchez Pizjuán, wo sonst der FC Sevilla seine Heimspiele austrägt. "Unser Vater ist schon lange Eintracht-Mitglied und hat sich über den Verein um Karten beworben. Eine Woche vor dem Spiel kam die Zusage. Ich konnte das kaum glauben", sagt Lukas Lieb. Weil Papa Hans-Joachim die Reise zu anstrengend war, wurden die beiden Tickets an die Söhne abgetreten, die sich sofort um einen Flug kümmerten, dabei auch einen Umweg beispielsweise über Portugal in Kauf genommen hätten. Stattdessen war Fortuna den beiden Unterfranken ein zweites Mal wohl gesonnen. "Mein Bruder, der ebenfalls Eintracht-Fan ist, hat Kontakte zum Fanclub 'Knüll-Adler', die über ein Reisebüro einen Flug gebucht hatten, für den wir noch zwei Plätze bekamen."

Als Alternativ-Programm hatten sich die Lieb-Brüder einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher vorgenommen mit dem ehemaligen Teamkollegen Andy Graup, stattdessen wartete ein Abenteuer sondergleichen im heißen Andalusien.

35 Sondermaschinen

Um 4 Uhr in der Früh ging es am Spieltag mit dem Auto in Richtung Frankfurt. "Am Flughafen hat man fast nur Eintracht-Fans gesehen, die in eine der 35 Sondermaschinen Richtung Sevilla stiegen. Um 10 Uhr hoben wir mit viel Stimmung im Flieger ab, drei Stunden später waren wir am Ziel", erinnert sich Lieb. Zumindest vor dem Spiel war alles top organisiert mit vom hessischen Bundesligisten gecharte rten Shuttle-Bussen vom Flughafen in die Stadt zum Public Viewing mit Musik von Frankfurter Bands samt Auftritten von Eintracht-Präsident Peter Fischer und Spieler-Legende Alex Meier. "Das war alles absolut friedlich. Auch das Treffen mit den Glasgow-Fans verlief sehr freundschaftlich, wir haben uns gegenseitig applaudiert", sagt Lukas Lieb. Da war das Duo aus Fuchsstadt zu einem Quartett angewachsen, weil man sich mit Stefan Eyrich-Halbig vom TSV Oberthulba und Bernd Kleinhenz vom FC Elfershausen verabredet hatte, die ebenfalls an Tickets gekommen waren.

Im großen Fan-Marsch ging es gegen 18 Uhr in Richtung Stadion, wo die Lieb-Brüder im Oberrang saßen, von dort miterlebten, wie Rafael Borré den Rückstand von Rangers-Spieler Joe Aribo egalisierte, ehe Eintracht-Keeper Kevin Trapp im Elfmeterschießen endgültig Helden-Status erlangte mit dem gehaltenen Strafstoß von Aaron Ramsey. "Beim Ausgleich für uns war Stimmung ohne Ende. Gefühlt hatte ich in diesem Spiel mehrere Herzinfarkte", so Lieb.

Keine Getränke für die Fans

Was das Erlebnis trübte, war der Umstand, dass es für die Fans im Eintracht-Block schon zur Halbzeit keine Getränke mehr gab, "weil die Catering-Stände einfach geschlossen wurden. Viele tranken auf den Toiletten aus den Wasserhähnen, die irgendwann auch abgestellt wurden." Bis 2 Uhr nachts mussten die Eintracht-Fans im Stadion bleiben. "Die Organisation war eine Katastrophe. Da waren viele Menschen dehydriert, fix und fertig. Einige im Unterrang hatten Glück, dass die Spieler, die das mitbekommen haben, ihre Wasserflaschen in den Block geworfen haben."

Erst auf der immer noch geöffneten Fan-Meile wurde der Flüssigkeits-Haushalt wieder korrigiert, dann ging es gegen 4 Uhr morgens zurück zum Flughafen, wo mit einstündiger Verspätung um 8.30 Uhr der Flieger gen Mainmetropole abhob. Um 15 Uhr waren die Lieb-Brüder wieder daheim. "Jeder wollte von uns wissen, wie es war. Das bleibt unvergesslich."