Er weiß nicht so recht, wie er es sagen soll. Hans-Jürgen Friedrich* (*Namen geändert) will seinen alten Schulkameraden nicht vor den Kopf stoßen. Ja, es ist schlechter geworden in letzter Zeit, erzählt er dem Richter am Amtsgericht. "Er vergisst viel. Und er verwechselt viel", sagt der Rentner. Die Leute aus dem Dorf reden. Einer von ihnen hat nicht nur getuschelt, sondern Meldung bei der Polizei gemacht. Sein Kumpel, der 74-jährige Senior fand sich nun vor Gericht wieder, weil eine Polizei-Kontrolle im vergangenen Jahr eskaliert war.

Drohung von der Rückbank

"Ich finde euch, ich schneide euch die Gurgel durch!" Die Drohung von der Rückbank des Polizeiautos sitzt. Franz Schuster begleitet die beiden Beamten nicht ganz freiwillig mit zur Wache. Der Rentner liegt in Fesseln. "Er hat geschrien", sagt der Polizist in dem Prozess als Zeuge. Mit seinem Kollegen war er ausgerückt. Der Anruf kam von einem Anwohner, der befürchtete, Franz Schuster* sitze mit einer Fahne hinterm Steuer. Damit lag er nicht falsch. Als die Polizisten durch das Örtchen patrouillieren und schließlich den 74-Jährigen in seinem Wagen aufgreifen, ist der alles andere als nüchtern. "Man hat es deutlich gerochen", sagt der junge Polizeibeamte. Nicht das einzige, das ihm damals im Mai auffällt.

"Seine Aussprache war leicht verwaschen. Er hat ab und zu wirres Zeug geredet. Aber er konnte noch normal laufen." Auf den Alko-Test, den er machen soll, hat Franz Schuster wohl so gar keine Lust. Nachdem ihm einer der Beamten erklärt, dass sie ihn dann stattdessen zur Untersuchung ins Krankenhaus bringen würden, eskaliert die Situation. Franz Schuster* will weg. Aus dem Weg: Er stößt den Polizisten vor ihm mit der flachen Hand gegen die Brust. Der Schubser ist für die Beamten der Grund, den Rentner zu fesseln. Gefallen tut ihm das freilich nicht, er schlägt um sich.

An der Dienststelle entspannt sich die Lage. Trotzdem geht´s zur Untersuchung weiter ins Krankenhaus. Die Stimmung kippt. Im Warteraum vor den Behandlungszimmern zückt der 74-Jährige plötzlich ein Taschenmesser. Die Beamten fackeln nicht lange und bringen den Rentner zu Boden. ",Finger weg!'", hört der junge Polizist seinen Kollegen rufen, als Franz Schuster* in Richtung Waffenhalter greift. "Stimmung gereizt, Verhalten aggressiv", heißt es im Bericht des Arztes. Der misst gut 0,8 Promille bei dem Senior.

Bekannten getroffen

Ein paar Hundert Meter war der Angeklagte an diesem Vormittag durch seinen Heimatort im Landkreis Bad Kissingen gerollt. Vom Wohnhaus in Richtung Garten. Unterwegs trifft er seinen Bekannten Hans-Jürgen Friedrich* und hält zum Tratschen. Auf die Frage, was er genau vor hatte, kann er dem Richter in der Verhandlung keine Antwort liefern. Das gilt für fast alles, wonach er gefragt wird. Er erinnere sich nicht mehr, sagt der Rentner. Ansonsten lässt Franz Schuster* seinen Verteidiger für sich reden. "Es stimmt so wohl weitestgehend", sagt der zu Beginn und meint damit das, was die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage nachzeichnet: tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte, dazu Alkohol am Steuer. Schließlich macht die Vertreterin der Schweinfurter Staatsanwaltschaft den Test: "Wann ist ihr Hochzeitstag?", will sie vom Angeklagten wissen. Franz Schuster lugt durch seine schmale Brille, dreht sein Gesicht langsam zu seiner Ehefrau, die ihm von den Publikumsreihen aus beisteht. "Sag du's. Sag du's." Die Staatsanwältin holt ihn mit der Frage zurück: "Wann hat ihre Frau Geburtstag?" Franz Schuster* nennt seinen eigenen. "Wer ist gerade Kanzler?" Nichts. In seiner Mimik regt sich - nichts. Der 74-Jährige sitzt ruhig neben seinem Anwalt. Still, dumpf, apathisch.

"Er hat immer wieder komische Sachen erzählt - aus dem Zusammenhang gerissen", sagt der junge Polizist, der Franz Schuster damals kontrolliert. Ob der Rentner ihm renitent vor kam? "Schwer zu sagen", meint der Beamte. "Vielleicht wollte er nicht gleich wieder etwas mit der Polizei zu tun haben." Es war noch nicht lange her, dass Franz Schuster* Probleme mit der Polizei hatte. Der Grund: Unfallflucht. Die Angelegenheit wurde eingestellt. 1966 hatte er seinen Führerschein gemacht. Seither hatte sich Franz Schuster* nie etwas zu Schulden kommen lassen. "Das muss man erstmal schaffen", sagt der Richter. Aus seiner Brusttasche fummelt der 74-Jährige den großen grauen Lappen. Seinen Führerschein hat er noch. Die Fahrerlaubnis wurde ihm vom Amt inzwischen entzogen - vorläufig.

Demenz fortgeschritten

"Zu ihren Lasten spricht eigentlich wenig", sagt die Staatsanwältin. "Ich vermute, Sie waren in der Situation überfordert." Sie habe den Eindruck, dass die Demenz-Erkrankung fortgeschritten sei. Für den Angriff bei der Kontrolle, die Bedrohung im Auto, die Sache im Krankenhaus und das Fahren unter Alkoholeinfluss setzt sie eine Geldstrafe an: 70 Tagessätze, je 30 Euro, dazu ein Fahrverbot. Der Richter geht mit.

"Das war kein guter Tag für Sie. Die Geschichte ist aus dem Ruder gelaufen." Seinem Urteil legt er eine "erheblich verminderte Schuldfähigkeit" zu Grunde. "Es ist nicht so, dass er permanent renitent ist", sagt der Anwalt des angeklagten Seniors. "Er reagierte falsch und tut das sicher nie mehr."