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Rakoczy-Fest: Die Stadt steht Kopf


Autor: Johannes Schlereth

Bad Kissingen, Freitag, 27. Juli 2018

Seit Freitag geben sich historische Kurgäste in Kissingen die Ehre: Ein Highlight ist der Umzug mit einer kalifornischen Überraschung.
Nicht nur die Stadt im Bild steht Kopf: Auch Steffen Schmitt sieht den Festzug auf seinem Longboard aus anderer Perspektive als die Besucher.Johannes Schlereth


Eröffnet wurde das Rakoczy-Fest zwar bereits am Freitagabend durch den Oberbürgermeister, die Kurdirektorin, die Quellenkönigin und den Fürsten Rakoczy. Ein Highlight findet jedoch erst am Sonntag statt: der Festumzug. Seit 39 Jahren gibt es hier ein Intermezzo, das so gar nicht zum Fest zu passen scheint: Westküsten-Flair in Bad Kissingen.

Wenn Steffen Schmitt inoffiziell das 39. Mal den Festzug mit dem Longboard eröffnet, drängen sich Menschen schwitzend in der Sonne am Straßenrand. Alles wartet gebannt auf die Historischen und plötzlich löst der 54-jährige Postangestellte mit seinem Handstand auf dem Longboard Standing-Ovations aus. Für 20 Sekunden rollt er an den Gästen vorbei, bevor er geisterhaft verschwindet.


Surfin' California

"Ich mache das etwa seit 1980", erinnert sich der 54-Jährige. Der Kissinger war einst DJ in einer Szene-Diskothek in Münnerstadt, die schon immer ein Ort für Subkulturen war. Angefixt wurde er durch Fotos der kalifornischen Surfer, die in den 70er Jahren Rollen unter ihre Surfbretter schraubten, um auch Wellen auf der Straße reiten zu können. "Da gab es dieses eine Bild, auf dem einer einen Handstand auf seinem Board macht - das war exakt das, was ich wollte", blickt Schmitt aufs Jahr 1976 zurück. 1#googleAds#100x100

Von da hieß es Üben. "Es hat tatsächlich nicht so lange gedauert, bis ich das konnte. Es gab nicht mal viele Stürze", erinnert er sich. "Es ist eigentlich eine simple Geschichte, ich habe das Board in den Händen, nehme Anlauf, gehe mit dem Kopf und den Händen runter und mit den Beinen hoch", erklärt Schmitt.

Akrobatisch unterwegs war Schmitt jedoch nie: "Die einzige akrobatische Einlage meines Lebens war das Umrühren von Joghurt. Man muss kein Seiltänzer sein. Das Board läuft von allein." Grund dafür sind am 20 Jahre alten Board die Kugellager, die - verglichen mit einem Skateboard - einen geringeren Rollwiderstand haben.

"Für meinen Handstand habe ich das Board ein bisschen modifiziert. Normalerweise stehen die Rollen weiter innen - damit ich da nicht mit den Fingern reinkomme, habe ich Distanzstücke verbaut, so dass die Rollen weiter außen stehen", beschreibt er den Umbau. Allen technischen Raffinessen zum Trotz kam es 1979 zum Crash: "Da habe ich versehentlich einen Kurgast angefahren. Das war genau hier vor der jetzigen Eisdiele Bassanese", weiß er noch. Passiert sei zum Glück nichts.


Spontane Geburt

"Ich war mit einem Kumpel in der Stadt unterwegs, die Ludwigstraße war gesperrt wegen des Fests", schwelgt er in Erinnerungen. "Da waren unzählige Leute, da wusste ich - das probiere ich jetzt." Seitdem gibt es Beifall. "Ich glaube, dass die Leute sich über den Kontrast freuen. Alle warten auf Fürsten und Kaiser - und dann komme ich mit dem Longboard." Probleme mit den Organisatoren des Festes oder der Polizei gab es bisher nie: "Es wird geduldet, nehme ich an. Ich meine, wem soll was passieren außer mir?"

Vormittags übt Schmitt auf einem Parkplatz. "Wenn da alles glatt läuft, geht es in die Stadt." Hier wartet er, bis die Polizei da ist. "Das ist das Zeichen für die Gäste, dass die Straße jetzt frei bleiben muss."
Bevor er losfährt, steht das Aufwärmen an. "Man wird ja nicht jünger. Damals hat's im Arm geknackt. Ich hatte Panik, dass es aus ist. Zum Glück war nichts." Dennoch herrscht jährlich Skepsis: "Man fragt sich - soll ich, oder nicht? Aber ich bekomme immer wieder Zuspruch. Und dann geht's eben doch aufs Board."