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Drogen an gewagtem Standort


Autor: Redaktion

Willmars, Mittwoch, 05. Januar 2022

Illegale Cannabis-Plantage in Willmars: Warum der Bürgermeister den Standort für "sehr gewagt" hält und was der Polizei-Dienststellenleiter Mellrichstadt zu dem Fund sagt.
So sieht eine Cannabis-Pflanze aus: Mehr als 1500 dieser Gewächse wurden im Dezember in einer Scheune in Willmars entdeckt.


Mit 450 000 Euro könnte der durchschnittliche Willmarser Bürger oder Bürgerin wohl einiges anfangen. Ein schickes Haus kaufen zum Beispiel oder einen schnellen Ferrari. Oder mehrmals vom schönen Streutal aus um die Welt reisen. Keine Frage, fast eine halbe Million Euro sind für den Normalbürger sehr viel Geld.

Umso mehr erstaunt es, dass kürzlich in einer Willmarser Scheune eine Cannabis-Plantage entdeckt wurde, die in etwa diese 450 000 Euro wert ist. Der große Fund hatte im kleinen Dorf und der ganzen Region für großes Aufsehen gesorgt. Eine Drogenplantage mitten im Zentrum des beschaulichen Örtchens Willmars, einem Dorf mit einigen Hundert Einwohnern, in dem gefühlt "jeder jeden kennt"? Das allein klingt schon, man kann sagen, "mutig". Erst recht, wenn man hört, was Willmars' Bürgermeister Reimund Voß zum Standort der Cannabis-Pflanzen zu berichten weiß, den er als "sehr gewagt" bezeichnet. "In der Nähe wohnen zwei Polizeibeamte, Justizvollzugsanstaltspersonal und ich als Staatsanwalt. Zudem befindet sich in direkter Nachbarschaft die ehemalige jüdische Synagoge", sagt er. Die Besitzer des Areals hätten sich offenbar nicht über das Umfeld der Scheune informiert.

Zwei Verdächtige festgenommen

"Das Haus mit Scheune wurde vor zwei Jahren verkauft. Ob die Eigentümer auch die Tatverdächtigen sind, kann ich nicht sagen." Das Polizeipräsidium Unterfranken hatte nach dem Fund berichtet, dass ein anwesender Mitarbeiter, der sich um die Pflanzen kümmerte, ebenso festgenommen wurde wie der Besitzer der Scheune. Er sei von seinem Wohnsitz in Hessen nach Bayern überstellt worden.

Reimund Voß hat beobachtet, dass sich im Haus selbst nach dem Kauf wenig tat. Offenbar sei es nicht bewohnt worden. "Wenn es da irgendwie gemuffelt hätte oder komische Gestalten ein und aus gegangen wären oder etwas in der Richtung zu mir vorgedrungen wäre, hätte ich selbstverständlich nachgeforscht." Ein "Munkeln" über mutmaßlich illegale Vorgänge in der Scheune ist auch bei Elmar Hofmann, der im Willmarser Ortsteil Filke lebt, nicht angekommen. "Sonst hätten wir natürlich schon eher mal hingeschaut", versichert der Leiter der Polizeiinspektion Mellrichstadt.

"Denn ich bin auch Polizeibeamter und nicht nur Willmarser", so Hofmann. Entdeckt wurde die riesige Cannabis-Plantage, wie berichtet, zufällig bei einer Streifenfahrt. Hofmann verweist auch darauf, dass er von den Geschehnissen zu weit weg wohnen würde und das Bayerische Landeskriminalamt die Ermittlungen übernommen habe.

So wurden sowohl der Polizei-Chef als auch der Bürgermeister von dem Fund überrascht. Wie hat Reimund Voß den Tag in Erinnerung? "Als ich dort die zehn Polizei-Autos gesehen habe, bin ich sofort auf die Ermittler zugegangen und habe gefragt, ob die Gemeinde sie unterstützen kann."

Die Freiwillige Feuerwehr half, indem sie die Stelle ausleuchtete. Außerdem schloss Voß das Rathaus samt Sanitäranlagen für die Beamten auf, die dort auch frühstücken konnten. Das Ortsoberhaupt zeigt sich dankbar für die gut vorangeschrittene Polizeiarbeit.

Durch seinen Beruf als Staatsanwalt in Meiningen ist Reimund Voß das Thema Drogen - auch wenn er nicht im Rauschgiftdezernat tätig ist - freilich nicht fremd. Die Menge der Cannabis-Pflanzen in der professionell mit zwei Räumen, Beleuchtung, Lüftung und Klimatisierung ausgestatteten Anlage in Willmars erstaunt ihn dennoch. "Das ist schon eine Hausnummer und im gewerblichen Bereich. Für die 450 000 Euro muss man lange stricken."Kristina Kunzmann