Mit neuen Ideen hatte Kevin Gerlach 2017 die Alte Brauerei an der Saalebrücke übernommen. Der 25-jährige Restaurantfachmann trat in dritter Generation mit deutscher Küche an. Aus Verbundenheit zur Familie war er 2014 aus Schladming in Österreich heimgekehrt, um in der elterlichen Gaststätte mitzuarbeiten. Das Gasthaus kennt er von klein auf. "Als Kind habe ich in der Küche schon Klöße gerollt", sagt er mit wehmütigem Blick zurück.

Zweite Wirtschaft schließt

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Das rasche Aus der Alten Brauerei war so nicht abzusehen. Binnen kurzer Zeit verliert die 900-Einwohner-Gemeinde nach Schließung des Restaurants an der Ruine die zweite Wirtschaft. Die Gründe gleichen sich. Kevin Gerlachs Mutter Irmhild bringt das existenzielle Problem auf den Punkt: "Gäste hätten wir schon, aber kein Personal."

Schon länger sei es schwer gefallen, ausreichend Mitarbeiter zu finden. Nun war gedacht, Ende Februar zu schließen, um den Betrieb für die Stammgäste angemessen ausklingen zu lassen. "Das waren immerhin 60 bis 70 Prozent unserer Kunden", sagt Irmhild Gerlach. Doch dann überschlugen sich am ersten Wochenende im Februar Ereignisse. Die Köchin sei von heute auf morgen nicht mehr zur Arbeit erschienen. Ersatz sei in der Kürze der Zeit nicht aufzutreiben gewesen. Als bittere Erfahrung beschreibt der junge Wirt, dass er etlichen bereits gebuchten Gruppen telefonisch absagen musste.

Die Personalgewinnung ist bei den Nachwuchssorgen in der Gastronomie schwierig. "Sechs Festangestellte mit zwei Köchen bräuchte es schon, um das Haus angemessen zu betreiben", schildert Gerlach das Dilemma. Drei Festangestellte samt Aushilfen wie zuletzt seien auf Dauer zu wenig. 150 Plätze drinnen und 100 Plätze im Biergarten wollen schließlich erst einmal bewirtet sein.

Um dem Mitarbeitern das Abfeiern der Überstunden von den Wochenenden zu ermöglichen, habe man die Anzahl der Ruhetage auf drei ausgedehnt. Dafür gab es auch mal dumme Sprüche. "Wohl wegen Reichtums geschlossen", musste er sich öfters anhören.

600 Essen an Weihnachten

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Mit dem Rückzug der Gerlachs endet ein Stück Dorfgeschichte. Ursprünglich wurde das Haus im Eigentum der Bad Kissinger Brauerei Wahler von Metzgermeister Gustav Schmitt betrieben, der auch schlachtete. Im einstigen Saal spielte sich Dorfleben ab. Prunksitzungen, Kirmes und Tanz brachten Gäste. Das Treiben verteilte sich auch auf einen Heu- und einen Pferdeboden, bevor Tochter Irmhild mit Anton Gerlach einstieg. Sie kauften die Immobilie Anfang der 80er-Jahre. Weil sich der Festbetrieb in die neue Mehrzweckhalle verlagerte, schufen die Wirtsleute weitere Essgruppen. Bustouristen und Bootsfahrer sorgten für Belebung am Saaleufer. Die Erfolgsgeschichte dauerte bis zum Schluss. "Weihnachten hatten wir an zwei Tagen 600 Essen á la carte", sagt Irmhild Gerlach.

Problem: Bürokratie nimmt zu

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Doch die Angst, durch einen kurzfristigen Personalausfall das Tagespensum nicht zu schaffen, schwang immer stärker mit. An der Bezahlung habe das nicht gelegen, ist Kevin Gerlach überzeugt. Schon vor der Einführung des Mindestlohnes habe man besser bezahlt. Aber die besonderen Arbeitszeiten schreckten immer häufiger ab. "Ein Gasthaus kann man eigentlich nur als Familie führen, wenn ein Koch dabei ist", sagt die Gastronomin. Dazu kämen die zeitfressenden bürokratischen Dokumentationspflichten von der Einhaltung der Kühlkette bis zum Kassenstand für das Finanzamt.

Die Abläufe zum Erhalt der Alten Brauerei über Selbstbedienung zu optimieren, sieht Kevin Gerlach nicht ein. "Ich möchte meine Gäste nicht abfertigen", wehrt er sich gegen diesen Trend. Für 350 000 Euro wird das Gebäude jetzt zum Verkauf angeboten. Es gebe schon Interessenten, denen der Charme des Hauses mit seinem Rhöner Inventar gefällt. Bei aller Betrübnis über die Schließung hatten Mutter und Sohn auch noch Grund zum Lachen. Überraschend tauchte kurz zuvor Comedian Michl Müller auf, der die Gaststätte als Kulisse für ein Video über die fränkische Heimat benutzte.

Für seine Zukunft sieht sich Kevin Gerlach wieder in Österreich als Bar-Chef in einem bekannten 5-Sterne-Hotel.