Als der Nikolaus mit mir Fußball schaute
Autor: Rudolf Gehrig
Seubrigshausen, Montag, 23. Dezember 2019
Rudolf Gehrig aus Seubrigshausen kommt dem lieben Gott ziemlich nah: Er arbeitet in Bischofsnähe in Köln bei einem katholischen TV-Sender. Zu Weihnachten hat er sich Gedanken gemacht: zur alten Heimat, Rudolf, dem Rentier und zum Fest der Feste
"Weihnachtszeit ist die schönste Zeit", pflegt ein Freund jedes Jahr um diese Zeit zu mir zu sagen, um dann einschränkend hinzuzufügen: "Es sei denn, man heißt Rudolf!" Es dauert nicht lange, dann wird entweder er selbst oder jemand, der mit uns unterwegs ist, einen alten Weihnachtsklassiker anstimmen, der von einem jungen Paarhufer aus dem hohen Norden handelt, dessen körperliche Behinderung (eine rot leuchtende Nase) sich der Weihnachtsmann zunutze macht, um eine Frontbeleuchtung für sein nicht registriertes Fluggerät zu haben. Das besungene Wesen, in der Fachwelt Rangifer tarandus genannt, hört auf den Namen "Rudolf". So wie ich. Leider.
Schon zu meiner Schulzeit in Münnerstadt war das Tragen dieses Namens keine leichte Bürde. Nicht nur zur Weihnachtszeit bekam ich mein Ständchen zu hören: "Rudolph, the red nosed reindeer..."
Einmal, ich war vom "Säuger" (also Fünftklässler und damit ganz unten in der schulinternen Nahrungskette) mittlerweile zum soliden Mittelstüfler aufgestiegen, spielte ich mit Klassenkameraden auf dem Hartplatz hinter der Schule Fußball. Ein paar Knirpse aus der fünften Klasse, unter anderem mein jüngster Bruder, wollten mitspielen.
Natürlich zeigten wir diesen Säugern, wo der Hammer hängt, wer der Chef auf dem Platz ist. Zweistellig fegten wir sie vom Platz. Gedemütigt und ehrfurchtsvoll schlichen sie von dannen. Sie waren noch nicht ganz vom Feld gegangen, als sich mein kleiner Bruder noch einmal umdrehte und fragte: "Rudolf, wann hast du heute eigentlich aus? Fahren wir nachher zusammen nach hause?"
Sofort drehte sich auch ein Klassenkamerad meines Bruders um und fragte mit einer Mischung aus Entgeisterung und Belustigung: "Moment mal, du heißt Rudolf? Wie das Rentier? Haha!" Und dann, ungeachtet der herrschenden innerschulischen Hackordnung und der soeben erlittenen fußballerischen Klatsche, baute sich dieser Frechdachs vor mir auf und trällerte mit beachtenswerter Todesverachtung: "Rudolf, das kleine Reeeeentier!"
Der geneigte Zeitungsleser sei an dieser Stelle beruhigt: Mein Namenstrauma ist überwunden. Als ich vor Jahren von Seubrigshausen nach Köln gezogen bin, in die Hauptstadt des Karneval, wurden derlei Scherze selbstverständlich nicht weniger.
Ein Kollege aus meinem Fußballverein besucht jedes Jahr meine Nachbarn, um als Nikolaus verkleidet den Kindern eine Freude zu machen. Vor wenigen Wochen war es wieder soweit. Er kam bei mir vorbei, um sich umzuziehen. Doch bevor er seinen Pflichten als Nikolaus nachkam, wollte er auf meinem Sofa wenigstens noch ein paar Minuten vom Bundesliga-Spiel der Bayern gegen Gladbach sehen. So saß er da, in voller Montur, den Bischofstab auf dem Boden abgelegt, und verfolgte gebannt die Niederlage der Bayern. "Was ist, wenn die Nachbarskinder jetzt reinschauen und den Nikolaus so sehen", fragte ich ihn belustigt. "Ach", antwortete er, während sein Blick weiterhin starr auf den Fernseher gerichtet blieb, "dann sehen sie, dass der Nikolaus auch nur ein Mensch ist."