Jetzt ist auch die Kissinger Klangwerkstatt 2018 schon wieder Geschichte. Aber mit einem wirklich guten Gefühl. Denn das, was man in diesem Jahr an Neuem gehört hat - es gab immerhin sieben Uraufführungen! - wird vermutlich bleiben, wird nicht nur bei der LiederWerkstatt kurz aufgeleuchtet haben und dann wieder verglühen. Obwohl man sich bei dem einen oder anderen neuen Werk angesichts enormer Schwierigkeit oder Kompliziertheit schon fragte, wer das außer denen, die sich die Lieder jetzt mit den Komponisten erarbeiten konnten, überhaupt einmal wird singen können. Aber da hat man schon viele positive Überraschungen erlebt. Vieles aus der LiederWerkstatt ist inzwischen zum modernen Klassiker geworden.
Werkstattleiter Axel Bauni konnte sich schon im Vorfeld entspannt an die Arbeit machen - und diese Entspannung auch an seine Kollegen weitergeben. Denn zum ersten Mal wurden die Kompositionsaufträge von der Anton und Kathariana Schick Stiftung, Bad Kissingen, finanziert, und das soll auch erst einmal so weitergehen, so dass Planungssicherheit gegeben ist. Schließlich ist die LiederWerkstatt ein absolutes Alleinstellungsmerkmal des Kissinger Sommers und der Stadt, das international wirklich wahrgenommen wird. Kopien sind meistens im Ansatz stecken geblieben.

Bei den Interpreten hat sich in den letzten Jahren eine Kerntruppe herausgebildet: bei den Pianisten neben Axel Bauni und Jan Philip Schulze noch Steffen Schleiermacher, der auch als Komponist jetzt zum zweiten Mal dabei war. In der Sängergruppe ist die Sopranistin Caroline Melzer der "durchlaufende Posten" geworden. Mit ihrer Stimmsicherheit und ihrem souveränen Umgang mit der Vokalmusik der Gegenwart hat sie sich für die LiederWerkstatt unverzichtbar gemacht. Dazu kamen drei junge Leute: die Mezzosopranistin Florence Losseau, der Tenor Florian Habermann und der Bariton André Baleiro, drei Stimmen, auf die man sich bei jedem Lied freuen konnte.


Tanz in allen Facetten

"Tanz" war in diesem Jahr das vorgegebene Thema - nicht ungeschickt, weil sich dazu auch für das Rahmenprogramm enorm viel anbot. Und so offen wie das Thema waren auch die Uraufführungen, bei denen man den Eindruck hatte, dass sich die Bewegung der Musik hin zum Publikum weiter fortgesetzt hat, auch wenn Tanz keineswegs nur gleichbedeutend ist mit Walzer. Der Italiener Luca Lombardi hatte das Gedicht von C. F. Delius von dem Indianerhäuptling gewählt, der eine Frankfurter Einkaufspassage einweiht, und mit einer harten, pulsierenden Musik unterlegt, die das absurd Folkloristische ebenso deutlich machte wie die aufsteigende Furcht vor dem Fremden. Annette Schlünz hatte unter dem Titel "Einsamkeits-Variationen" geradezu bestürzend einen inneren Monolog des "Fräulein Else" von Arthur Schnitzler vertont, in dem die Musik den Text immer stärker umklammert und in die erschöpfte Hysterie treibt. Der Este Jüri Reinvere hatte auf zwei eigene Texte und einen von Sylvia Plath zugegriffen, drei Spielarten von Traum- oder traumatischen Assoziationen und zu hochdramatischen Nocturnes von unmittelbarer Wirkung verarbeitet.


Plötzlich sprach der Dichter

Im zweiten Konzert, das vom BR aufgezeichnet wurde, eröffnete Steffen Schleiermacher den Reigen des Neuen mit vier Vertonungen des 2007 gestorbenen Schriftstellers und Lyrikers Wolfgang Hilbig, starke, assoziative Innensichten, die durchaus auch Kindheitserinnerungen wecken können wie in "das unbewohnte Haus". Schleiermacher schaffte es, durch eine Verschlankung der Klavierstimme die Texte in den Vordergrund zu rücken, was natürlich besonders gut bei dem spärlich instrumentierten "trauer. braun und blau" gelang. Da ließ er den Text, von Wolfgang Hilbig gelesen, leise wie ein Echo im Hintergrund mitlaufen - eine anrührende Hommage. Manfred Trojahn zog das Deftige vor: Baudelaires "Danse macabre" aus seinen "Fleurs du mal" machte er zu einer höchst doppelbödigen, ironischen Kabarettszene, die am Ende aus einem taumeligen Walzer in einen krachenden Cancan gerät.


Wie das Blut im Körper tropft

Fabien Lévy hatte sich einen Text von Else Lasker-Schüler ausgesucht: nach ihrem Gedicht "Mein Liebeslied" war er unter dem Titel "Murmelt mein Blut" der Frage nachgegangen, wie das Blut im Körper klingen mag, wenn man verliebt ist. Er fand die Lösung, die musikalisch hoch spannend, aber biologisch sicher nicht korrekt ist: Er ließ das Blut den aufwallenden Text sozusagen tropfenweise kommentieren, mit ungemein wandlungsfähigen Farben und Rhythmen der Verdichtung und Beschleunigung. Dass der Schweizer Michal Pelzel ausgerechnet auf die Gedichte von Ernst Jandl kam, erstaunt nicht, denn er ist selber einer. Es ist beklemmend und amüsant gleichzeitig zu hören, wie er die Texte in kleinste Teile zerlegt und zum Teil nur buchstabenweise zwischen die Musik schiebt. Das ist technisch außerordentlich schwierig (Kompliment an André Baleiro und Axel Bauni), aber enger können Musik und Text eigentlich nicht mehr zusammenrücken.
Die Auswahl der die Uraufführung begleitenden Lieder aus dem vorhandenen Repertoire war extrem facettenreich und unterhaltsam. Man kann Axel Bauni das Extrakompliment für die Programmzusammenstellung nicht ersparen. Von Schubert und Mendelssohn bis Rihm und Killmayer, von Tschaikowsky und Arenski bis Villa-Lobos und Guastavino, von Hindemith und Zemlinsky bis Saint-Saëns, Roussel und Messiaen, von Albtraum bis hochfliegender Unbeschwertheit reichte das Spektrum - mit vielen Liedern, die man noch nie gehört hatte und die alle die Musik zum Tanzen brachten .


Ende im köstlichen Chaos

Irgendwann in den Vorbereitungen muss die gute Laune das Werkstattteam überwältigt haben: Der Schluss mit allen Beteiligten war eine köstliche Collage aus Gioacchino Rossinis "La danza", Luciano Berios "Un ballo", John Cages "Song Books" und Liebesliederwalzern von Johannes Brahms. Als auch die Pianisten zu singen begannen, naja, zu sprechsingen, und Steffen Schleiermacher plötzlich den von Brahms besungenen Vogel in Form einer schnatternden Aufziehente aus der Garderobe holte und wie den Uefa-Pokal im Triumph auf die Bühne trug, da fühlte man sich angekommen bei André Breton und seinem Surrealistenclub im Paris der 1920er Jahre. Wann kann man bei einem Konzert schon einmal laut lachen?