Frau Kriegbaum-Hauguth (Angela Koschel- de la Croix) wollte es auf den Punkt bringen. Im typischen Abteilungsleiterdeutsch fordert sie das finale Ende dieser "unwürdigen" Gaukelei im Hause Schwandt. Die Dramaturgie wollte dem - noch - nicht folgen.
"Und ewig rauschen die Gelder" umschreibt im deutschen Titel blümchenhaft die Story, um die es dem Autor Michael Cooney wirklich geht, der es in seiner Muttersprache "Cash on Delivery" nennt, also "Kohle einsacken" oder so ähnlich. Die Komödie lebt vom Betrug, es ist der Inhalt und zugleich die Leere, da wir als gute Staatsbürger wissen, dass es kein Recht im Unrecht gibt.
Nach dem Faktencheck werden mit freundlicher Unterstützung eines hervorragend agierenden Schauspielerteams die Lücken in der Fantasie gefüllt, bei der die Schadenfreude nicht zu kurz kommt. Das Fränkische Theater Maßbach liefert mit ihrem neuesten Stück vielleicht den Hammer der Saison ab.


Die anderen sind schuld

Kommt der erste Lacher im Publikum bereits vor der ersten Silbe des Sozialhilfeempfängers Schwandt oder erst kurz danach. Eigentlich egal, ein Karussell beginnt sich zu drehen, nicht besonders langsam, sondern von Beginn an mit Dialogen, die in jedem Satzende eine dramatisch-komödiantische Wendung parat hat. Georg Schmiechen hat die Rolle wohl jahrelang gelebt, so glaubhaft ist sein Spiel bis zur letzten Minute. Der treu sorgende Ehemann, dessen Liebe zu seiner Linde (Susanne Pfeiffer) nicht verhindert, den Schicksalsschlag der Arbeitslosigkeit rechtzeitig zu offenbaren und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Und weil ja immer die Anderen schuld sind und übrigens die Sozialbehörde mit ihren komischen, zweideutigen Fragebögen Alternativen zulässt, nämlich "Ja" oder "Nein" anzukreuzen und sich damit für "Schein" oder "Sein" zu entscheiden.
Ok! Es ist eine Beziehungstat und Erich lernt dabei ständig dazu. Der Findergeist braucht irgendwann neue Identitäten, denn die Sorge um sich reicht bei den bescheidenen Sozialhilfesätzen bei Weitem nicht aus. Auf dem Papier finden sich immer neue Personen, aus Erich wird Georg oder Norbert, Schicksale nahe stehender Personen werden fürs Amt geschönt und in eine passende Reihenfolge gebracht. Zwei Jahre schafft Erich die Verwandlungen mit immer größerem Aufwand, selbst ein Nebenerwerb, den er zusammen mit Onkel Horst (Eike Domroes) aufzieht, scheint erfolgreich zu sein. Es mussten unsäglich viele Ausreden herhalten, alleine um sich am Morgen von Linde zu verabschieden, denn Cooney hatte in seinem Skript noch keinen Platz für ein Handy, Erich benötigt das häusliche Telefon, um Leistungen zu fordern aber auch mal geschickt abzumelden, damit kein Verdacht entstehen konnte.
Weil Papier geduldig ist und jede Akte die Bibel einer Behörde, welche in derselben spätestens ab einer gewissen Stärke auch mal auf den Wahrheitsgehalt überprüft wird, nimmt das Unglück in der Person eines Außenprüfers seinen Lauf, der sich als Dieter Jäger (Marc Marchand) vorstellt und wenn er nun schon mal in der Parkstraße 8 Einlass gefunden hat, natürlich bleibt. Sehr zum Unbehagen Erichs, der nun gefordert ist, die erfundenen Personen zum Leben zu erwecken. Glücklicherweise gibt es da den Untermieter Norbert Bernhard (Benjamin Jorns), dem Erich in der Vergangenheit fürs Amt unterschiedliche Biografien und Schicksalsschläge verpasst hatte und den er jetzt in höchster Not in sein Geheimnis einweihen muss. Die moralische Entrüstung Norberts hält nicht lange an, denn zu sehr sind beide durch Geben und Nehmen aufeinander angewiesen.


Leben, Liebe, Leid

Georg Schmiechen und Benjamin Jorns sind die kongeniale Achse dieses Stückes. Sie schrauben in ihrer Situationskomik die Aussagen zwischen Notstand, Moral und Lösung zu einem an sich besinnungslosen Ganzen. Das geht alles so schnell, dass man oft nicht weiß, gehört der Lacher zur letzten Pointe oder wird bereits die neue gewürdigt.
Die zwei sehr unterhaltsamen Stunden zeigen Leben, Liebe, Freud, Leid und Tod, Eitelkeiten und Hilflosigkeit in ganz verschiedenen Zusammenhängen. Sozialbetrug macht normalerweise pflichtbewusste Bürger sprachlos, Außendienstprüfer Dieter Jäger ".. versteht das nicht" und Erich Schwendt meint lakonisch dazu: "Willkommen im Club".


Ausgiebige Schadenfreude

Wie weit sich jedoch die eigene Not mit Pflichterfüllung noch kompensieren lässt, können die Besucher mit ausgiebiger Schadenfreude beklatschen. Denn im Theater werden Lösungen angeboten, da freut sich Erich über die 30 000, die er dem Amt, dank seiner abenteuerlichen Geschichten entlocken konnte. Und weil Erich selbst einen Todesfall zur Verschleierung seiner Identität melden musste, taucht natürlich Frau Schmuttameier (Anna Schindlbeck) von der Familienfürsorge auf. Sie soll den Lebenden den Abschied vom geliebten Abgelebten erleichtern. Nur blöd, dass es - außer in der Sozialfantasie - keinen gibt, dem man letzten Beistand leisten könnte. Mit Onkel Horst, der Krankenpfleger und Unternehmer für schlüpfrige Utensilien im Nebenerwerb ist, findet sich die Figur, die als Scheintoter in greller Unterwäsche gut ankommt. Spätestens hier fällt auf, wie gut sich das Bühnenbild mit den gespielten Rollen darin verbindet. Es sind nicht nur die Türen, die Treppe, der versteckte Wandschrank, dessen akustisches Knarren lustigerweise noch weit über die Bewegung hinaus wirkte. Es sind die Farben, das leichte Grün der Kulisse und die kräftigen Farben der Kostüme (Jutta Reinhard), die dieser Inszenierung von Christian Schidlowski und Sebastian Worch einen für das Auge wohltuenden Stempel aufdrücken.


Linde beim Beziehungs-Coach

Es sind die Ebenen, auf denen die Komödie ihre Wirkung entfalten kann. Erich und Norbert, der sich auch mal Wolfi nennen lassen muss, haben eine kleine Verschnaufpause, wenn Erichs geliebte Ehefrau Linde mit dem Beziehungs-Coach Dr. Blatterbeck (Wini Gropper) das Gefühl von Unsicherheit im Verhältnis zu ihrem Mann, der scheinbar in seiner Arbeitsstelle bei den Stadtwerken nicht glücklich ist, erörtern möchte.
Beim Aufeinanderprallen von Analysen darf man sich aussuchen, wer denn am Ende der hilflosere ist, der Doktor oder der Sozialhilfeempfänger. Kann nun Frau Kriegbaum-Hauguth, die Chefin des armen Dieter Jäger die umfangreiche Akte des Herrn Erich Schwandt zu Gunsten der Behörde auslegen? Sie kann!