Ferdinand und Isabella sind sehr glückliche Graugänse, denn sie haben die große Chance, 15 bis 20 Jahre alt zu werden, anstatt wie ihre Schwestern und Brüder in der Bratröhre zu landen. Dieses Alter erreichen Gänse problemlos, wenn sie artgerecht gehalten und nicht vorher als Festtagsbraten geschlachtet und verspeist werden. Vor zwei Jahren zogen sie von Bad Bocklet, wo sie keinen Platz mehr hatten, zu Ludwig Kiesel nach Rannungen um. Und der betont immer wieder "das sind Festumzugs-Gänse, die werden nicht geschlachtet".

Lebende Rasenmäher

Dafür "arbeiten" Ferdinand und Isabella das Jahr über als "lebende Rasenmäher" auf einer großen, selbstverständlich umzäunten Wiese am Talweg in Rannungen. Sie führen dort ein recht beschauliches und sorgenfreies Leben. Aber dreimal im Jahr absolvieren sie einen großen Auftritt beim Heimatspiel-Umzug in Münnerstadt vom Oberen Tor zum Festplatz vor dem Heimatspiel-Haus.

Neugieriger Dackelblick

In einem kleinen Handwagen mit einem geschlossenen Weidenkorb darauf zieht Ludwig Kiesel die beiden Gänse an den Zuschauern vorbei durch die Straße. Nicht vergessen werden darf die Dackel-Dame Dana. Sie darf es sich in einem weiteren, gut gepolsterten Weidenkorb (auch Kiepe genannt) bequem machen und wird von Ludwig Kiesel den ganzen Umzugsweg auf dem Rücken getragen. Neugierig und verschmitzt, aber immer sehr ruhig schaut sie dabei aus luftiger Höhe (jedenfalls für einen Dackel) in die Runde.

Beliebte Fotomotive

Wenn Ludwig Kiesel mit den tierischen Stars Ferdinand, Isabella und Dana vorbeigeht, dann haben besonders die Kinder ihren Spaß und die Kameraverschlüsse klicken. Welcher Fotograf am Straßenrand will sich so einen netten Schnappschuss entgehen lassen? Sie stehlen ganz eindeutig den Pferdegespannen und auch vielen Menschengruppen die Schau.

Der 75-jährige Ludwig Kiesel und seine Frau sind mit Münnerstadt und dem Heimatspiel schon sehr lange verbunden. Er war ehrenamtlich beim Bayerischen Roten Kreuz auf der Rettungswache und einige Zeit als Hausmeister im Kindergarten tätig. Als für das Heimatspiel neue Mitspieler gesucht wurden, meldete sie sich und kam zu den Rosenkranzfrauen, wo sie heute noch, nach fast 30 Jahren, mit dabei ist und im Umzug vom Oberen Tor zum Anger mitmarschiert. Ihr Mann kam erst ein Jahr später dazu, animiert von einem Kollegen in der Rettungswache. Von Anfang an war er mit Gänsen und einem Dackel dabei und wurde gleich zur großen Attraktion und zum Fotostar.

Nicht nur die beiden Gänse und der Dackel fühlen sich bei Familie Kiesel gut aufgehoben. Ungefähr drei Jahre lang war Eichhörnchen Axel der Hauskobold. Das kleine Tierchen war in einem Wald aus dem Nest gefallen und wurde bei der Familie großgezogen. Sogar zwei Bussarde, sie heißen Arco und Helena, leben auf dem Grundstück in einer Voliere. Beide sind flügellahm und kamen verletzt zur Familie Kiesel, wo sie wieder aufgepäppelt wurden. Aber in die Freiheit können beide nicht mehr entlassen werden.

"Wir geben unseren Tieren alle Namen und damit gehören sie dann zur Familie", erzählt Ludwig Kiesel. Schließlich leben hier auch Hühner, Enten gibt es zurzeit gerade keine. Die Chefs auf dem Hof sind allerdings immer noch die Gänse Ferdinand und Isabella. Das muss auch Dackel Dana respektieren. "Bei uns haben die Gänse das ewige Leben", verspricht Ludwig Kiesel, "bis sie halt an Altersschwäche sterben". Er selbst ist noch fit genug, um auch mit 75 Jahren noch jeden Morgen die Tageszeitung auszutragen.