Wenn sich der Nikolaus wegen des Ansturms begeisterter Kinder keinen Meter bewegen kann, man seine wundgeshoppten Finger an der ersten Tasse Glühwein wärmt und sich die Mürschter bis spät in die Nacht mit Freunden und Nachbarn im Schlosshof unterhalten, hat Weihnachten in der Lauerstadt offiziell begonnen. 4000 Besucher lockten das Deutschordensschloss und das Heimatspielhaus, die Zahlen steigen - wenn es nicht regnet - stetig. In 14 Jahren hat sich "Weihnachten im Schloss" mit dem Kunsthandwerkermarkt zur zweitgrößten Münnerstädter Veranstaltung entwickelt.
"Man muss nur ausdauernd und beständig sein, dann wird der Weihnachtsmarkt immer voller und voller", honoriert Bürgermeister Helmut Blank (CSU), der zusammen mit dem Münnerstädter Engelchen und dem Kinder- und Jugendchor der Liedertafel den Weihnachtsmarkt am Samstagmittag eröffnete, den Einsatz der Organisatoren vom Altstadtverein. Welches Geheimnis steckt hinter dem Erfolg?
Magda Michel und Carmen Schlott haben die Idee von "Weihnachten im Schloss" 2002 mit erschaffen. "Wir waren immer auf den Weihnachtsmärkten in Städten wie Bamberg oder Erlangen unterwegs, da gibt es keine Industrieware", erklärt Magda Michel. "Das wollten wir auch in Mürscht, darauf setzen wir."


Nichts von der Stange

Dass in Münnerstadt Handgemachtes und Künstlerisches im Vordergrund steht, ist inzwischen bekannt. "Ich komme gerne, weil hier auf das Kunsthandwerk wert gelegt wird und nichts von der Stange kommt", sagt Heike Kallenbach. Sie hat die 90 Kilometer lange Reise aus Bad Liebenstein im Thüringer Wald auf sich genommen, um in Münnerstadt ihre selbst gemachten Schals, Pullover und Ponchos aus Garn auszustellen. Viel Zeit hat sie nicht, denn schon stauen sich die Besucher vor ihrem Stand im Heimatspielhaus.
Individuelles Handwerk ist aber nur ein Grund, warum Münnerstadt in den Augen vieler Händler und Besucher aus den Weihnachtsmärkten der Region heraussticht. "Wir kennen hier schon die halbe Stadt, obwohl wir erst zum dritten Mal hier sind", sagen Daniela Koenig und Marco Schmitt. Die beiden kommen aus Brendlorenzen und haben eine Holzhütte im Schlosshof ergattert - mittendrin und komplett in Weiß. Weiße Christbaumkugeln, weiße Adventskränze, weißes Lametta. Für sie liegt der Zauber von "Weihnachten im Schloss" in der familiären Atmosphäre und darin, dass kaum ein Weihnachtsmarkt ein passenderes Ambiente als Schloss und Heimatspielhaus zu bieten hat. "Es sieht einfach klasse aus", schwärmt Daniela und Marco ergänzt: Es sei einfach kein "Fress- und Saufmarkt", wie man ihn sonst oft in der Umgebung fände.


Nikolaus steckt fest

Und damit sind sie nicht allein: Hunderte strömen an den Nachmittagen in die Altstadt. Im Erdgeschoss des Schlosses und im Heimatspielhaus wird es eng. Der Nikolaus wurde gestellt kaum das er einen Schritt aus dem Himmelspostamt gemacht hat und kommt keinen Meter weiter, drinnen stapeln sich Berge von Wunschzetteln. Stadtkapelle, Musikschule, die Liedertafel und das Duo Bruderherz sorgen für entspannte Stimmung bei den ersten Glühweintrinkern und Bratwurstbrötchenessern, die die Shoppingtour bereits erfolgreich abgeschlossen haben.
Am Sonntag herrschte zudem Marktreiben rund um das Rathaus, der Benefizflohmarkt des Heimatspielhauses und der Mürschter Trödelmarkt komplettierten das vorweihnachtliche Angebot.
Ein paar Schritte vom Trubel im Schlosshof entfernt stehen Claudia und Gisela Kind. Vor ihnen türmen sich kunstvolle Gestecke, bunte Kränze und kleine weiße Weihnachtsbäume. "Es wird viel geguckt", erklärt Claudia Kind. "Die Leute freuen sich, dass es schön dekoriert ist und dass sie die Stimmung mit nach Hause nehmen können." Zusammen mit Bärbel Will mit ihren bemalten Schlittschuhen und Resi Hanshans, die selbst gemachte Aufstriche für die Weihnachtszeit anbietet, haben sie die kleine Nische vor dem Museumseingang entdeckt. "Der Platz ist wunderschön, wir genießen und schätzen das sehr", freut sich Claudia Kind.
Inzwischen ist es dunkel geworden. Gelächter und angeregte Unterhaltungen dringen aus dem großen Schlosstor nach draußen. Dort versammeln sich gerade die kleinen Besucher, um zum Taschenlampenumzug aufzubrechen - nicht ohne vorher den Süßigkeiten-Vorrat beim Nikolaus aufgetankt zu haben. Drinnen legen sich Lucky´s Good Stuff (Samstag) und Whistling to the Bird (Sonntag) ins Zeug, die Folk- und Rockklassiker der 60er und 70er Jahre hallen von den Mauern wider. Der Schlosshof ist voll wie zu keiner anderen Zeit im Jahr.


Qualität komprimieren

Während sich viele Weihnachtsmärkte über Wochen ziehen, ist "Weihnachten im Schloss" nach zwei Tagen schon wieder zu Ende. Neben personellen Aufwand - an den Marktwochenenden sind 60 Ehrenamtliche im Einsatz - hat das noch einen anderen Grund: Man könne so die Qualität auf zwei Tagen komprimieren, erklärt Mitorganisator und Altstadtverein-Vorsitzender Oliver Schikora. "Es hat sich rumgesprochen, dass wir keinen Sauf- und Fressmarkt machen, sondern einen Kunsthandwerkermarkt." Das Ambiente mache das Ganze noch attraktiver. "Zudem bieten wir im Winter Open-Air-Konzerte, die hat sonst niemand", so Schikora.
Eine Aufgabe, die nur ein großes Team bewältigen kann. "Wir freuen uns wirklich, wie groß die Zusammenarbeit der Mürschter Vereine ist", sagt Oliver Schikora glücklich. "Das bringt jedem was und keiner nimmt sich was." Auch das Miteinander mit Stadt und Kultourismus "funktioniert reibungslos". Zum ersten Mal wurde am Wochenende der Hof des Heimatspielhauses eingebunden. Dort haben das Netzwerk für soziale Dienste und die Schüler des Gymnasiums mit ihren Ständen einen Platz gefunden.
Obwohl es mehr Anfragen als Ausstellerplätze gibt, soll die Fläche nach der Einbindung des Heimatspielhaushofes nicht erweitert werden. "Bei einem dritten Standort funktioniert es mit dem Eintritt nicht mehr", so Oliver Schikora. Und den brauchen die Organisatoren: Damit werden die Unkosten gedeckt, die Verkaufserlöse werden dann an Münnerstädter Einrichtungen und Projekte gespendet. "Das ist ein Markt von Münnerstädtern für Münnerstädter, deswegen soll das Geld auch hier bleiben", erklärt Schikora. "Wir gehen auf insgesamt 20 000 Euro Spenden zu."


Zufrieden mit Besuch

Auch bei Kultourismus sorgte das Wochenende für ein zufriedenes Lächeln in den Gesichtern. "Ich bin ein Fan vom Weihnachtsmarkt", strahlt Kultourismus-Chefin Inge Bulheller. "Ich bin immer wieder sehr zufrieden, wenn der Hof voll ist." Neben der Ausstellung "Funkelnde Zierde" im Museum bot sie mit ihrem Team Getränke an, die nicht im Schlosshof zu finden waren. "Wir wollen den Vereinen ja keine Konkurrenz machen", sagt Inge Bulheller.