Druckartikel: Mit der Maske durch das Käfiglabyrinth

Mit der Maske durch das Käfiglabyrinth


Autor: Johannes Schlereth

Oberthulba, Freitag, 25. Mai 2018

Körperliche Höchstleistungen unter enormen Stress vollbringen - Atemschutzgeräteträger müssen nicht nur körperlich fit sein.
Mit der Go-Pro auf dem Helm in die Atemschutzstrecke: Unser Redaktionsmitglied Johannes Schlereth beim Anlegen des Schutzanzuges.Detlef Maag


Klare Worte fand Kreisfeuerwehrarzt Dr. Ewald Schlereth. Er kritisierte, dass die Atemschutzgeräteträger nicht mehr fit sind. Nahezu jeder fünfte Teilnehmer der notwendigen Untersuchung fällt bedingt durch mangelnde Fitness durch.
Aber wozu muss ein Atemschutzgeräteträger eigentlich körperlich in der Lage sein? Das hat Redaktionsmitglied Johannes Schlereth, selbst Mitglied einer freiwilligen Feuerwehr, im Selbstversuch getestet.

Auf den Gängen ruhen sich verschwitzte und ausgepowerte Feuerwehrleute aus. Neben den Türen stehen Schilder mit Aufschriften wie "Folterkammer". Schließlich finde ich meinen Ansprechpartner Detlef Maag. Der 44-Jährige ist als Kreisbrandmeister im Landkreis Rhön-Grabfeld für den Atemschutz zuständig. Zügig führt er mich an den einzelnen Elementen - zunächst noch im Neonlicht - vorbei. "Später ist alles dunkel", erklärt er. Ich versuche mir daher die einzelnen Strukturen einzuprägen. Gitterboxen, knapp einen Meter hoch, Auf- und Abstiege, Röhren und Luken stechen mir ins Auge. Gitterstäbe versperren mir die Sicht. Es fällt mir schwer, einen Weg durch das Labyrinth zu finden.
Was wenn der Sauerstoff nicht reicht? Was wenn ich hängen bleibe? Maag scheint meine Skepsis bemerkt zu haben, denn als nächstes zeigt er mir den Atemschutzüberwachungsraum. Schaltschränke und Dienstanweisungen hängen an den Wänden. Das Überwachungspaneel könnte optisch schon bei der Mondlandung in den 60ern eingesetzt worden sein. Auf Röhrenbildschirmen flimmern schwarz weiße live-Bilder der einzelnen Streckenabschnitte vor sich hin.

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Der Feuerwehrschutzanzug ist schwer. Jetzt kommen noch die Pressluftflaschen dazu. Detlef Maag wartet bereits an einem Tisch mit Tragegestellen. Daran sind die Pressluftflaschen befestigt. "Das setzt du auf wie einen Rucksack", klärt er mich auf. Und tatsächlich tragen sich die Flaschen wie ein großer sperriger Wanderrucksack - mit viel Gewicht. Allein der Pressluftatmer wiegt rund 16 Kilogramm. Im Einsatz kämen noch Ausrüstungstücke wie ein Hakengurt, ein Feuerwehrbeil oder die Rettungsleine hinzu. Maag reicht mir eine Atemschutzmaske. Ich nestele an den Riemen der Maske, fühle, wie sich die Gummidichtung an mein Gesicht presst. Das Einatmen fällt mir schwer. Nach dem Gerätetest schließt Maag den Lungenautomaten an die Maske an. Es ist eine Erleichterung, endlich wieder normal atmen zu können. Helm aufsetzen, Handschuhe anziehen - fertig.

Maag weist mich mit der Hand in Richtung "Folterkammer". Auf den ersten Blick ist keine Streckbank zu sehen. Stattdessen befinden sich ein Laufband und eine Endlosleiter im kahlen Raum. Der 44-Jährige erklärt mir das Prinzip: "Die Atemschutzträger müssen hier 80 Kilojoule Arbeit verrichten, zuerst gehts auf die Endlosleiter, dann aufs Laufband." Dies diene der Übung bestimmter Bewegungen in voller Montur.

 


Beim Emporkraxeln der Leiter rauschen Wissensreste aus dem Physikunterricht durch meinen Kopf, weil ich versuche, die 80 Kilojoule einzuordnen. Das zusätzliche Gewicht verbunden mit dem nicht gerade sportlichen Schnitt des Feuerwehrschutzanzugs macht das Klettern nicht einfacher. Nach einer schieren Endlosigkeit stoppt die Leiter. Ich atme tief durch den Lungenautomaten ein und aus. "Fertig?" fragt Maag, als er letzte Einstellungen am Laufband vornimmt. Langsam läuft das Band an und nimmt Tempo auf. Mein Mund wird unangenehm trocken: Trinken mit der Maske ist nicht. Endlich ruft der Kreisbrandmeister "Absteigen". Meine 80 Kilojoule Leistung in voller Montur sind geleistet - ich bin erschöpft, aber bereit für die Strecke.

Auf die Strecke geht es immer im Zweierteam, daher begleitet mich Luis Bauer als Partner. Der 19-Jährige ist bereits erfahrener Atemschutzgeräteträger, der in Anwesenheit eines Ausbilders auch schon die Überwachung übernehmen darf.
Luis knipst seine Helmlampe an, als Maag die Türe öffnet - nur der Kegel der Lampe wirft einen fahlen Schein auf die Gitterboxen. Gleich zu Beginn der Strecke wartet die erste Herausforderung auf uns: Fingerspitzengefühl ist gefragt, als wir mit Handschuhen Schrauben öffnen und schließen müssen. Es geht weiter, immer wieder begleitet von einem metallischen Klingen in den Ohren - meine Pressluftflasche bleibt häufig an der niedrigen Käfigdecke hängen. Luis kriecht zügig voran, wie eine Schlange gleitet er durch das Labyrinth aus Metallgeflecht.

 


Bei den ersten Aufstiegen in den nächsthöheren Käfig bleibt meine Flasche wieder an der Lukenfassung hängen. Ich drehe mich, drücke meine Arme nach oben, quetsche mich durch die Öffnung. Sofort geht es auf den Knien und Ellenbogen gleich wieder ein Stockwerk tiefer in die Käfigebene unter uns. Die Rampe läuft diagonal durch den Käfig. Durch die freie Fläche müssen wir ins nächste Paneel weiter. Erneut ein metallisches Klingen: hängengeblieben.

Ich werfe einen Blick auf mein Manometer, um den Luftstand zu kontrollieren. Von ursprünglich 300 Bar sind bereits mehr als die Hälfte verbraucht. Wie lange geht es wohl noch durch die Käfige? Auf der Strecke herrscht Stille - nur der eigene Atem ist zu hören. Das Zeitgefühl habe ich längst verloren. Schließlich eine neue Luke. Luis kriecht hindurch, ich folge ihm. Wärme dringt durch den Schutzanzug. Aus einem Heizstrahler glüht es mir orange entgegen. Im Licht zeichnen sich die Gitterstäbe deutlich ab. Ich fühle mich wie in einem gigantischem Toaster.

Es geht weiter zu einer Röhre: die Länge offenbart sich erst, als Luis hineingerobbt ist. Im Licht seiner Helmlampe schätze ich sie auf 2,5 Meter. Als er auf der anderen Seite ist, krieche ich hinterher. Meine Arme sind auf meine Brust gepresst, als ich mit Wellenbewegungen durch die 80 Zentimeter dicke Röhre vorwärts robbe. Beim Ausstieg werfe ich einen Blick aufs Manometer: 50 Bar Restdruck bleiben mir noch.

 


Ich rufe nach Louis. Meine Stimme hört sich wie die des Star-Wars Schurken Darth-Vaders an. "Wir schauen, dass wir fertig werden", ruft Luis zurück, als mein Pressluftatmer als Warnzeichen bereits zu Pfeifen beginnt. Schließlich Licht am Ende des Tunnels: Detlef Maag hat bereits die Türe geöffnet.

Ich robbe aus dem Käfig richte mich auf und schwanke auf den Gang. Schweißgebadet reiße ich die Maske mit einem Ploppen vom Gesicht. Maag ermahnt mich, gleich die Jacke zu öffnen und reicht mir eine Flasche Wasser. Luis wirft einen Blick auf sein Manometer, er hätte noch genug Luft für die letzte Station, den Suchraum gehabt. Hier hätten wir eine vermisste Person finden und evakuieren müssen.
Nach einer Weile beruhigen sich Puls und Atmung wieder.
Ich kann Dr. Schlereth jetzt verstehen, als Atemschutzgeräteträger bedarf es einer enormen körperlichen Fitness.