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Luftgewehrschüsse: Mit blauem Arm davongekommen


Autor: Ellen Mützel

Motten, Freitag, 15. April 2022

Eigentlich wollte Beate Rau einen ruhigen Urlaub auf dem Campingplatz verbringen. Doch ein Luftgewehrschütze zielte auf sie und drückte ab.
Neben den Sanitäranlagen stand Beate Rau am Spülbecken des Campingplatzes Rhönperle in Kothen. Ein Schuss verpasste ihr einen blauen Fleck am Arm und eine Wunde am Hals.


Es ist Donnerstagabend, Beate Rau steht am Kothener Campingplatz „Rhönperle“ am Spülbecken, die Grillkohle glüht, gleich soll es Essen geben. Auf einmal pfitzt es an ihrem Hals. Sie ist verwundert, schaut sich um. Was könnte das gewesen sein? „Ich bin erst mal erschrocken“, berichtet die 62-Jährige. 

„Dann hab ich nach oben geschaut, ob von da was kam.“ Aber: nichts. Es habe ein wenig geblutet. Dann entdeckte sie eine kleine Bleikugel im Waschbecken, eine Art Kegel mit Spitze.  Sie legte sie auf die Seite und machte weiter.

„Dann wurde es mir aber mulmig"

Als Beate Rau bereits am Abtrocknen ist, pfitzt es wieder – diesmal am Arm. „Dann wurde es mir aber mulmig“, berichtet sie. Sie rief ihren Urlaubspartner dazu, mit dem sie eine zweite Kugel fand. Später stellt sich heraus, dass diese Patronen zu einem Diabolo-Luftgewehr gehören. 

Er, Hans-Detlef Lipp, kommt aus Glückstadt, Hamburg; sie aus Sigmaringen. Die beiden kennen sich gut einen Monat und trafen sich in der Mitte beider Heimatorte, um sich auch mal in echt zu sehen – zuvor sahen sie sich nur auf Skype. Doch nun wurde ihr Kennenlernurlaub zu einem kleinen Abenteuer. Nur, dass es sich in diesem Moment nicht so locker anfühlte, wie sie danach davon berichten können. 

Rau weiß: Sie hatte Glück im Unglück. „Man überlegt erst im Nachhinein, was alles hätte passieren können. Die Stelle ist ja direkt neben der Hauptschlagader. Das hätte auch ins Auge oder an die Schläfe gehen können. Da hab ich echt Glück gehabt.“ Die beiden beschlich der Verdacht, dass die Schüsse aus einem Fenster eines Hauses neben dem Campingplatz kamen. Sie riefen die Polizei. 

Nicht zum ersten Mal passiert

Als sie auf die Beamten warteten, erfuhren sie, dass vor ein paar Tagen schon einmal eine Person getroffen wurde. Die habe aber keine Anzeige gemacht. „Das muss man auf jeden Fall. Das ist ja kein Spielzeug, da kann schon mehr passieren“, findet Hans-Detlev Lipp. Eine Kugel sei richtig verformt gewesen. „Wenn die jetzt in die Brille reingegangen wäre! Da wird’s einem schon anders“, ergänzt Rau. 

Dreist finden die beiden: Ein 18-Jähriger – der sich später wirklich als Tatverdächtiger herausstellte – hatte nach seinen Schüssen auf dem Balkon eines Hauses neben dem Campingplatz gesessen, eine Shisha geraucht und gefilmt, wie Beate Rau und dazugekommene Camperinnen und Camper wegen des Vorfalls aufgebracht zusammenstanden und auf die Polizei warteten.

Luftgewehr sichergestellt

Nachdem Rau diese Situation geschildert hatte, gingen die Beamten ins Haus nebenan – und kamen nach einer Weile mit dem Luftgewehr wieder. Dieses zu besitzen, sei rechtlich kein Problem, so die Polizei Bad Brückenau. Damit aber einfach so herumzuschießen, schon. Zum Motiv des 
tatverdächtigen 18-Jährigen wollen die Beamten noch nichts sagen. 

„Froh war ich dann, als die Polizei noch mal kam und sie gesagt haben, dass sie ihn haben. Das war dann schon ’ne Erleichterung“, sagt Beate Rau. Als das noch nicht bekannt war, war sie sich sicher: „Ich geh heute Abend nicht allein zum Duschen.  Da wird einem schon anders.“

Entschuldigung nicht angenommen

Der 18-jährige Tatverdächtige habe es wohl bedauert und wolle sich entschuldigen, teilte die Polizei ihnen mit. Die nahm Beate Rau aber nicht an – zwei Schüsse, und dann noch filmen? Pure Absicht, wie sie findet. 

Schmunzeln können sie aber über eine Sache: Noch kurz vor dem Geschehnis hatten sie darüber gesprochen, lieber mal Nummern auszutauschen, falls jemandem was passiert. Damit sie die Angehörigen des anderen erreichen können: „Das hatten wir gestern wirklich davor noch gemacht!“