Hammelburg
Kommunalpolitik

Marode Leitungen: Zahn der Zeit nagt

Ob Strom, Gas oder Wasser - der Großteil der Bad Kissinger Infrastruktur ist in die Jahre gekommen. Dem möchten die Stadträte mit einem Konzept etwas entgegensetzen. Das kam nicht in jeder Fraktion gut an.
Die Versorgungsleitungen in Bad Kissingen sind nicht mehr gut in Schuss. Foto: Symbolbild: Archiv Benedikt Borst
Die Versorgungsleitungen in Bad Kissingen sind nicht mehr gut in Schuss. Foto: Symbolbild: Archiv Benedikt Borst

Jeder nutzt sie täglich, aber erst bei Problemen merkt man, was fehlt - die Infrastruktur. Diese ist in Bad Kissingen zu großen Teilen nicht mehr im besten Zustand. In der jüngsten Sitzung des Stadtrates debattierten die Gremiumsmitglieder über die bauliche Substanz. Um stets sauberes Wasser oder Strom für den Herd in jedem Haushalt zu gewährleisten, hat sich die Stadt ein Konzept überlegt. In jeder Legislaturperiode sprechen die Stadträte über die Infrastruktur und legen fest, wo zuerst Hand angelegt werden soll. Den ersten Schritt in diese Richtung haben die Stadträte jüngst getan. Sie informierten sich über den Zustand der Bad Kissinger Infrastruktur. Die Ergebnisse schockten manches Gremiumsmitglied.

"Bei der Kanalisation hat bereits über die Hälfte der Leitungen seine Lebensdauer schon erreicht", machte Thomas Hornung, der Leiter des städtischen Tiefbaus, deutlich. Ein Großteil der städtischen Abwasserkanäle hat ein Alter von 80 Jahren oder mehr. "Kanäle haben eine rechnerische Lebensdauer von 60 bis 80 Jahren", merkte er an. Ähnlich verhält es sich beim Alter des Wasserleitungen. Vom 237 Kilometer großen Leitungssystem sind zwei Kilometer älter als 80 Jahre, 66 Kilometer wohl noch älter. Beim Strom zeigt sich ein ähnlich drastisches Bild. Dort wird mit einer Lebensdauer von 20 bis 40 Jahren gerechnet. Von 946 Kilometern Leitungen sind 808 Kilometer Kabel über dem Wert. "In den vergangenen Jahren ist sehr wenig gelaufen", konstatierte Thomas Hornung.

Der Weg um das System zu modernisieren ist für den Fachmann aus dem Tiefbau das gemeinsame Bauen. Stadt und Versorger - in Bad Kissingen die Stadtwerke - gehen Straßenzüge gemeinsam an. So soll die komplette Infrastruktur sukzessive erneuert werden. Das beinhaltet auch die Straßen selbst. Denn auch diese sind in einem schlechten Zustand. "Ein Großteil unserer Straßen entstand in den 70er Jahren." Hier ist die Stadt ins Hintertreffen geraten: "Im Jahresdurchschnitt der vergangenen zehn Jahre sind etwa 300 Meter Straße jährlich erneuert worden. Es müsste eigentlich das zehn- bis fünfzehnfache sein."

Geht es nach dem Mann aus dem Tiefbau, steht die Stadt - trotz Wegfall der Straßenausbaubeiträge - nicht vor einem Finanzierungsproblem. Nach der Aufteilung der Kosten auf Stadt und Stadtwerke und dem Abzug von Fördergeldern schlagen laut Thomas Hornung nur noch 20 bis 40 Prozent der Kosten für den Straßenbau im Haushalt auf. Von etwa 2500 Euro pro Meter Straße entfallen laut ihm dann nur noch etwa 500 bis 1000 Euro pro Meter auf die Stadt. Auf diese Art haben sich Stadt und Stadtwerke bereits der Erhardstraße, der Burgstraße oder der Dr.-Georg-Heim-Straße angenommen. Grundlage dafür war ein Rahmenvertrag zwischen den beiden Partnern.

Bei Steffen Hörtler, dem Sprecher der CSU-Fraktion, sorgte die Präsentation aus dem Tiefbauamt für Unmut. "Ich bin enttäuscht. Wenn jetzt die Idee ist, das gemeinsame Bauen zu favorisieren, wo ist das Neue?" Er verwies hierfür auf den bestehenden Vertrag. "In der Innenstadt ist kein Fortschritt zu sehen. Den Zustand der Infrastruktur sieht jeder. Ich sehe hier keine Lösung und frage mich, was ich dem Bürger sagen kann." Dirk Vogel (SPD), der Bad Kissinger OB, betonte: "Dass wir gemeinsam mit den Stadtwerken an die Straßen rangehen, ist nicht jedem Mitglied im Gremium bekannt. Es ist eine rein politische Diskussion." Die Strategie baue darauf auf regelmäßig neu zu entscheiden, wo Handlungsbedarf herrscht.

Martina Greubel (DBK) verlangte mehr Flexibilität. "Können wir nicht dort, wo wir für eine Reparatur reinmüssen gleich alles machen?" Bauamtsleiterin Christine Schwind verwies darauf, dass dies nicht möglich sei. "Auch wenn es schön wäre: So schnell geht leider keine Gesamtplanung für eine ganze Straße. So etwas hat immer einen gewissen Vorlauf."

"Es entstand bereits eine lange Liste. Gemacht worden ist dagegen nur wenig", kritisierte Steffen Hörtler weiter. "Wir haben damit doch bereits den großen Fahrplan", betonte der Christ-Soziale. "Der ist jetzt wieder neu festzulegen", entgegnete der Bad Kissinger Rathauschef.

Kritik kam weiterhin aus der CSU-Fraktion. Wolfgang Lutz bemühte sogar den Dichterfürsten Goethe: "Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube." Vor rund sechs Jahren sei es nicht möglich gewesen, als die Rhön-Maintal-Gruppe Wasserleitungen in Hausen erneuerte, in diesem Zuge die restliche Infrastruktur zu erneuern. Über den Sanierungsstau war er entrüstet. "Was soll das jetzt bringen? Haben wir jetzt das Geld, die Zeit oder die Ressourcen dafür? OB Dirk Vogel verwies für das Beispiel Hausen darauf, dass es sich hierbei um eine Einzelfrage handele. "Wir reden über eine grundsätzliche Strategie." Die Diskussion abkürzen, wollte auch der Fraktionssprecher der SPD, Bernd Czelustek. "Das ist sonst eine Debatte ohne Ziel. Wenn wir über alles sprechen wollen, was die Infrastruktur betrifft, können wir als Gremium zu einem sehr langen gemeinsamen Frühstück gehen."

Lob kam dagegen aus der Reihe der Grünen. "Das Konzept, gemeinsam ran zu gehen ist gut. Und des ist nicht schlecht, dass man mal hört, wie die Lage ist", betonte Richard Fix. Ihm macht insbesondere der Klimawandel Sorgen. Wie Thomas Hornung erwähnte, sorgt dieser dafür, dass sich die Straße setzt und in Folge Hohlräume entstehen. Das kann zu Brüchen der Leitungen führen. Das Flickwerk von aneinander angrenzender alter- und neuer Straßenbereiche verstärke dies noch.

"Derzeit reparieren wir mehr, als dass neue Infrastruktur entsteht - und das führt zu hohen Kosten", betonte Thomas Hornung. Sein Appell: "Es braucht ein ausgeglichenes Verhältnis von Reparaturen und Neubauten."