Sommerliche Stille? Kann man auf dieser Wiese mitten in der Rhön-Kaserne vergessen. Befehle gellen über das Grün, das - vom letzten Regen noch aufgeweicht - von zahlreichen Stiefeln zertrampelt ist.

"Feind, 200 Meter, auf 12 Uhr - auf erkannten Feind drei Schuss Feuer!", schreit ein Offizier. Soldatinnen und Soldaten - Alter, Geschlecht oder ähnliche Merkmale lassen sich unter Parka und Stahlhelm kaum identifizieren - versuchen den Befehl mit ihren Pistolen hektisch umzusetzen (Natürlich schießen sie nicht wirklich, weder mit Platz- noch mit scharfer Munition). Andere versuchen im Liegen, mit der komplizierten Mechanik des Maschinengewehrs MG 3 zurechtzukommen.

Mittendrin im Gewusel und Stimmengewirr steht, auf Absatzschuhen, eine Hand lässig in die linke Hosentasche geschoben: eine Zivilistin. Der Eindruck stimmt nur halb. Denn die Frau mit dem in tarnfleck-geprägter Umgebung auffälligen blauen Oberteil ist quasi die "Erste Soldatin der Bundesrepublik Deutschland": Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), bekannt als "AKK", Bundesministerin der Verteidigung und ehemals CDU-Bundesvorsitzende.

Die 58-jährige Saarländerin ist gekommen, um sich die Spezialausbildung von Menschen des im Frühjahr gestarteten "Freiwilligen Wehrdienstes im Heimatschutz" anzuschauen. Und um einige aus Reservisten bestehenden Einheiten sogenannter Regionaler Sicherungs- und Unterstützungskräfte (RSU) formal in Kompanien des Heimatschutzes umzubenennen.

Vier Monate in Wildflecken

Der freiwillige Wehrdienst im Heimatschutz: Er beginnt mit einer dreimonatigen Grundausbildung an einem von elf Bundeswehr-Standorten, unter anderem Volkach (Landkreis Kitzingen). Wildflecken ist einer von nur drei Stützpunkten (neben Berlin und Delmenhorst), wo sich über vier Monate die Spezialausbildung anschließt. Danach können die Heimatschützler wohnortnah ihre restlichen fünf Monate Dienst ableisten. Wobei die letzten Monate in Phasen auf sechs Jahre gestreckt werden können.

Der Heimatschutz umfasst viele Aufgaben: Wachdienste, Schutz von Objekten, aber auch Amtshilfe für zivile Behörden bei Katastrophen wie der Corona-Pandemie, Hochwasser oder schweren Unglücken.

Bei aller Verbindung zum Zivilleben: Heimatschutz ist und bleibt eine soldatische Angelegenheit. Daher auch der große militärische Anteil an der Spezialausbildung in Wildflecken: das Üben mit der Pistole P8, dem MG 3, der Panzerfaust, der Fernmelde-Unterricht, die erweiterte Erste-Hilfe-Ausbildung.

Der wesentliche Unterschied zum Berufssoldatentum: Die Einsätze der Heimatschützer finden nur in Deutschland statt; für Auslandskampagnen der Bundeswehr muss sich niemand verpflichten. Auch wenn die Verantwortlichen hoffen, dass der ein oder andere doch in die Berufsarmee übertritt.

Beim Heimatschutz mitmachen kann jeder ab 17 Jahren - vorausgesetzt, man besteht den Gesundheits- und Sicherheitscheck.

Annika T. aus Thüringen hat das getan. Die 20-jährige Gefreite gehört zu den ersten, die bei "Dein Jahr für Deutschland" mitmachen. Ihre gerade beendete Grundausbildung in Volkach nennt sie "auf jeden Fall sehr fordernd; man ist an seine Grenzen gekommen. Allein schon das Verständnis für die militärischen Begriffe. Dann hatten wir viele Märsche, die Schieß-, die Sanitätsausbildung und am Ende das Biwag mit der Abschlussübung."

Die Spezialausbildung gefalle ihr sehr gut. "Die Kaserne in Wildflecken ist im Vergleich zu Volkach sehr groß. Es gibt sehr viel neues, neue Leute." Mit dem MG 3 sei eine neue Waffe hinzugekommen. Ob sie nach der Zeit beim Heimatschutz bei der Bundeswehr verlängert oder vielleicht studiert, weiß Annika T. noch nicht.

Zurück zu "AKK". Für die Ministerin läuft der Heimatschutz selbstredend gut an. Mit 298 Bewerbern sei man im April in die Grundausbildung gegangen (jetzt sind es inklusive Luftwaffe rund 250, d.R.); 56 würden nun in Wildflecken die Spezialausbildung beginnen. Pro Quartal sollen nun mehr als 250 Rekruten neu beginnen.

Für die 58-Jährige war es ein bewegender Moment, in Wildflecken mit den Freiwilligen zu reden. "Die Gespräche mit den jungen Heimatschützern waren sehr, sehr ermutigend und unglaublich motivierend. Wir sind selbst ganz überrascht von dem großen Interesse." Mit der Reserve und den Landeskommandos müsse man dafür sorgen, dass konkrete Einsatzmöglichkeiten auch dieser Erwartung entsprächen. Insgesamt möchte die Bundeswehr künftig über 100000 Reservistinnen und Reservisten verfügen.

Für Kramp-Karrenbauer war es auch wichtig, bei einem Appell gemeinsam mit Generalleutnant Martin Schelleis den RSU-Einheiten (Aktive und Reservisten) wieder die alten Namen "Heimatschutzkompanie/Heimatschutzregiment" zurückzugeben. Dies sei mehr als eine bloße Umbenennung, sondern die Rückgabe von Identität, die es so in den vergangenen Jahren nicht mehr ausdrückte.

Es zeige aber auch eine veränderte Situation: die Bundeswehr nicht nur im gefährlichen Auslandseinsatz, sondern auch in der Landes- und Bündnisverteidigung und in der zivil-militärischen Zusammenarbeit. Das alles umfasse das Thema Heimat.