Kommenden Montag werden es genau 30 Jahre, dass Martin Hämel bei "Reifen Müller" angefangen hat. "Ich fahre jeden Tag mit Spaß auf die Arbeit", sagt der 56-Jährige. Zunächst war er in Hammelburg tätig, dann leitete er zehn Jahre lang die Filiale in Karlstadt, mittlerweile sitzt er in der "Zentrale", wie Martin Hämel und seine Kollegen das Großlager in Westheim nennen. Die Zentrale ist auch nach der Übernahme durch Hankook 2018 für alle die Zentrale geblieben: "Für uns als Mitarbeiter hat sich fast nichts geändert", berichtet Hämel. Lediglich Entscheidungen fielen heute anders: Senior-Chef Otto Müller habe oft "aus dem Bauch heraus" entschieden, in einem großen Unternehmen gebe es für Prozesse natürlich klare Vorgaben.

Von Schubkarre bis Traktor

Das bestätigen auch Uwe Müller und Jürgen Fischer: Müller ist der Sohn von Firmen-Gründer Otto Müller und Geschäftsführer der Runderneuerung, Fischer kam erst nach der Übernahme ins Unternehmen und ist für den Reifen-Groß- und Einzelhandel verantwortlich. "Wir sind ein Vollsortimenter und haben jeden Reifen, von der Schubkarre bis zum Traktor, vom Pkw zum Lkw", berichtet er: 500 000 Pkw- und 20 000 Lkw-Reifen seien im Lager vorrätig, dazu Felgen, Schläuche und Zubehör. 15 Hersteller führt der Großhändler, stellt Fischer klar, und: "Wir haben vor der Übernahme Hankook vermarktet und vermarkten Hankook natürlich noch heute."

Bei der "Reifen Müller GmbH" habe es vor drei Jahren 598 Vollzeit-Stellen gegeben, aktuell seien es sogar 603, verweist Jürgen Fischer auf ein leichtes Wachstum. Die Zahl der Auszubildenden sei sogar von 13 auf 29 gestiegen. Das Verbreitungsgebiet mit 44 Filialen erstrecke sich von Erfurt bis Ulm und von Wiesbaden bis Coburg. Rund drei Viertel der Mitarbeiter arbeiten in den Filialen, ein Viertel in der Westheimer Zentrale. Wie viele Reifen jedes Jahr verkauft werden, gibt das Unternehmen nicht bekannt, aber es handle sich um eine siebenstellige Zahl, also mehr als eine Million. Trotz Corona seien die Zahlen relativ stabil: In den Filialen sei der Absatz um wenige Prozent zurück gegangen, dafür setzte das Großlager wegen der Insolvenz eines Mitbewerbers mehr um. Kurzarbeit gab es im Lager gar nicht. "Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen", sagt Fischer.

Nur 500 Meter vom Großlager entfernt steht das zweite große Standbein von Reifen Müller, die Runderneuerung von Lkw-Reifen: Rund 65 Mitarbeiter arbeiten dort. Das Angebot ist breit gefächert: Bei großen Reifen werden zum Beispiel schadhafte Stellen ausgebessert. Mit der eigenen Logistik holt das Unternehmen aber vor allem alte Reifen in ganz Deutschland ab, prüft die sogenannten Karkassen in mehreren Schritten und bringt dann ein neues Profil auf. Bei Nutzfahrzeugen würden aktuell rund 40 Prozent aller Reifen runderneuert. Das spare 70 bis 80 Liter Erdöl pro Reifen. "Die Ökologie ist uns sehr wichtig", betont deshalb auch Geschäftsführer Uwe Müller. Runderneuerte Reifen würden als Umwelt-Produkt sogar staatlich gefördert.

"Wir sind einer der größten und modernsten Runderneuerer in Deutschland", sagt Müller. Auch er nennt keine genaue Menge, spricht aber von einer sechsstelligen Zahl an Reifen, pro Tag werden also mehrere hundert Reifen in Westheim runderneuert. Weil durch Corona weniger Lkw und Busse gefahren seien, sei der Umsatz heuer um rund zehn Prozent zurückgegangen.

Trotzdem soll die Runderneuerung wachsen: Aktuell kommen in der Frankenstraße auf rund 10 000 Quadratmetern Produktionsflächen zwei Verfahren zum Einsatz: Rund drei Viertel der Reifen würden im "Kalt-Verfahren" runderneuert. Das gesamte "Heiß-Verfahren", also aktuell rund ein Viertel der Produktion, soll in die benachbarte Bayernstraße verlagert werden. Dort sei nach einer Insolvenz ein 2500 Quadratmeter großes Werk angemietet worden. Aktuell laufe das Genehmigungsverfahren.

Gründung Mitte der 1960er Jahre machte sich Otto Müller mit einem Reifen-Handel in einer Weißenbacher Garage selbstständig. Unterstützt wurde er zunächst nur durch seine Frau Irma. Das Geschäft wuchs, die erste Filiale entstand in Bad Brückenau, es folgten Verkaufsstellen in Hammelburg, Gemünden und dutzende weitere.

Erweiterung 1989 wurde das neue Lager im Hammelburger Gewerbegebiet "Thulbafeld" in Betrieb genommen. 1994 entstand das erste Werk für Runderneuerung in Zeitlofs. Die Runderneuerung zog im Jahr 2001 in die Räume einer ehemaligen Schreinerei in die Westheimer Frankenstraße. 2007 baute Reifen Müller dann ein neues Lager mit 45 000 Quadratmetern Lagerfläche an der Kreisstraße.

Übernahme Im Juni 2018 verkaufte die Familie Müller ihren Betrieb mit 44 Filialen und der Runderneuerung an den Reifen-Hersteller Hankook. Otto Müllers Sohn Uwe Müller ist Geschäftsführer der Runderneuerung. Sein Bruder Klaus Müller ist zuständig für die Immobilien, die im Eigentum der Familie geblieben sind.rr