Zwei Stunden lang sitzt Ahmad Schoaib Saqebi in der Sitzung des Jugendhilfeausschusses, hört aufmerksam zu, obwohl es um jede Menge bürokratische Regeln geht. Eigentlich müsste er für den "Quali" lernen, am nächsten Tag schreibt er Englisch, aber das Jugendamt bat ihn, sein Schicksal zu schildern. Als er endlich ans Mikrofon gerufen wird, ist seine Botschaft einfach: "Ich hoffe, dass ich in Deutschland sicher leben kann und arbeiten darf", sagt der 18-Jährige, und: "Die Leute müssen keine Angst vor Flüchtlingen haben."
Ahmad Schoaib Saqebi wurde im April 1999 in Kabul geboren. Seine Familie lebt immer noch dort, trotz aller Bomben und Anschläge, berichtet er. Von 2006 bis 2014 ging er in Kabul zur Schule, dann verlässt er im Alter von 15 Jahren seine Heimat - alleine. "Zuerst nach Pakistan, dann Iran, Türkei und Griechenland" zählt er einige Stationen der langen Reise auf. Im Oktober 2015 reiste er nach Deutschland ein, im Dezember stellte er den Asylantrag.


Klage gegen Ablehnung

Als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling (kurz: umF) fiel er in die Zuständigkeit des Jugendamtes und wurde in einer stationären Jugendhilfe-Einrichtung untergebracht. Ab Februar 2016 besuchte er die Berufsintegrationsklasse der Berufsschule, ein Jahr später wurde sein Asylantrag dann abgelehnt. Weil er jedoch bereits seit Januar einen Ausbildungsvertrag hat, verlängerte die Ausländerbehörde die Aufenthaltsdauer bis Februar 2021. Dafür hat sich auch Jochen Gärtner stark gemacht: "Ich habe an die Ausländerbehörde und sogar an unseren Landtagsabgeordneten geschrieben", berichtet der Inhaber der Firma "Elektro Fischer". Der Betrieb in Sichtweite zur Berufsschule setzt sich seit Beginn der Flüchtlingswelle für Integration ein. "Wir hatten schon Praktikanten aus aller Herren Länder."
Der erste Versuch, aus einem Praktikum eine Lehre zu machen, scheiterte: Der albanische Flüchtling wurde abgeschoben. Auch bei Ahmad Schoaib Saqebi sah es zwischendurch schlecht aus: "Da hat der politische Wind in Bayern gedreht, und die jungen Afghanen sollten alle abgeschoben werden", erinnert sich Gärtner. Umso mehr habe er sich eingesetzt: "Schoaib ist ein prima Kerl, er fragt uns Löcher in den Bauch und ist absolut lernwillig", begründet er seine Hartnäckigkeit.


Zusätzliche Lehrstelle

Dabei ist der Beruf des Elektrikers, Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik, durchaus beliebt: "Wir haben keine Probleme, Auszubildende zu bekommen", berichtet Gärtner. Heuer im Herbst beginne auch ein deutscher Bewerber. Die zweite Lehrstelle für Schoaib habe er zusätzlich angeboten. Ob der 18-Jährige die laufende Quali-Prüfung besteht, sei dabei zweitrangig: "Wir suchen schon immer unsere Lehrlinge danach aus, wie sie sich hier verhalten", sagt Gärtner. Und das passe einfach: "Ich lerne jeden Tag von ihm Englisch", nennt Gärtner als Beispiel. Das Lob gibt der 18-Jährige schlagfertig zurück: "Und ich lerne jeden Tag so viel von Herrn Gärtner."
Dass sich der Wille zur Integration lohnt, weiß auch Cornelia Liebold vom Verein "Netzwerk für soziale Dienste". Sie war bis April Schoaibs Vormund, aktuell hat sie die Erziehungsbeistandschaft für ihn übernommen. Damit können junge Menschen nach der Volljährigkeit noch bis zu sechs Monate betreut werden. "Es gibt Jugendliche, die mit 18 keine Hilfe mehr brauchen, bei anderen wäre sogar eine stationäre Hilfe noch sinnvoll", kommentiert Liebold das Programm.
Für Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea, Somalia oder dem Irak sei die Situation am einfachsten: Sie würden fast immer anerkannt und dürfen deshalb während des Asylverfahrens arbeiten. Bei sicheren Herkunftsländern wie Albanien oder Ägypten gilt das genaue Gegenteil, da gebe es grundsätzlich keine Arbeitsgenehmigung. "Bei Afghanistan und einigen anderen Ländern ist es immer ein Hin und Her", berichtet Liebold. Hier liege die Schutzquote im Moment bei rund der Hälfte, mehr als ein Drittel der Klagen gegen ablehnende Asylbescheide sei erfolgreich. Deshalb dürften gerade Afghanen, die als Minderjährige einreisten, gut deutsch sprechen und sich besonders gut integrieren, oft bleiben und eine Ausbildung machen.
Gute Quoten gibt es laut Karin Maywald, Leiterin der Staatlichen Berufsschule Bad Kissingen, insgesamt für die Schüler der Berufsintegrationsklassen: Rund 70 Prozent der diesjährigen Abgänger hätten eine Ausbildung in Aussicht, berichtet sie. Jetzt sei spannend, ob vor allem die Deutsch-Kenntnisse reichen, um ab Herbst dem Fach-Unterricht zu folgen.