Als Klaus Dieter Guhling vor 25 Jahren das Stadtarchiv übernahm, bestand es hauptsächlich aus Schriftgut aus dem Rathaus. Damals gab es auch nicht einmal halb so viele Räume wie heute. "Ich bin ein Sammlertyp", sagt er. So lange es die Gesundheit zulässt, will er weiter machen.
"Ich habe Freude daran und ich habe vor allem Zeit, weil ich im Ruhestand bin", sagt er. Doch so allmählich würde er gerne einen Nachfolger anlernen. "So ein Archiv lebt von der Kontinuität", betont er.
Im Ruhestand war er längst noch nicht, als er vor 25 Jahren das Archiv übernahm. 1987 war er am Schönborn-Gymnasium als Lehrer tätig, saß für die SPD im Stadtrat und im Kreistag. Eigentlich genug, aber das Archiv hat ihn gereizt.
Erste Kontakte Schon zwei Jahre zuvor hatte er in Zusammenarbeit mit dem damaligen Bürgermeister Ferdinand Betzer an einem Stadtbuch anlässlich der 650-Jahrfeier der Stadterhebung Münnerstadts gearbeitet. Auch der damalige Stadtarchivar Josef Willmann (†) war daran beteiligt. Schon 1985 hat Klaus Dieter Guhling dem Bürgermeister signalisiert, dass er Interesse habe, die Arbeit zu übernehmen, sollte Josef Willmann sich zurückziehen wollen. Zwei Jahre später - im August 1987 - war es dann soweit. Klaus Dieter Guhling wurde Stadtarchivar von Münnerstadt und setzte die erfolgreiche Arbeit seines Vorgängers fort. Josef Willmann hatte es geschafft, dass das Archiv aus einem Raum im Schloss in einen Teil des Ostflügels im zweiten Stock der Zehntscheune verlegt wurde. "Vorher war das Stadtarchiv eine Abstellkammer", sagt Guhling. Willmann war es auch zu verdanken, dass ein Teil der Archive aus den Stadtteilen nach Münnerstadt kamen. Klaus Dieter Guhling hat dies fortgesetzt.
Als er das Archiv übernahm, sah es noch ganz anders aus. "Es gab kein Foto, kein Plakat, keine Zeitungsartikel, keine Periodika, keine Vereinspublikationen und keine Festschriften", zählt der Stadtarchivar auf. "Das kann doch nicht sein", sagte er sich und dann begann er das, was ihn wohl am meisten kennzeichnet: "Ich begann Sammlungen in Gang zu setzen." Es ist sein Verdienst, dass das Archiv um Sammlungen bereichert und erweitert wurde. Herausgekommen ist ein "weit gespannter Bogen des Lebens unserer Stadt und unserer Region".
Ein Kern davon ist für Klaus Dieter Guhling die Archivierung der Tageszeitung. "Das ist für mich das A und O der Dokumentation das Geschehens in der Stadt."
Fotoarchiv begründet Das Sammeln von Fotos ist für Klaus Dieter Guhling zu einer Leidenschaft geworden. Begonnen hatte es 1988 damit, dass er sich Negative holte, die die "Münnerstädter Zeitung" nicht selbst für ihr Archiv brauchte. Es werden ja bei Terminen mehr Fotos geschossen, als gebraucht werden.
Dann kam der riesige Foto-Fundus aus dem Archiv von Foto-Müller, die zwischen 1966 und 1978 geschossen wurden. Das "Who is Who?" der Stadt Münnerstadt in jener Zeit, weil wohl jeder Münnerstädter in diesen Jahren ein Passbild von sich anfertigen ließ. Das Problem: Die Negative waren nicht gekennzeichnet und es gab keine Positive.
Also hat Klaus Dieter Guhling in einer Dunkelkammer die Positive selbst belichtet. Etwa 18 000 Fotos hat er so hergestellt. 10 000 bis 11 000 konnten bisher identifiziert werden. "Wir sind immer noch drüber", sagt der Stadtarchivar.
Und dann kam Christian Winterstein. Der Münnerstädter Fotograf überließ dem Stadtarchiv große Teile seines Archivs. "Ein Riesen-Bestand, Zigtausende von Fototaschen." Es sei sein glücklichstes, aber auch sein verzweifelstes Erlebnis in all den Jahren gewesen. "Überglücklich über den Riesenfundus, aber auch verzweifelt über die Aufgabe." Eine schwere, aber lösbare Aufgabe, wie sich inzwischen herausgestellt hat. Denn die Negative waren beschriftet und es gab auch Positive. Vor rund drei Wochen sind Rita Jonas und Elisabeth Wüst - zwei Helferinnen im Stadtarchiv - fertig geworden. Und Roman Jonas hat alles in die Personalia eingepflegt. Ein abgeschlossenes Kapitel.
Es wird immer mehr Der Fotonachlass von Josef Parsch, die unzähligen Fotos von Gerhard Fuhrmann von der "Münnerstädter Zeitung", Archivmaterial von der "Main-Post" und viele Fotos mehr sind inzwischen ins Stadtarchiv eingepflegt worden. Und das sind nur die Fotos. Auch die Zahl der wesentlich platzraubenderen Bücher und Bände ist stark angestiegen. Zu nennen wären dabei die verschollenen Jahrgänge der "Münnerstädter Volkszeitung", die Klaus Dieter Guhling immer auf dem Dachboden im Haus des ehemaligen Verlegers in der Jörgentorgasse vermutet hatte. Und dort hat er sie nach vielen Jahren beharrlichen Wartens auch gefunden. Heute sind sie im Besitz des Stadtarchivs.
So ist in den 25 Jahren der Ära Guhling das Archiv stark angewachsen. "Ich habe mich Raum um Raum vorgekämpft", sagt er. Heute hat er den gesamten Ostflügel des zweiten Obergeschosses der Zehntscheune in Beschlag genommen. Aber auch das reicht längst nicht mehr. Teile sind in den Keller des historischen Gebäudes ausgelagert worden.
Und genau dort sieht Klaus Dieter Guhling auch die Zukunft des Stadtarchivs - vorausgesetzt der Keller wird entsprechend klimatisiert, damit das Archiv nicht vergammelt.
Die Sammlung hat ihr Gewicht Und warum nicht in den heutigen Räumen? Der Grund ist ebenso einfach wie einleuchtend: das riesige Gewicht der Sammlung. Guhling zeigt Risse, die durch die Absenkung des Bodens entstanden sind. Nicht dramatisch, aber auch nicht unproblematisch. Im Keller könnte man auch spezielle Regale einbauen (die mit einer Kurbel bewegt und zusammengeschoben werden können), wodurch praktisch viel weniger Platz durch Gänge verschwendet wird. "Da muss die Stadt aber viel Geld in die Hand nehmen", weiß Klaus Dieter Guhling. Möglicherweise ließe sich so etwas auch über das Förderprogamm "Stadtumbau West" bezuschussen. Aber das ist Zukunftsmusik.
Ein bisschen näher ist da schon die Einarbeitung eines möglichen Nachfolgers. Natürlich will Klaus Dieter Guhling den künftigen Stadtarchivar bei seinen ersten Schritten begleiten. Aber bisher ist noch niemand in Sicht. "Er sollte interessiert sein an der Heimatgeschichte und er sollte ein Sammlertyp sein", beschreibt Klaus Dieter Guhling seine Vorstellungen. Vor allem sollte er täglich eine Stunde (oder mehr) aufbringen können. Deshalb richtet sich der Blick des ehemaligen Gymnasiallehrers auch auf jüngere Kollegen. Wer eine Firma hat, könne diese Zeit sicher nicht aufbringen. Vielleicht wäre ein Geschichtslehrer, der auch noch die deutsche Schreibschrift beherrscht die Idealbesetzung. "Ich bin jederzeit bereit, ins zweite Glied zu treten", sagt er. Beratend kann er auch so zur Seite stehen. Wenn es gewünscht wird. Und da ist ja auch noch Dorothea Hanshans, die zweite offizielle Mitarbeiterin im Stadtarchiv, die sich bestens auskennt.
Noch ist es nicht so weit. Den 25 Jahren kann durchaus noch das eine oder andere folgen. Wegzudenken ist die Arbeit von Klaus Dieter Guhling schon heute nicht. Und das hat auch allgemeine Anerkennung gefunden.
Wer etwas wissen will: Von 10 bis 12 Uhr ist von Montag bis Freitag ist das Archiv besetzt. Ein Service, den es durchaus nicht überall gibt.